Der August

von Erich Kästner

OFM 1
Foto: © Oberpfälzer Freilandmuseum

Nun hebt das Jahr die Sense hoch

und mäht die Sommertage wie ein Bauer.

Wer sät, muss mähen.

Und wer mäht, muss säen.

Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

 

OFM 2
Foto:  © Ulrich Göpfert

Stockrosen stehen hinterm Zaun

in ihren alten, brüchigseidnen Trachten.

Die Sonnenblumen, üppig, blond und braun,

mit Schleiern vorm Gesicht, schaun aus wie Frau'n,

die eine Reise in die Hauptstadt machten.

Wann reisten sie? Bei Tage kaum.

Stets leuchteten sie golden am Stakete.

Wann reisten sie? Vielleicht im Traum?

Nachts, als der Duft vom Lindenbaum

an ihnen abschiedssüß vorüberwehte?


In Büchern liest man groß und breit,

selbst das Unendliche sei nicht unendlich.

Man dreht und wendet Raum und Zeit.

Man ist gescheiter als gescheit, -

das Unverständliche bleibt unverständlich.

OFM 3
Foto: © Oberpfälzer Freilandmuseum


Ein Erntewagen schwankt durchs Feld.

Im Garten riecht's nach Minze und Kamille.

Man sieht die Hitze. Und man hört die Stille.

Wie klein ist heut die ganze Welt!

Wie groß und grenzenlos ist die Idylle...

OFM 4
Foto:  © Ulrich Göpfert


Nichts bleibt, mein Herz. Bald sagt der Tag Gutnacht.

Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht,

ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer.

Dann wünsche Deinen Wunsch, doch gib gut acht!

Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

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