Ernte und Erntedankfest in früheren Jahren

Schwerste Handarbeit bei der Ernte, aber auch gutes Essen
während dieser Zeit

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Dieses Foto ist im Jahre 1934 in Dörfles-Esbach in der Neustadter Straße entstanden und zeigt den prächtig geschmückten und mit den Bauern und Erntehelfern besetzten und von zwei Arbeitspferden gezogenen Erntewagen wie er früher zu dem Erntedankfest üblich war. Im Hintergrund des Bildes das Haus dessen Besitzer die Ulmanns vom Rittergut aus Neudörfles waren. In diesem Haus hatte die Familie Schmidt früher eine Bäckerei.
Alle Repros: Ulrich Göpfert

Wenn in unserer Zeit in den Hochsommermonaten die wogende Getreidefelder der Ernte entgegenreifen, muss an jene Zeiten unserer Vorfahren erinnert werden, in denen die Ernte noch die schwerste und anstrengendste Arbeit im bäuerlichen Jahresablauf war. Die Erntearbeiten, die heute der Mähdrescher in wenigen Tagen erledigt, erstreckten sich früher über mehrere Wochen. Die Getreideernte begann damals früher im Jahr als heute. Die Saaten wurden seinerzeit nicht so stark ausgedüngt, und deshalb reiften die Ähren früher aus. Außerdem wurden auch die frühreifen Sorten zur Aussaat verwendet. Das Getreide konnte zudem auf den zusammengestellten "Garben Mandl" noch nachreifen, während heute bei der Ernte mit dem Mähdrescher die "Totreife" (harte Körner) eingetreten sein muss.

Die Ähren sollten, um ein Ausfallen der Körner zu verhindern, noch nicht ganz reif sein. Sie mussten damals durch viele Hände gehen, bevor es zum Dreschen ging. Man musste deshalb schon mähen, wenn die Körner halbwegs reif waren. Man machte die "Nagelprobe". Dazu bog man ein Getreidekorn über den Fingernagel, wenn es dabei abbrach, konnte man "schneiden". Vier Wochen lang musste man täglich von früh bis abends Getreide schneiden. Wenn das Wetter ungünstig war, zog sich die Getreideernte auch über sechs Wochen und noch länger hin, zumal der Hafer damals viel später reif wurde als heutzutage. Um den 15. bis 25. Juli begann der Roggenschnitt. Eine alte Bauernregel besagt: "Die erst Birn` bringt Margareth (20 Juli), drauf überall die Ernt` angeht".

Schon zu früher Morgenstunde zogen die Schnitter sensenschwingend hinaus aufs Ährenfeld. Das Mähen war Sache der "Männerleut", und jeder Mäher hatte eine "Nachklauberin". Die Mäher achteten peinlichst genau auf eine gute Schneid ihrer Sense. Denn hatte sie einmal an Schärfe verloren, war das Mähen doppelt anstrengend, und der Schnitt wurde unsauber. Hinter den Mähern kamen - wie schon erwähnt - gleich die Frauen und Mägde, die die gemähten Halme mit der Hand auflasen oder auch mit einer Sichel aufhoben, und dann zu Bündeln (Garben) zusammenbinden mussten. Diese Tätigkeit war äußerst anstrengend und erforderte viel Geschick. Aus Gründen der Sparsamkeit verzichtete man früher auf eine Bindeschnur und umwickelte die Getreidebüschel mit einer Handvoll Strohhalme. Die Garben wurden vor Feierabend, oder wenn das Feld gemäht war,  jeweils fünf bis sieben Stück,  zu kleinen Gruppen ("Kornmandl") zusammengestellt. Das Kornmandlaufstellen war hauptsächlich eine Arbeit für Frauen und Mägde, aber auch die Kinder mussten mit zugreifen. Man legte Wert darauf, dass die "Mandl" schön in Reih und Glied zu stehen kamen. Je nach Witterung blieben die "Mandl"  einige Tage auf dem Feld stehen. Die Körner mussten ja trocken und hart werden und noch ganz ausreifen, bevor sie aufgeladen und in die Scheune gebracht wurden. Zum Aufladen der Garben auf den Heuwagen gab es besondere Garbengabeln, die im Gegensatz zu den drei- und vierzinkigen Heugabeln nur zwei Zinken hatten. Die Garben mussten mit den "Strozeln", den Halmenden, voraus auf den Wagen gereicht werden.

Das Laden der Fuhre war meist Sache des ältesten Knechts oder des Bauern selbst. Er richtete und verteilte die Garben mit Geschick gleichmäßig auf dem Wagen. Es wollte gelernt sein, dass die hochgeladene Fuhre auf den meist holperigen Feldwegen gut nach Hause in die Scheune kam. Beim Herausfahren vom Acker auf den Weg bestand besondere Gefahr, deshalb musste man mit der Gabel oft an der Seite "anhalten". Beim Vorfahren der Getreidefuhre, die damals noch Pferden und Ochsen gezogen wurde, durfte das Erntegut nicht vom Wagen rutschen. War eine Fuhre voll, dann hat man diese mit dem Wiesbaum eingeschwert und ihn wiederum mit Seilen niedergebunden. Alle waren froh wenn die Fuhre sicher in die Scheune gebracht war! Hier wartete freilich auf die Männer eine nicht minder schwere Arbeit.

Die Getreidebüschel mussten mit der Gabel vom Wagen abgefasst und im "Stock" der Scheune gelagert werden. Die anstrengenden Erntearbeiten auf den Getreidefeldern wurde vor allem durch die sommerliche Hitze sehr erschwert. Zudem hatten die Ernteleute unter den lästigen Fliegen und den stechenden Bremsen arg zu leiden. Fast der ganze Tag wurde in der Erntezeit auf den Feldern zugebracht. Sogar die Brotzeiten hat man dort eingenommen , um keine Zeit zu verlieren. Die Bäuerin oder die Kinder, die ja in dieser Zeit schon Schulferien hatten und deshalb auch bei der Ernte mithelfen mussten, haben die Brotzeitgaben in einem Korb aufs Feld gebracht. Meist gab es Brot, Butter und Käse und zum Trinken Most oder Essig und Zucker zugerichtetes Wasser. Nur zu den Hauptmahlzeiten (Mittag und Abend) ging man heim ins Haus.

War die gesamt Ernte eingebracht, wurden die Felder -  obwohl beim Aufladen der Getreidegarben auf den Leiterwagen von Mägden oder Frauen hinter dem Wagen zusammengerecht worden war, was an Ähren noch am Boden lag -  nochmals mit einem besonders breiten Streifenrechen aufgerecht und die dabei gesammelten Halme geborgen und heimgefahren. Jene Ähren, die auch dieser Rechen nicht erfasst hatte, wurden von den armen Häuslern aufgelesen und zum Füttern ihrer wenigen Hühner gebraucht. Das "Ährenglauben" war meist die Beschäftigung für Kinder und ältere Menschen. Trotz der mühsamen Arbeit, der Hitze und der Bremsenplage hatte die Erntezeit auch ihre guten Seiten. Es gab während dieser Wochen immer ein gutes und kräftiges Essen, und außerdem wurden für diese schwere Arbeitsperiode Aushilfskräfte eingestellt, z.B. selbständige Handwerker, wie Maurer und Zimmerleute, die mit der Berufsarbeit nicht ganz ausgelastet waren.

Ein Erntehelfer der einmal gefragt wurde, wie ihm die bäuerliche Erntearbeit gegenüber dem Berufsleben gefalle, sagte, sie sei ihm lieber, "denn da gibt es den ganzen Tag über etwas zu Essen". Um sieben Uhr gab es zum Frühstück Suppe, um neun Uhr wurde auf dem Feld die erste Brotzeit eingenommen, nach zwei Stunden ging es zum Mittagessen, und um drei Uhr wurde wieder Brotzeit auf dem Feld gehalten, um fünf Uhr war die Stallarbeit zu erledigen, und anschließend wurde das Abendessen gereicht.

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Brauchtum

Es gibt auch von einigem Brauchtum, das in alter Zeit zur Erntezeit geübt wurde, zu berichten. War ein Acker abgeschnitten, dann setzten sich die Schnitter dort einmal kurz nieder. Das sollte dem Acker die Ruhe geben, damit er im nächsten Jahr wieder eine gute Ernte bringen konnte. Manches Mädchen warf dabei die Sichel über den Kopf rückwärts hinter sich, die Spitze sollte die Richtung zeigen, in die es einmal heiraten würde. War im Getreidefeld ein Kornhalm mit drei Ähren gefunden worden so bedeutete das Unglück. Wer beim Mähen einer Fruchtgattung die letzte Handvoll wegschneiden musste, hatte die "Alte" oder die "Habergeiß" gefangen und musste deshalb Spott einstecken.

Unsere bäuerlichen Vorfahren würden sich heute wundern über den enormen Fortschritt, den die Mechanisierung der Getreideernte genommen hat. Da gab es 1928 die ersten "Ableger", "Getreidemäher" oder "Flügelmäher".  Das waren Maschinen mit sog. "Flügel", die nach dem mechanischen Mähen das geschnittene Getreide in Bündeln ablegte. Vorangegangen waren ihnen die sog. "Anhaubleche", die an den Mähmaschinen befestigt waren. Später kam der Bindermäher, der das Getreide mechanisch mähte, Garben daraus machte und diese mit Bindegarn zusammenband. Damit aber war die Mechanisierung der Getreideernte noch nicht zu Ende. 1960 traten bei uns die ersten Mähdrescher auf, die auf dem Felde mähten und zugleich droschen.

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Der sogenannte "Abschnitt"

Nach der Schnitternte, das darf nicht vergessen werden, wurde auf jedem Bauernhof eine Feier veranstaltet, der sogenannte "Abschnitt". Zu dieser Feier wurden die Arbeitsleute eingeladen, die bei der Ernte mitgeholfen hatten. Es wurde alles aufgetischt, was Küche und Keller bot, was Acker, Garten und Stall hervorgebracht hatten.

Aus der Küche zog der Duft des Bratens und die Würze der Soßen zu den Versammelten in die große Stube, wo schon das Holzstücht mit selbstgebrauten Bier reihum ging. Es wurde tüchtig gegessen und getrunken und danach musiziert und zum Tanz aufgespielt. Jeder gebildete Bauer konnte ein Instrument spielen: Klavier, Geige, Klarinette, Ziehharmonika usw. Auf diese Feier freute sich Jung und Alt das ganze Jahr. Sie fand bis weit hinein in das 19. Jahrhundert statt. In der heutigen Zeit treten sie kaum noch in Erscheinung, denn das Maschinenwesen hat die Handarbeit fast vollständig bei der Getreideernte ausgeschaltet, und es würden sich auch wenige Leute finden, die gerne noch Land- und Erntearbeit gegen Tagelohn machen wollten.

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Eine arme Häuslerfamilie beim Ährenlesen


Erntedankfest
Ein Gedicht von Matthias Claudius

Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand; der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn; drum dankt ihm, dankt, und hofft auf ihn!

Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein und wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein, und bringt ihn dann behände in unser Feld und Brot; es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn; drum dankt ihm, dankt, und hofft auf ihn!

Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles her, der Strohhalm und die Sterne, das Sandkorn und das Meer. Von ihm sind Busch und Blätter und Korn und Obst von ihm, das schöne Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm.

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn; drum dankt ihm, dankt, und hofft auf ihn!

Es lässt die Sonn aufgehen, er stellt des Mondes Lauf, er lässt die Winde wehen und tut die Wolken auf. Er schenkt uns so viel Freude, er macht uns frisch und rot; er gibt dem Vieh die Weide und seinem Menschen Brot.

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn; drum dankt ihm, dankt, und hofft auf ihn!

Alle Repros: Ulrich Göpfert

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