"Die versunkene Kirche im Lautergrund"

In manchen Nächten hört man noch die Glocke
des versunkenen Kirchleins aus der Tiefe läuten

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Kirche Neukirchen
Foto: © Ulrich Göpfert

Leise plätschernd rinnt das Lauterbächlein durch den heimlichen Wiesengrund. Hirsch, Reh und Hase kommen zu seinem klaren Wasser, stillen den Durst und ziehen wieder in den friedlichen Bergwald zurück.

Der Morgen ist voll Vogelgesang und Lachen der fröhlichen Kinder. Sie pflücken am Hang bunte Sträuße leuchtender Frühlingsblumen und bringen sie heim zur Mutter. Der fleißige Vater ackert im Talgrund die fruchtbaren Felder. Im Sommer steht das Korn voll praller Ähren und der Stall ist voll wohlgenährter Kühe. Die Häuser des Dorfes mit ihren geschnitzten Fachwerkgiebeln säumen die breite Talstraße. Breitkronige Linden geben den geräumigen Höfen einen gültigen Schatten. Ein reiches Dorf liegt in der Sonne.

Inmitten der schmucken Häuser ragt der Turm des kleinen ehrwürdigen Kirchleins empor. Sein Glöckchen ruft sonntäglich die Dorfbewohner zum Gottesdienst herbei. Aber wenige folgen dem feierlichen Ruf. Zu Großmutters Zeiten war die Kirche voll von Andächtigen. Damals glaubte man noch, dass Gottes Allmacht und Gnade die Felder segnete und die harte Bauernarbeit reich belohnte. Jetzt meint man, Wohlstand und Wohlergehen käme von alleine und man bräuchte dem lieben Herrgott keinen Dank zu sagen. Nicht einmal am Allerseelentag geht man zum Gotteshaus, denn bei ihnen gibt es nichts zu klagen. Alle Menschen des schönen Dörfchens sind gesund und froh. Alle haben genug zum Leben. Wer denkt da ans Sterben?

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Luftaufnahme Lautertal – OT Unterlauter
Foto: © Ulrich Göpfert

Als Gott ihres Übermuts gewahr wird, sendet er ein großes Sterben über die Kinder des Dorfes. Kaum ein Tag vergeht, dass man nicht ein Särglein hinüber trägt zum Gottesacker, begleitet von einer weinenden Mutter und einem klagenden Vater. Bald folgt eine trauernde Gemeinde dem Leichenzug. Schluchzende Frauen umstehen die Hügelreihen und die Männer senken voll Trauer die bärtigen Häupter. Kein Haus ist verschont geblieben und das Sterben geht weiter. Ach, wie jammern da die Eltern voll tiefer Schmerzen und fangen an zu beten und füllen das Gotteshaus bis auf die letzte Bank, als der nächste Allerseelentag kommt.

Da sieht der Herr ihren Schmerz und erbarmt sich ihrer und lässt die Kirche samt dem Gottesacker mit seinen Gräbern in die Tiefe sinken. Darauf fallen die Häuser zusammen und die Fluren veröden und nach einiger Zeit verwischen alle Spuren des einst so stattlichen Dorfes.

In manchen Nächten hört man noch die Glocke des versunkenen Kirchleins aus der Tiefe läuten. Da stehen die Wanderer still und lauschen den geheimnisvollen Tönen, erschauern und beten.

Quellenhinweis: Andreas Stubenrauch

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