Georg Alexander Hansen

Er leistete aktiv Widerstand im Dritten Reich

Nur wenige Menschen fanden den Mut, sich im Dritten Reich gegen die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten aufzulehnen. Nur wenige Menschen leisteten aktiv Widerstand. Einer von diesen wenigen war Georg Alexander Hansen. Er war Mitverschwörer der Widerstandsgruppe rund um Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

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Foto: © Joachim Kortner

Der gebürtige Sonnefelder, der in Coburg das Gymnasium Casimirianum besuchte, war ein wichtiger Informant bei den Vorbereitungen des missglückten Hitler-Attentats am 20. Juli 1944. Im September 1944 wurde er – zusammen mit den anderen Mitverschwörern – hingerichtet.

„Georg Alexander Hansen zeigte uns, dass es auch zu jener Zeit Menschen gegeben hat, die bereit waren, sich gegen dieses unmenschliche Regime zu erheben – auch wenn sie dafür ihr Leben lassen mussten“, sagte der ehemalige Oberbürgermeister Norbert Kastner.

Anlässlich des 65. Jahrestages des Attentats im Jahre 2009, erinnerten die Stadt Coburg, die Landesbibliothek Coburg und die Stadtbücherei Coburg in einer Gedenkveranstaltung in der Stadtbücherei an die Ereignisse von 1944 – und speziell an Georg Alexander Hansen.

Großes Interesse
Das Thema stieß auf sehr großes Interesse: Hunderte kamen, um mehr über die Hintergründe zu erfahren. Als Gäste waren auch die Kinder des Widerstandskämpfers anwesend. Georg Alexander Hansens Sohn, Dr. Karsten Hansen, erzählte von seinen Erinnerungen an den Vater und von der schweren Zeit nach dem Attentat, als seine Mutter inhaftiert und er und seine Geschwister in ein Kinderheim gebracht wurden.

Bewegende Lesung
Besonders bewegend war die Lesung von Joachim Kortner aus seinem Buch „Raststraße“. Kortner ist mit Dr. Karsten Hansen seit der Schulzeit eng befreundet. Aus seinem Buch schilderte er eine wahre Begebenheit mit Hansen, die deutlich zum Ausdruck brachte, wie sehr der Sohn am tragischen Schicksal des Vaters gelitten hat und wohl noch immer leidet.

„Ihr Vater hat Ihnen ein Erbe hinterlassen, von dem nur Sie wirklich bewerten können, was daran Segen für dieses Land und Fluch für Sie und Ihre Familie bedeuten musste“, richtete Norbert Kastner seine Worte an Dr. Hansen. Die Gedenkveranstaltung sei ein erster Schritt, „mit dem wir unsere Wertschätzung für Ihren Vater verdeutlichen wollen“, so der OB.

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Verlegter Stolperstein für Georg Alexander Hansen
vor dem Gymnasium Casimirianum in Coburg
Foto: © Joachim Kortner

Stolperstein für Georg Alexander Hansen
Ein weiterer folgte in wenigen Wochen: Die Verlegung eines Stolpersteines zum Gedenken an den Widerstandskämpfer vor dem Gymnasium Casimirianum. Der ehemalige Oberbürgermeister, der bereits im Vorfeld die Patenschaft für den Stein Hansens übernommen hatte, sagte: „Als mir berichtet wurde, dass auch Sie sich mit der Patenschaft für einen Stolperstein in Coburg engagieren möchten, war klar, dass es nur diesen einen Stein geben kann.“ Kastner übertrug deshalb offiziell die Patenschaft an Dr. Karsten Hansen. „Wenn wir weiterhin ein Land sein wollen, dass keine Helden nötig hat, dann brauchen wir das Gedenken und die Erinnerung an Menschen wie Georg Alexander Hansen einer war“, sagte der ehemalige OB abschließend.

Der Haken
von Joachim Kortner aus seinem autobiographischen Roman "Raststraße"

Einmal musste es so kommen. Jakob Kottke ist auf dem Ernestinum durchgekracht. Mathe sechs. Bodenlos. Mit einer Drei in Latein hätte er noch ausgleichen können. Aber da war nichts mehr zu machen gewesen.

Umgezogen sind die Kottkes auch noch. Aus der Hinterhausmansarde der Raststraße in ein richtiges Wohnhaus auf dem Pilgramsroth. Sozialer Wohnungsbau. Ein richtiges Badezimmer mit Heißwasserboiler.

Das musische Gymnasium. Da will er einen neuen Anfang wagen. Da soll Mathe nicht so schwer sein. Richtig locker wird er von der neuen Unterprima aufgenommen. Schon am dritten Schultag hat er den schlaksigen, mit Sommersprossen übersäten Hagen auf der Gitarre bei seinen Klarinettensoli von When the Saints Go Marching In und dem mitreißenden Down By the Riverside begleitet. Dafür sind sie zur Pause mit vielen anderen verbotenerweise im Klassenzimmer geblieben.

Das war riskant. Erst im letzten Schuljahr hatte Hagen vom Erlwein links und rechts eine geknallt bekommen, weil er auf dem Klavier im Klassenzimmer einen heißen Boogie-Woogie abrollen ließ. Entartetes Niggerzeug.

Das rote, verzerrte Gesicht. Die gequollenen Adern an der Schläfe.

Aber heute muss gerockt werden. Als ihre Zuhörer dann dazu auch noch die Synkopen klatschen, da wagt es der Neue, sein Rock Around the Clock zu singen. Die Stimme imitiert das Kehlige des Bill Haley, durchdringend, hat nichts vom Belcanto, das ihnen der Erlwein und Studienprofessor Hahlweg beizubringen versuchen. Jakob, der Neue mit dem Amischnitt, ist ab jetzt einer von ihnen.

Noch am selben Nachmittag schwingt er sich auf sein Rad und lässt sich den Pilgramsroth hinunterrollen. Der Fahrtwind braust in den Ohren. Freihändig. Am Gefängnis rauscht er vorbei, lehnt den Drahtesel am Marstall an, lässt den Riegel des Speichenschlosses einschnappen. Kurz darauf spüren die Ellenbogen die raue Sandsteinbalustrade der Arkaden.

Dieser September hat aus dem sonnendurchglühten August ein paar sommerliche Tage retten können. Jakob krempelt sich die Ärmel hoch. Selbstgefällig betrachtet er seinen Bizeps, knöpft das Hemd fast bis zum Gürtel auf, damit man die Bräune sieht, die er sich im Hindenburgbad und an den Callenberger Teichen geholt hat.

Fast menschenleer unter ihm der Schlossplatz mit seiner von Rosen umbeeteten Fürstenstatue, der imposanten, ockerfarbenen Ehrenburg, der tempelartigen Front des Landestheaters. Jakob ist nur mit sich und seiner möglichen Wirkung auf Mädchen befasst. Die Sache mit dieser kraushaarigen Irma aus der Kreuzwehrstraße, seiner heiß umschwärmten Tanzstundenflamme, war auseinandergegangen. Einer, der ein Jahr älter ist, hat sie ihm kurzerhand ausgespannt. Ist doch bekannt, dass dieses Arschloch ein primitiver Weiberflachleger ist. Der hat halt mehr Erfahrung. Der geht gleich richtig ran.

Beinahe ist es ihm entgangen, dass Hagen Korff unter ihm über den Kies des Schlossplatzes daherkommt. Der blättert im Gehen in einem großformatigen Fotoband, den er sich eben aus dem Amerikahaus in der Allee geholt hat.

Sir!
Jakob ruft es von den Arkaden auf den Schlossplatz hinab. Sir ist eigentlich Hagens Erfindung. So spricht er Leute an, mit denen er sich gut versteht. Er schaut hoch, erkennt seinen neuen Klassenkameraden, lacht, ruft sein Sir hinauf und nimmt die Stufen in federndem Schritt. Boxhiebe auf den Oberarm. Flüchtig blättern sie in dem Bildband mit den Fotos aus der Jazzwelt, machen danach wüste Bemerkungen über zu fette Ärsche und unterentwickelte Brüste von Weibern, die unter ihnen den Platz überqueren.

Hagen Korff – hört sich irgendwie nordisch an.

Der nickt, fährt sich durch sein rötliches Haar und grinst.

Eigentlich sollte aus mir ja ein Claus werden. Sogar mit C.

Er wird ernst, will Jakob mal was zeigen. Er steigt mit ihm auf die leichte Anhöhe in Richtung seiner ehemaligen Schule. Jakob denkt, die Sache hätte etwas mit diesem Ernestinum zu tun, das ihn mit der grauen Breite seiner Sandsteinfassade einschüchtert Im ersten Stock sein ehemaliges Klassenzimmer. Erst im Juli hat er dort sein Sitzenbleiberzeugnis aus der Hand des achselzuckenden Klassenleiters entgegengenommen.

Da oben haben sie ihn von seinem Bruder getrennt. Nach acht gemeinsamen Schuljahren auf der gleichen Bank. Und das alles wegen der beschissenen Mathe, die er verflucht noch mal nicht begreifen kann oder will.

Aus den Kronen der hohen Laubbäume verhaltenes Vogelgezwitscher. Mit sanfter Kühle empfängt sie der durchfunkelte Schatten. Hagen geht an der Innenseite der Mauer voraus. Nach wenigen Metern bleibt er stehen, nimmt die Hände aus den Hosentaschen.

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Foto: © Joachim Kortner

Eine Steinplatte. In die Friedhofsmauer eingelassen

Hagen geht dicht an die Tafel heran, wischt mit einem Baumblatt einen Spritzer von Vogelscheiße weg. Der Zeigefinger deutet auf den eingemeißelten Namen, darüber OBERST DES GENERALSTABS, fährt langsam über die Ziffern der Lebensdaten.

Mein alter Herr. Zwanzigster Juli vierundvierzig. Den Stauffenberg persönlich gekannt. Der war ein Sir.

Hagen will die Stille lockern. Bloß kein Friedhofsgefühl aufkommen lassen…

Das da sei bloß eine Erinnerungstafel.

In Berlin-Plötzensee hätten die Nazis seinen Vater aufgehängt. An einem Fleischerhaken. In einer Drahtschlinge aus einer Klaviersaite. Ihn langsam ersticken lassen. Der Hitler, diese elendige, perverse Drecksau. Der habe das sogar filmen und sich den Film vorführen lassen.

Noch nie hat Jakob so etwas gehört. Wie der Hagen das so einfach aussprechen kann. Er kommt sich mies vor, weil er aus den Daten der Gedenktafel errechnet hat, wie alt der Vater war, als ihn die Nazis umbrachten.

Vor ein paar Jahren der Spielfilm im Union-Theater, wo der Bernhard Wicki den Stauffenberg spielt. Mit der schwarzen Augenklappe. Jakob war sechzehn. Er und sein Bruder Andi im zweiten Parkett. Nachmittagsvorstellung. Am Schluss hat der Stauffenberg so was wie heiliges Deutschland gerufen, bevor er erschossen wurde. Andi und er sind von ihren Klappsitzen aufgestanden und die vielen Stufen der Freitreppe hinuntergegangen. Gleich unten an dem runden Kiosk kauften sich beide noch schnell ein Jopa-Eis am Stiel mit Vanillegeschmack für den Heimweg.

Dann haben diese Sauhunde ihn verbrannt. Seine Asche in irgendeinen Kanal gestreut. Wir sollten kein Grab haben, wo wir hingehen konnten. Zum Beten oder so.

Ganz trocken erzählt er das. Hilflosigkeit und Leere in Jakob, Wutwelle und Rachefantasien. Außer Dreckschweine fällt ihm nichts ein. Wenn er sonst solche Ausdrücke verwendet, dann schreit er sie heraus. Hier, in dieser Stille, kann er das nicht, fühlt sich schwach.

Sie gehen dem Friedhofsausgang zu. Aus dem blassgelben Schornstein des Krematoriums eine finstere Rauchsäule. Jakob wagt kaum zu atmen. Sie sprechen erst wieder, als sie auf der Straße stehen.

Und diese Claus-mit-C-Sache?

Gleich nach der Verhaftung seines Vaters hätten die Nazis ihn von seiner Mutter weggenommen und in ein Heim in Thüringen gesteckt, wollten ihn zu einem kleinen Nazi umerziehen. Außerdem habe er da nur auf den Namen Claus hören müssen. Seine Schwester hätten sie der Mutter auch weggenommen. Zehn Tage alt. Ein Wurm. Über vierzig Kinder auf mehrere Häuser verteilt. Alle von den Verhafteten, Erschossenen, Erhängten. Irgendwelchen linientreuen SS-Familien sollten sie zur Adoption übergeben werden. Vergessen, von wem sie abstammen.

Sie stehen vor Jakobs Fahrrad

Hagen bittet ihn, die Sache nicht an die große Glocke zu hängen. Weil es auch hier immer noch Idioten gäbe. Namen will er nicht nennen.

Deutschland um den Endsieg gebracht.

Dem deutschen Frontsoldaten in den Rücken gefallen.

Dem Führer die Treue gebrochen.

So eine verquirlte Scheiße habe er sich anhören müssen.

Bis heute.

Jakob lässt das Fahrradschloss aufschnappen.

Hagen lacht erlösend laut auf.

Ja, so was gibt’s, Sir.

Sie schlagen sich auf die Oberarme.

Wo wohnst ‘n du überhaupt?

Jakob spürt, wie verlegen das klingt.

Da gleich beim Knast links hoch.

Let me walk you home, brother.

Immer, wenn er das Endungs-R deutlich hörbar nachrollt, ist er stolz auf seinen amerikanischen Akzent.

Jakob Kottke = Joachim Kortner

Hagen Korff = Karsten Hansen

 

Eine Episode von Joachim Kortner aus seinem autobiographischen Roman "Raststraße"

ISBN 978-3-8334-8983-9

Vita von Georg Alexander Hansen

Georg Alexander Hansen wurde am 5. Juli 1904 in Sonnefeld geboren. Er ging von 1914 bis 1923 in Coburg aufs Gymnasium Casimirianum. 1924 trat er in die Reichswehr ein. Nach der Akademieausbildung wurde er 1937 an die Abteilung Spionageabwehr und Auslandsaufklärung des Reichskriegsministeriums versetzt und 1942 zum Oberstleutnant befördert. 1944 ernannte ihn Konteradmiral Wilhelm Canaris zu seinem Nachfolger als Chef der militärischen Abwehr. Vermutlich der berufliche Einblick in die Verbrechen des Nazi-Regimes dürfte ihn später zum Widerstand veranlasst haben. Er war einer der wichtigsten Informanten der Widerstandsgruppe um Generalmajor Henning von Tresckow und Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Hansen wirkte an allen Planungen und Vorbereitungen für das Hitlerattentat mit. Aufgrund starker Meinungsverschiedenheiten mit Stauffenberg über die politischen Pläne nach dem Attentat entschied sich Hansen kurzfristig gegen eine persönliche Teilnahme und fuhr nach Hause zur Taufe seiner Tochter. Am 22. Juli verhaftete ihn die Gestapo nach längeren Verhören, in denen Hansen alles gestand. Am 10. August 1944 wurde Georg Hansen in einem Schauprozess zum Tode verurteilt. Am 8. September 1944 wurde er im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee erhängt.

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