Die Querkele im Staffelberg

Eine Sage aus Oberfranken

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Der Staffelberg in der Nähe von Bad Staffelstein in Oberfranken
Foto: © Ulrich Göpfert

Das Querkelesloch auf dem Staffelberg war ehedem der Eingang zu den Wohnungen der Unterirdischen. Sie waren gutmütige Wesen, gingen bei allen Leuten ungefragt und unbehelligt ein und aus, standen jedermann hilfreich bei in Haus, Hof und Stall und verrieten in Zeiten von Krankheiten heilsame Kräuter und Wurzeln.

Besonders mit den Frauen konnten sie es gut. Stundenlang standen sie oft in der Küche und beobachteten neugierig jeden Handgriff, fragten auch dies und das und versäumten niemals, sich von allem, was gesotten und gebraten wurde, ein winziges Stücklein schenken zu lassen. Vor allem hatten es ihnen die Kartoffelklöße angetan. Davon konnten sie nie genug kriegen und sie bettelten auch immer für ihre Leute drinnen im Berg. Sie wussten genau die Klößtage und alle Frauen, die gute Klöße kochten, waren ihnen bekannt.

Mit der Zeit fiel es den Hausfrauen auf, dass ihre Klößtöpfe für den Appetit ihrer Leute zu klein waren, obwohl keines von ihnen mehr als sonst gegessen hatte. Immer, wenn die Hausfrau Klöße auftragen wollte, fand das Küchenquerklein ein Mittel, die Frau aus der Küche zu bringen. Kam sie zurück, dann war das Querklein verschwunden.

Einmal aber sah eine Frau gerade noch, wie das Querklein auf einem Stuhl stehend einen Kloß aus der Schüssel langen und in seinen Zwergensack stecken wollte. Da war das Geheimnis enthüllt, warum die Klöße nicht mehr reichten. Was aber sollte man gegen die kleinen Spitzbuben tun? Da gab ein weiser Mann den Rat, die Klöße in den Topf und wieder in die Schüssel zu zählen. Dann könnten die Zwerge nicht mehr stehlen. Und richtig! Dieses Mittel half. Keine Schüssel wurde weiterhin angerührt, und mit einem Mal blieben die Querklein den menschlichen Wohnungen fern. Aus dem Berg soll man öfter in der Nacht ein Wehklagen vernommen haben.

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Ein Blick vom Staffelberg auf Bad Staffelstein in Oberfranken
Foto: © Ulrich Göpfert

Es war ein schlechter Rat, den der kluge Mann gegeben hatte. In einer finsteren Nacht zogen die Zwerge, Männlein und Weiblein, mit Sack und Pack unter großen Klagen über die Undankbarkeit der Menschen den Staffelberg hinunter zum Main. Dort schrien sie so lange mit ihren dünnen Stimmchen "Hol über", bis der alte Fährmann aufwachte und sein Fahrzeug herüberlenkte auf die vielen hundert Lichtlein zu. Als ob sie verfolgt würden, so stürzten die Wichte in die Fähre, und als alle glücklich darinnen waren, hatte kaum der Schiffer noch Platz zum Stehen. Drüben ging es ebenso. Wohl rief jedes dem Fährmann einen Dank zu, dann aber wuselten sie davon wie ein Haufen Ameisen. An den Fährlohn dachte keiner. Die Gesichter der Kleinen sahen recht betrübt und verängstigt aus und ihre mageren Säcklein bewiesen, dass nichts von Gold und Edelgestein darinnen war.

Seitdem brauchen die Frauen die Klöße nicht mehr zu zählen. Durch ihre Kargheit und Lieblosigkeit hatten sie ihre besten Freunde vertrieben.

Quellenhinweis: Emil Grimm

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