Ida von Rosenau

Ida von Rosenau
Eine Oper, die auf dem Schloss Rosenau und
vor dem Wirtshaus zu Oeslau spielt

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Schloss Rosenau an einem Spätsommertag

„Ida von Rosenau“ – das ist der Titel einer Oper, die ein Sohn des Coburger Landes vor rund 185 Jahren komponierte und einer wandernden Theatergesellschaft anvertraute.

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Das ehemalige Ballhaus stand auf dem Schlossplatz in Höhe der Arkaden

In der Residenzstadt Coburg gab es damals zwar eine Herzogliche Hofkapelle und auch ein Hoftheater im Ballhaus, es fehlte aber ein ständiges, vertraglich gebundenes Ensemble von Schauspielern und Sängern. Vor dem 1. Juni 1827, dem Gründungstag des Hoftheaters zu Coburg und Gotha, kamen in bunter Folge auswärtige Gesellschaften nach Coburg, um Schauspiele und Opern aufzuführen.

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Altes Szenenfoto vom Schauspiel „Die Räuber“ von Friedrich Schiller

Vom März bis Mai 1819 und vom Dezember 1819 bis April 1820 gastierte hier eine Schauspieler- und Operngesellschaft, die Georg Liebl und Friedrich Saul leiteten. Sie brachten u. a. von Schiller „Die Räuber“ und „Wilhelm Tell“, von Mozart „Die Entführung aus dem Serail“ und „Die Zauberflöte“ zur Aufführung. Am 5. März 1820 gaben sie zum ersten Mal die heroische Oper „Ida von Rosenau“, nach einer vaterländischen Geschichte bearbeitet vom Maler Johann König. Die Musik stammte von Andreas Späth. Wer waren die Verfasser des Textes und der Komponist?

Der Maler Johann König machte Kopfzerbrechen. Er steht in keinem der Werke, die gewöhnlich Auskunft geben, und ist auch nicht, soweit festzustellen, in den Kunstsammlungen der Veste Coburg vertreten. Schließlich führten die Bevölkerungstabelle der Stadt Coburg und die Kirchenbücher von St. Moriz auf seine Spur. Johann Nicol König, Sohn des Maurers Johann Paul König zu Heldburg, war Porzellanmaler zu Rauenstein und wurde am 29. April 1800 in der Coburger Morizkirche mit einer Heldburgerin getraut. Die in Thüringen gelegenen Orte Heldburg und Rauenstein sowie Coburg sind die bekannten Stationen seines Lebens. Die 1785 in Rauenstein gegründete Porzellanfabrik war eine der blühendsten in Deutschland und geeignet, den jungen König in seinem Beruf, der so recht in die Atmosphäre von Oeslau passt, zu fördern.

Dass Johann König nicht nur künstlerisch talentiert, sondern auch über sein Fachgebiet hinaus gebildet war, zeigt ein Bericht des Magistrats von Coburg vom 26.11.1814 (Stadtarchiv Coburg A 2612). Hier heißt es: „In der hiesigen Stadt befindet sich der hiesige Bürger und Maler König als der Einzige, welcher sich außer den übrigen Künstlergeschäften auch mit Malen auf „Porcellain“ abgibt. Den Freunden der Wissenschaften und Künste ist er oft ein erwünschtes Subjekt, indem er Arbeiten, welche diesen förderlich sind, unternimmt und glücklich ausführt. Dass er seine Kunst auf jedes Material und als auch auf „Porcellain“ ausüben dürfe, ergibt sich von selbst.“


Das heutige Hotel-Gasthof Grosch in der Stadt Rödental-OT Oeslau

Dass Johann König seine Heimat gut kannte und sich mit ihrer Geschichte beschäftigte, zeigt ein Blick auf die Schlösser, Orte und Personen, die in der Oper „Ida von Rosenau“ eine Rolle spielen. Schauplatz des Stückes sind Schloss Rosenau und die Straße vor dem Wirtshaus zum „Blauen Helm“ (heute Hotel/Gasthof Grosch) zu Oeslau. Nicht nur Adlige treten auf, sondern auch die Wirtin und der Schulz von Oeslau, dazu Knappen, Jäger und Bauern.Johann Königs Sohn Gustav, am 2. April 1808 in Coburg geboren, ist in die Kunstgeschichte als der „Lutherkönig“ eingegangen, weil er es als Historien- und Bildnismaler wie kaum ein anderer verstand, „Luther dem Bewusstsein der Nachwelt nahe zu bringen“. Gustav König ist ein Aufsatz von Ludwig Kaemmerer gewidmet (Coburger Heimatblätter, H.11) und eine Biographie von A. Ebrard, Erlangen 1871.

Gustav verlor am 6. März 19820 seinen Vater, der die Neigung zur Kunst in ihm geweckt hatte. In seinem 16. Lebensjahr trat er in das Institut für Porzellanmalerei ein, das Karl Schmidt 1818 in Coburg gegründet hatte. „Dieses durch einen großen Teil von Europa höchst berühmt gewordene Institut“ verlegte er 1833 nach Bamberg(Karl Sitzmann, Künstler und Kunsthandwerker in Ostfranken, Kulmbach 1957). Schmidt, der mit 5 Gehilfen anfing und seit 1828 mit 40, später mit 50 Malern arbeitete, bildete auch Gustavs Schwester Amalie aus. Sie ist in den Kunstsammlungen der Veste Coburg u. a. mit einer Kopie des Gemäldes von der Überreichung der Augsburger Konfession vertreten, das von G.B. von Sand stammt und bis 1930 im Chor der Morizkirche hing.


Schloss Rosenau im Spätsommerlicht

Wir wollen zu dem Vater, dem Porzellanmaler Johann Nicol König, zurückkehren. Als er eine vaterländische Geschichte bearbeitete und den Text zur Oper „Ida von Rosenau“ schrieb, herrschte die Romantik in der Literatur und Kunst. Die Romantik schwärmte für die Natur und Geschichte, erschließt das Mittelalter und bringt zahlreiche Ritterromane hervor. Auch Herzog Ernst I., der 1807 die Regierung übernahm, gab sich romantischem Lebensgefühl hin. Er baute die Rosenau als herrschaftlichen Sommersitz aus, legte den Park mit seinen romantischen Felsen an und machte das Schloss und die Wiesenfläche zum Schauplatz einer Reihe von Festen, die zahlreiche Besucher anlockten und zu wahren Volksfesten wurden.

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Ein Turnierfest auf den Wiesen vor Schloss Rosenau

Im Coburgischen Taschenbuch für das Jahr 1821 findet sich unter der Überschrift „Briefe über die Rosenau“ eine sehr lebendige Schilderung eines Turniers, das Herzog Ernst I. am 19. August 1817 als Anlass der Feste zu Ehren seiner jungen Frau Luise veranstaltete. Siehe hierzu meinen Beitrag auf meinem Internetportal:  Turnierfest auf den Wiesen vor Schloss Rosenau.  Die Herzogin und der Hofstaat waren in altdeutscher Tracht erschienen. Der Herzog und sein Bruder Ferdinand bildeten das erste Paar der Ritter, die in Rüstung nach alter Sitte Ritterspiele, Rennen und Gefechte vorführten. Schmetternde Musik begleitete das Schauspiel. Ein Stahlstich nach einer Zeichnung von Carl Heideloff gibt im Taschenbuch ein anschauliches Bild dieses Turniers.

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Die Turniersäule und Sonnenuhr im Park von Schloss Rosenau

Dr. Walther Heins geht in seinem Aufsatz über „Schloss Rosenau und seine Geschichte“ (Oberfränkischer Heimatkalender 1954) auf die Feste ein und schreibt: „Ritter- und Turnierspiele nach dem Muster solcher historischen Veranstaltungen, die auf dem Wiener Kongress wenige Jahre vorher viel Beifall gefunden hatten, sowie ländliche Veranstaltungen zur Erntezeit lösten einander ab. Das Mittelalter wurde wieder lebendig mit den Maskengestalten der alten heimischen Ritter, und an den Festabenden schlugen im Marmorsaal die Wogen der Lebensfreude den Takt zu den Klängen berauschender Musik.“ Vgl. Oeslauer Nachrichten vom 22.10.1960 mit Schilderungen des Turniers, aus dem Taschenbuch ausgewählt von Andreas Stubenrauch. (Übrigens Andreas Stubenrauch war mein Lehrer an der Schule in Dörfles-Esbach in den Jahren 1962 bis 1963).

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Brunnen vor dem Schloss Rosenau

Fällt von den Festen mittelalterlichen Stils auf der Rosenau nicht Licht auf die heroische Oper „Ida von Rosenau“, die in der Zeit der Kreuzzüge spielt? Sicher war Johann König wie viele Coburger ebenso zugegen wie Andreas Späth, der als Hofhautboist dienstlich anwesend sein musste. Solche Spiele in einer geschichtsträchtigen Gegend konnten die Phantasie beflügeln und zu künstlerischer Gestaltung altdeutschen Lebens und Treibens anregen. In einer Zeit, in der die Romanliteratur anschwoll und über 250 Schriftsteller die Romantik des Rittertums darstellten, lag ein Stoff, wie ihn Johann König verarbeitete, in der Luft. Elemente der Romantik, das Mittelalter mit seinen Rittern und Burgen, die Phantasie als treibende Kraft der Dichtung, sind Merkmale des Stückes, das nicht in fernen Landen, sondern auf dem Boden unserer Coburger Heimat spielt.


Repro: Theaterzettel „Ida von Rosenau“ aus dem Archiv des
Landestheaters Coburg. Originalaufnahme von Leo Frick, Coburg

Da nur noch der Theaterzettel vorhanden ist, wissen wir nichts über die Handlung der Oper, doch lassen die erwähnten Gestalten und Orte den phantasiebegabten und einfühlsamen Betrachter etwas von dem mittelalterlichen Geschehen ahnen. Wie Phantasie, Sehnsucht und Gefühl die schöpferischen Menschen in der Romantik leiten, so dienen solche Kräfte auch zum Verstehen der Werke jener Zeit.Die Musik zur Oper „Ida von Rosenau“ schrieb Andreas Späth. Er war ein im 19. Jahrhundert bekannter und geachteter Komponist, dessen reiches Schaffen wenigstens 250 Werke erweisen.

Andreas Späth wurde am 9.10.1790 in Rossach bei Coburg geboren. In die Elemente der Musik führte ihn der Lehrer Joh. Georg Walther ein, der 1792 aus Herzoglichen Diensten nach Rossach gekommen war. Er sammelte eifrig musikalische Werke; sie werden heute im Pfarrhaus von Großheirath aufbewahrt. Schon frühzeitig komponierte Andreas Späth Chorwerke. Im Jahre 1810 trat er beim 2. Hautboistenchor in Coburg ein, das mit zur Hofkapelle gehörte. Er nahm Unterricht bei Kammermusikus Gumlich und komponierte, angeregt durch die Teilnahme an den Feldzügen von 1814 und 1815, Stücke für Harmoniemusik. Um Fortschritte zu machen, ging er 1816 nach Wien und bildete sich dort bei dem Komponisten und Kapellmeister Riotte weiter.

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Der musik- und theaterfreudige Herzog Ernst II. unterstützte Andreas Späth in seinem Schaffen

Da Andreas Späth nicht zum Hofmusikus in der Herzoglichen Hofkapelle befördert wurde (der Theaterzettel ist zu voreilig), bewarb er sich 1821 um die Organistenstelle in Morges (Frz. Schweiz) und schied von Coburg. In Morges schuf er einen Konzertverein zur Pflege klassischer Musik. 1833 begab er sich nach Neuchátel und wirkte dort als Organist und Leiter des Kirchengesangs und von Instrumentalkonzerten sowie als Musiklehrer am Gymnasium. Da Späth an seiner Heimat hing, kehrte er 1838 nach Coburg zurück, wurde hier Konzertmeister in der Hofkapelle, Hoforganist und übernahm den Musikunterricht am Lehrerseminar. Unter dem musik- und theaterfreudigen Herzog Ernst II. gedieh und wuchs sein Schaffen.

Müller von der Werra zählt den Komponisten 1860 in seinem Fest-Album des dritten Coburger Sängertages zu den musikalischen Berühmtheiten Coburgs. Späth war ein sehr fruchtbarer und vielseitiger Komponist: er schrieb Opern, Ouvertüren, Singspiele, Harmonie-, Kammer- und Klaviermusik, Solo- und Chorlieder, gehobene und leicht ausführbare Werke für Kirchenmusik. Seine Kirchenkantaten waren in diesem Jahrhundert sehr beliebt und wurden im Coburger Land häufig aufgeführt. Gerne gesungen und freudig aufgenommen wurde seine Festkantate, 1866 dem Gymnasium Casimirianum in Coburg zum Stiftungsfest gewidmet. Sie erklang 1937 im Gymnasium zum letzten Mal und steht in lebendiger Erinnerung der früheren Schüler. Am 26. April 1876 starb Andreas Späth in Gotha.

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Der See mit seinen Bewohner in der Parkanlage von Schloss Rosenau

Die erste Oper, mit der Andreas Späth 1820 hervortrat, war „Ida von Rosenau“.Ihr Schauplatz, Oeslau und Rosenau, ist ein Sinnbild für das Spannungsfeld unseres Seins: Oeslau (heute Stadt Rödental), die Industriegemeinde mit ihrem modernen Lebensrhythmus – Schloss Rosenau mit Park, Stätte der Stille und Beschaulichkeit. Arbeit und Ruhe müssen die beiden Pole unseres Lebens sein; wer Kräfte verbraucht, muss sich erholen und sammeln. Diese Wahrheit verkörperten die Benediktiner, die einst im benachbarten Mönchröden nach ihrer Regel lebten. Ihr Grundsatz lautete: „Ora et labora!“ – „Bete und arbeite!“

Quellenhinweis: Hermann Schleder, Coburg

Fotos und Repros: 2014 © Ulrich Göpfert

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