Die Totenkrone

Eine Lichtstubenerzählung aus dem ehemaligen Herzogtum Coburg

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Foto: © Ulrich Göpfert

Bereits in den vorherigen Jahrhunderten fanden sich die Burschen und Mädchen in allen Dörfern des ehemaligen Herzogtums Coburg in den Licht- bzw. Spinnstuben zusammen. Wenn es draußen langsam kalt und stürmisch wurde und die Dörfer sich äußerlich verlassen still zeigten, regte es sich in den Häusern immer mehr. Von Allerheiligen bis Mitte März hielt die Jugend ihre Spinnstuben, meist im  „Dorfhaus“. Sobald es dunkel wurde, die Arbeiten im Haus und Stall verrichtet waren, legten die Mädchen ihren Sonntagsstaat an. Das schönste bestickte seidene Rockenband aus Großmutters Truhe wurde um den blühendweißen Flachsrocken geschlungen und das zierlich geschnitzte und sorgfältig bemalte Spinnrädchen eingepackt. "Auf ging`s zur Spinnstum". Das Gesellige trat neben der Spinnarbeit besonders hervor. Es wurde unterhalten, es wurden Geschichten erzählt, Gesellschaftsspiele veranstaltet, es wurde gesungen und getanzt.

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Diese Illustration stammt von Rudolf Köselitz, der die Bücher unseres Heimatdichters Heinrich Schaumberger aus Weißenbrunn vorm Wald illustriert hat.  Die Szene zeigt wie lustig und gruselig es beim Erzählen von Geschichten und Sagen nach getaner Arbeit in der Spinnstube zuging.
Repro: Ulrich Göpfert

Oft neckten die Burschen die furchtsamen Mädchen, wenn diese sich in der finsteren Nacht nicht allein nach Hause wagten, denn es war ja auch nicht jedermanns Sache, einesteils den ganzen Abend Mord- und Spukgeschichten zu hören, andererseits um die Mitternachtsstunde durch die dunklen Gassen alleine nach Hause zu gehen.

Es gab aber auch Lichtstubenmädchen die dieser Furcht mit Entschiedenheit trotzten. Da gab es eine junge Magd, die konnte nur darüber lachen, wenn die Spinnstubenburschen ihr auf dem Nachhauseweg auflauerten und immer wieder versuchten mit neuen Streichen ihr einen Schrecken einzujagen. Eines Abends hatte das Mädchen die Lacher wieder auf ihrer Seite. Schließlich erbot sie sich sogar, einen Strauß weißer Rosen von einem Grab auf dem Friedhof zu holen. Eilig machte sie sich auf den Weg.

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Im fahlen Mondlicht
Foto: © Ulrich Göpfert

Krachend fiel die Pforte des Gottesackers hinter ihr zu. Schnell huschte sie an das Grab und brach einige Blumen ab. Kalt blickte der Mond herunter. Sie fröstelte, und das nicht nur wegen der nächtlichen Kühle. Als sie sich auf den Heimweg machte, durchfuhr sie ein jäher Schreck. Sie fühlte sich hinten am Rock festgehalten. Erschrocken fuhr sie herum. Kein Mensch war zu sehen!  Zwei Schritte!  Ein Ruck!  Wieder riss sie eine unheimliche Kraft zurück!

Solange die Spinnstubengesellschaft an diesem Abend auf die Rückkehr des Mädchens wartete, sie warteten vergebens, denn sie kam nicht zurück. Am Morgen fand sie der Küster tot neben einen Rosenstrauch liegen. Als man das Mädchen auf die Totenbahre hob, hatten die Männer große Mühe den weiten Rock aus dem Dornengerank des Rosenbusches zu lösen. Die geraubten Blumen reichten gerade für die Totenkrone.

Quellenhinweis: Volksmund

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