Das Leben der bäuerlichen Familie in früherer Zeit

Das Leben der bäuerlichen Familie in früherer Zeit
In den meisten Dörfern wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg die elektrische Beleuchtung eingeführt

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Heute berichte ich über die Wohnverhältnisse - Beleuchtung, Beheizung und Wasserversorgung in einem Bauernhaus des 19. Jahrhunderts
Die Wohnstube des Bauernhauses, der gemeinsame Aufenthaltsort der Familie und des Gesindes, war verhältnismäßig geräumig. Sie besaß einen Holzfußboden, der aus breiten, hellen Brettern bestand. Alle Samstage wurde er mit der Wurzelbürste und mit Schmierseife gereinigt, dann wurde weißer Sand dünn darauf gestreut. Von diesem Sand holte man alle Jahre eine Fuhre und bewahrte ihn in einem Verschlag auf. Um die beiden Außenwände des Wohnzimmers führte eine Bank, diese bestand aus einem breiten Brett, das an der Wand befestigt war; eine Rückenlehne war nicht vorhanden, diese ersetzte die Mauer. Im Winter war das unangenehm, weil es von der Wand oft recht kalt abstrahlte.

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Zu den Fenstern gerückt steht in der Wohnstube schwer und mit weit gespreizten Füßen der meist aus Eichenholz vom Schreiner gefertigte Tisch. Es war der Glaube der Alten: Um ihn sitzen mit den Lebenden unsichtbar auch die Abgeschiedenen, die guten Geister des Hauses, all die Gewesenen, die einst hier im Hause waren. Der Wohnzimmertisch hatte oft Fußbänkchen, das war für die Kinder günstig. Kinderstühle gab es damals noch nicht, und die Kinder mussten immer hinter dem Tisch sitzen. Der Tisch besaß auch eine große Schublade. Dort wurde der große runde Brotlaib aufbewahrt.

Auch das Eßbesteck und meist der Schöpflöffel befanden sich darin. Früher gab es übrigens nur Eßlöffel aus Holz, in deren Griff ein Loch gebohrt war. Jeder schleckte nach dem Essen seinen Löffel sauber ab und hing ihn mit diesem Loch unter der Tischplatte an einem Nagel auf. Als die hygienischen Anforderungen stiegen, gab man diesen Brauch auf. Nachdem der Hofhund auch öfters ins Wohnzimmer durfte, soll es vorgekommen sein, dass er an den aufgehängten Löffeln herumleckte (nach Dunz).

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Über dem Tisch in der Wohnstube hing meist schon eine Petroleumlampe. Sie bestand aus einem eisernen Hängegestell, obenauf saß ein Milchglasschirm, der der Lampe ein heimliches Licht gab. Sie wurde freilich nur sparsam angezündet, weil sie mehr Petroleum verbrauchte als die gewöhnlich benutzten Handlämpchen. Diese konnten zwar überall mit hingetragen werden, gaben aber nur ein schwaches Licht. Im Stall und in der Scheune verwendete man die so genannten Sturmlaternen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in den Ställen und im Außenbereich neben Petroleum auch noch Leinöl in Lampen verwendet. Dieses gab freilich nur ein ganz schwaches Licht, war aber billiger als Petroleum. Lein (Flachs) wurde auf den meisten Bauernhöfen angebaut. Man ließ ihn in einer Leinmühle zerkleinern. Daraus presste man das Leinöl, das dann in Steinkrügen aufbewahrt wurde.

Bevor man Leinöl und Petroleum verwendete, war es gebräuchlich, den Wohnzimmerraum mit einem Spanlicht zu erhellen. Dazu nahm man lange Kienspäne oder Holzschleißen, die entweder in einen eisernen Mauerring gesteckt oder am eisernen Spanhalter in einen Kneif geklemmt wurden, so dass sie in eine nach abwärts geneigte Stellung kamen, und so besser brannten. Der Spanhalter stand auf einer blechbeschlagenen, brandsicheren Steinplatte. Das im Kneif befestigte Spanlicht brannte ziemlich rasch nieder und musste „abgeputzt“ werden, das heißt, der die Flamme erstickende Butzen wurde weggeputzt, der Span auf die andere Seite gedreht und wieder am Kneif befestigt. Der Kienspan war auch Lichtspender zu allen anderen häuslichen Arbeiten im Keller, im Stall und auch in der Scheune. In alten Verordnungen freilich kann man lesen, dass es verboten war, weil dies die Feuersgefahr wesentlich erhöhte, zumal in alter Zeit viele Gebäude mit Stroh gedeckt waren.

Den zündenden Funken für Leuchten aller Art spendete nicht das Zündholz, sondern der Zunder, ein in Aschenlauche gebeizter, breit und fransig geklopfter ausgetrockneter Buchenschwamm, der den aus Stein geschlagenen Funken zur Weitergabe aufnahm. Hatte er ihn aufgenommen, so blies man die Glut mit Aufbietung aller Lungenkraft an. In den meisten Dörfern wurde nach dem Ersten Weltkrieg die elektrische Beleuchtung eingeführt. Bei Einzelhöfen oder Weilern vollzog sich die Umstellung oft erst zehn bis zwanzig Jahre später.

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Eine wichtige Einrichtung in der Wohnstube war natürlich der Ofen. Er war zumeist vom Boden aufgemauert und gekachelt. Seine „Schür“ wurde fast immer von der Küche aus durch eine Ofentüre mit dicken Holzscheiten gefüttert. Über diesem Schürloch befand sich ein von der Küche aus mit einer Eisentür verschlossener Kasten, in dem vier bis fünf Töpfe Platz hatten. Im Winter wurde hier das Essen für die Familie und ebenso das Kartoffelfutter für die Schweine gekocht. Hier wurde auch das Essen warm gehalten für die Kinder, die später von der Schule kamen.

Rings um den Ofen lief eine Ofenbank, der Lieblingsplatz des Großvaters. Da saß er auch, besonders in den Abendstunden, wenn das Feuer spritzte, knallte und krachte. Die Alten wussten dann zu sagen: „Jetzt schimpfen die droben im Himmel über die sündigen Menschen herunten im Haus.“ Aber auch alle anderen Familienangehörigen außer den Alten schätzten diesen Ofenplatz, wenn sie von der Arbeit ausgefroren nach Hause kamen. An der Stubendecke waren rings um den Ofen dünne Stangen befestigt; da hängte die Bäuerin oft Wäschesachen, die man schnell brauchte, zum Trocknen auf. Unter dem Ofen war ein Freiraum. Dort stellte man gewöhnlich nasse Schuhe oder Stiefel zum Abtrocknen unter.

Aber auch frisch geschlüpfte Küken oder Gänschen wärmte man dort auf. Nicht selten war der Platz sogar ständig dem Geflügel vorbehalten. In einer Steige wohnte das Hühnervolk. Durch das Hennenloch, einen durch die Hausmauer führenden Schlupf, trieb der Hausgockel allmorgendlich sein Hühnervolk ins Freie und lockte es allabendlich wieder herein. Oft gab es in der Wohnstube einen Käfig mit einem Turteltaubenpaar, das zum Hausinventar gehörte. Man glaubte, dass es Krankheiten, vor allem das Podagra (Fußgicht, Zipperlein), ferner Fuß- und Handgicht, an sich zöge. In Milch gekochten Turteltaubendreck legte man gern gegen Rotlauf und Blutvergiftungen auf.

An den Ofen schloss sich häufig das Kanapee an, heute Sofa genannt, auf dem die Hauskatze mit aufgeplustertem Fell in sich zusammengekauert den Nachmittag verdöste. An Sonn- und Feiertagen lag hier der Bauer lang hingestreckt, den Hut über dem Gesicht, damit es dunkel war. Die „Weiberleut“ hatten auf dem Sofa nichts zu suchen. Das Kanapee hatte nicht selten einen Lederüberzug. Gerade kuschelig war es deshalb darauf nicht, weil das Leder nicht richtig warm wurde und kaum Kissen das Sofa zierten. Die Wände des Wohnzimmers waren mit einigen religiösen Bildern – oft hing ein besonders großes über dem Sofa – und mit Patendankdokumenten geschmückt.

Zur Bauernstube gehörte ferner das in die Mauer eingelassene Wandkästchen oder Wandschränkchen. Es konnte mit einem Schlüssel abgeschlossen werden, denn besonders die Kinder sollten dazu keinen Zugang haben. Im oberen Fach des Kastens lag das Schreibzeug, das Tintenglas, früher auch die Streusandbüchse, der Karmelitergeist für das „Schlechtsein“ und eventuell auch ein Fläschchen Zwetschgenwasser für das „Gutwerden“, der Pfeifentabak, zuletzt noch der Schreibkalender, in dem aufgezeichnet war, wann die Kühe zum Kalben kommen, wann gegebenenfalls das Darlehn zurückgezahlt werden oder wenn die Bäuerin das Kind zum Impfen tragen musste. Viel anderes mehr, so vor allem auch Rechnungen, wurde im Wandkasten aufgehoben. Im unteren Wandkastenfach fand sich die „geistliche Erbauung“, so eine Bibel, ein Gebetbuch, das Brillenglas von der Bäuerin und das weidengeflochtene Nähzeugkörbchen.

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In den Küchen stand früher ein Dreifuß, an welchem die Töpfe über dem offenen Feuer hingen. Später gab es aus Lehm gemauerte Herde. Die Küchen waren damals schwarze, verrußte „Löcher“ und wirkten wenig einladend. Später mauerte man feste Herde mit einer verschlossenen Flamme. In die Herdplatte konnte man Töpfe auf das offene Feuer einhängen. Wenn man diese herausnahm, wurden die Öffnungen mit Eisenringen verschlossen. Bei einem herannahenden Gewitter durfte das Herdfeuer nicht ausgehen, man glaubte, dadurch Blitze abwehren zu können.

Der Herd sah recht geräumig aus, weil meist an der Seite ein „Wasserschiff“ angebracht war, in dem sich das Wasser automatisch von der seitlich entweichenden Wärme des Herdes aufheizte. Wo dieser Wasserbehälter fehlte, musste warmes bzw. heißes Wasser in einem Topf bereitgehalten werden. An der Längsseite der Küche stand eine Anrichte. Hier wurde abgespült, Essen angerichtet, Teig gemacht. Sie hatte einige Schubladen, in denen man Küchengeräte aufbewahren konnte. Über der Anrichte befand sich ein Schüsselrahmen, dort bewahrte man Schüsseln, Teller und Tassen nach dem Abspülen auf.

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Ein Bauerngarten

Der Kamin endet nach unten an der Küchendecke in einem offenen Loch. Nach der Schlachtschüssel sah man oben die Schinken und Würste hängen. Da der Kamin offen war, zog es im Winter erbärmlich herab, manchmal fielen auch Schneeflocken herunter. In der Küche wurde es deshalb nie gemütlich warm. Dort beschäftigten sich „nur“ die Frauen. Alle anderen hielten sich zum Essen und bei anderen häuslichen Tätigkeiten in der Wohnstube auf.

In einer Ecke der Küche standen Eimer zur Fütterung der Schweine. Auch die Zutaten, wie gekochte Kartoffeln, Schrot, Kleie und dergleichen, lagerte man dort. Die Bäuerin machte das Schweinfutter an, mischte es mit warmem Wasser und trug jeweils zwei Eimer in den Schweinestall. Die schweren Eimer zu tragen, war eine anstrengende Arbeit.

Das Haus betrat man zunächst durch einen großen Flur, der für die verschiedenen Tätigkeiten benötigt wurde. So konnte man dort Säcke mit Getreide abstellen, wenn man das Korn nach dem Dreschen nicht gleich verkaufte und sich so ersparte, es auf den Hausboden zu tagen. Die Kartoffelsäcke oder Krautköpfe wurden bis zum Gebrauch oder bis zur Konservierung dort gelagert. Kleinere Bauern lebten oft in recht beengten Verhältnissen. Hier wurde der Mist oft noch durch den Hausflur hinausgefahren. Auch die Tiere hatten nur durch den Hausflur Zugang zum Stall.

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Direkt an den Stall angrenzend, gegenüber der Wohnstube, befand sich das Schlafzimmer des Bauern und seiner Bäuerin. Das war so gewählt, weil man nachts hören konnte, wenn sich im Stall ein Tier von der Kette gelöst hatte und die anderen brüllten. Auch wenn im Stall ungewöhnliche Geräusche auftraten oder wenn eine Kuh kalbte, so konnte es gleich wahrgenommen werden. In den Elternschlafzimmern stand ein eiserner Ofen, damit man für Wärme sorgen konnte, wenn Kinder geboren wurden oder jemand erkrankt war.

In der Nähe der Küche war die „Speis“ eingerichtet. Man musste aber in manchen Häusern einige Treppen hochgehen, um diese Speisekammer zu erreichen, denn darunter befand sich oft der Kartoffelkeller. In der „Speise“ standen Kraut- und Fleischfass, die Brotlaibe lagerte man nach dem Backen dort, auch geräucherter Schinken, ebenso Würste, Presssack und manches andere Essbare fanden sich hier.

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Die gesamte Familie, zu der neben dem Bauern und der Bäuerin die Großeltern (Altenteiler), die Kinder, Dienstboten, unverheiratete Onkels und Tanten zählten, wohnte unter einem Dach. Die Häuser auf dem Land waren damals nur einstöckig. Die Dächer deckte man lange Zeit noch mit Stroh. Diese Strohdächer besaßen den großen Vorteil, dass es darunter im Sommer kühler und im Winter wesentlich wärmer als draußen war. Ziegeldächer deckte man damals nur „einfach“. Die Dächer waren nicht isoliert, man schlief direkt unter der Abdeckung. Dort verbreitete sich im Sommer eine unausstehliche Hitze, und im Winter drang der grimmige Kälte zu den unter dem Doch postierten Betten herein.

Es war erklärlich, dass die Schläfer, besonders die Kinder, in den kalten, unbeheizten Dachkammern erbärmlich froren. Es dauerte häufig lange, bis sie vor Kälte einschlafen konnten, obwohl sie meist einen mit Sand gefüllten, erwärmten Steingutkrug oder einen heißen Backstein, auch Dachziegel (die man vorher auf der heißen Herdplatte erwärmt hatte) mit ins Bett bekamen. Vereinzelt nur hat es schon Wärmflaschen aus Blech gegeben.

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Das Bettgestell war unten mit Brettern ausgelegt, darauf lag ein Strohsack, der alle Jahre mit frischem Roggenstroh ausgestopft wurde. Nach einigen Wochen bildete sich in der Mitte ein Vertiefung, in der man zwar gekrümmt, aber doch einigermaßen liegen konnte. Bei Schneegestöber im Winter musste oftmals zuerst der Schnee von der Bettdecke und Kissen abgeschüttelt werden, bevor man in das Bett einstieg. Mancher Schnurrbart oder auch manche Bettdecke waren vom menschlichen Atem bis zum Morgen steif gefroren. Die große Kinderzahl machte es bei vielen Familien erforderlich, dass sich zwei Geschwister bis zur Konfirmation ein Bett teilten.

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Die auch zur Familie gehörenden Dienstboten hatten ihre Schlafräume (Kammern) oft in einem Nebengebäude oder über dem Stall, ja auch im Stall. Hier hatten sie eine äußerst dürftige Unterkunft. Gewöhnliche Strohsäcke dienten als Lagerstatt. Ein Kleiderkasten oder eine Truhe waren das einfache Inventar. Im Winter herrschte natürlich wie sonst unter dem Dach im Bauernhaus in den Dienstbodenkammern grimmige Kälte.

Quellenhinweis: Unter Verwendung von Auszügen aus dem „Dörflichen Leben“ von Hermann Büchner aus Dörfles-Esbach sowie von Georg Schwarz

2008 © Fotos und Repro: Ulrich Göpfert

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