Der Walzerkönig Johann Strauss

Der Walzerkönig Johann Strauss ein Coburger Bürger?
Traditionell findet am 6. Januar eines jeden Jahres im Kongresshaus "Rosengarten“ das "Coburger Neujahrskonzert“ aus Stuttgart statt


Walzerkönig Johann Strauss
2012 © Stadtarchiv Coburg

Liebe Leser, wußten Sie, dass der Walzerkönig Johann Strauss ein Bürger von Coburg war? Nein, nun das Ganze klingt unvorstellbar, ja fast grotesk, wie ein Stoff aus einer Operette oder einem Lustspiel.

Der kleinen Residenzstadt Coburg aus dem Herzogtum Coburg-Sachsen und Gotha fiel es in den Schoß, was die Weltstädte London, Paris, Berlin nicht vermocht hatten, so berichtete der Wiener Musikforscher Professor Kurt Pahlen in seinem Faltblatt " Der Coburger Johann Strauss 1887 – 1899“. Wie er weiter ausführte: "Man wird es also den Coburgern nicht übelnehmen können, wenn sie endlich daran gehen, dem weltberühmten gefeierten Walzerkönig in ihrer Heimatstadt den Platz einzuräumen, den er verdient".

Der Mann, der das in seiner Johann-Strauss-Biographie geschrieben hat, ist nicht irgendwer, sondern der bekannte Musikforscher Professor Kurt Pahlen, ein geborener Wiener, der als engagierter Buchautor und besonders durch seine umfassende Vortragstätigkeit einen ausgezeichneten Ruf genießt.

Wie kam es zu diesem "Unvorstellbaren, Grotesken?“ Die Gründe, die zu dieser folgenschweren Entscheidung führten, lagen nicht im künstlerisch-musikalischen Bereich, sondern waren dem familiären Umfeld zuzuordnen.

Begonnen hat jener Lebensabschnitt des Wiener Walzerkönigs Johann Strauss, der ihn auf verschlungenen Wegen schließlich nach Coburg, in die Residenz des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha, führen sollte, am 27. September 1882. An diesem Tage verließ seine zweite Gattin Angelika, geborene Dittrich, den Sommersitz des Ehepaares in Schönau an der Triesting und fuhr nach Wien ins Palais der Igelgasse. Von dort kehrte sie, obwohl Strauss sie darum bitten ließ, nicht mehr zu ihrem Ehegatten zurück. Sie übersiedelte ins Theater an der Wien zu Franz Steiner, weil sie nicht länger "Frau im Hause Strauss“ sein wollte, sondern gemeinsam mit dem dortigen Theaterdirektor Steiner, mit dem sie wohl seit längerer Zeit auch eine Liebesbeziehung verband, das ruhmreiche Theater am Ufer des Wienflusses zu leiten, das Maiximilian Steiner seinem Sohn hochverschuldet übergeben hatte. Dadurch war die Auflösung des Ehebandes unvermeidlich geworden.

Die gesetzlich vorgeschriebenen Versöhnungsversuche blieben ohne Erfolg, deshalb wurden Angelika (Lili) und Johann Strauss am 9. Dezember 1882 "von Bett und Tisch“ geschieden. Wichtig zu wissen – für die weitere Entwicklung des Lebensweges – des Walzerkönigs ist: Da diese Ehe in der Wiener Karlskirche nach katholischem Ritus geschlossen worden war, galt diese als unauflöslich, und eine Wiederverheiratung der beiden nunmehr getrennten Eheleute mit anderen Partnern war deshalb im Kaiserreich Österreich dadurch unmöglich geworden.

Lili Strauss war – so stand es zumindest in den Zeitungen - von Anfang an entschlossen, sich außerhalb der Grenzen Österreichs mit Franz Steiner zu vermählen, und zwar angeblich in Gotha/Thüringen. Wie die Chronisten schreiben, blieb es jedoch bei dieser Lebensgemeinschaft bis zu ihrem Tode.

Johann Strauss fand ebenfalls sehr rasch Ersatz für seine untreue Lili. Er warb bereits Oktober 1882 um die Witwe Adele Strauss, die Schwiegertochter jenes mit ihm nicht verwandten Börsenmaklers Albert Strauss, den der Walzerkönig seit frühester Jugend vom riesigen Hirschenhaus her kannte, in dem sowohl die Familien Albert als auch Johann Strauss-Vater gewohnt hatten und alle drei Brüder Strauss (Johann, Joseph und Eduard) groß geworden waren. Bankier Albert Strauss hatte so gut wie allen Mitgliedern der Straussfamilie mit Krediten aushelfen müssen, wenn diese wieder einmal in Geldnöten geraten waren.

Als Alberts Sohn Anton im Jahre 1874 die junge Adele Deutsch heiratete, gratulierte Jetty, die erste Frau von Johann, dem herzkranken Bräutigam zu seiner hübschen Braut. Acht Jahre später aber wurde, nachdem Anton Strauss längst gestorben war, jenes "aparte Adelchen“ Jettys Nachfolgerin an der Seite des Walzerkönigs Johann Strauss. Diese Entwicklung gefiel dem Bankier Albert Strauss ganz und gar nicht. Er brach sehr rasch alle Verbindungen zu seiner Schwiegertochter ab, weil diese ja nach herrschenden Moralvorstellungen mit dem Walzerkönig in wilder Ehe lebte. So mußte Johann Strauss seine neue Gefährtin vor allem finanziell absichern, indem er zugunsten "seiner Adele“ einen Schenkungsvertrag unterschrieb. Das genügte Adele allerdings nicht: sie wollte geheiratet werden, und zwar so rasch wie möglich.


Adele Strauss
2012 © Stadtarchiv Coburg

Nun tauchte der Gedanke auf, Johann Strauß könnte Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha um Hilfe bitten. Dieser behielt sich nämlich vor, seinen Landeskindern die Ehetrennung und somit in seinem Herrschaftsbereich eine Wiederverheiratung zu ermöglichen. Ein Freund von Johann Strauss der Advokat Dr. Joseph Trutter gab ihm den Rat, er möge sich so rasch wie möglich an Herzog Ernst II. wenden und diesen um seine Hilfe bitten. Trotzdem nahm Johann Strauss sozusagen einen langen Anlauf, ehe er sich auf den Weg nach Coburg machte.

Herzog Ernst war ihm, der im Wiener Palais Coburg seit dem Jahre 1851 immer wieder als Musiker für ihn tätig gewesen war, bestens bekannt. Strauss hatte dem auch als Komponist angesehenen Regenten bereits eine "Polka fracaise“ gewidmet ("Neues Leben“, op. 278). Und doch ging Strauss nur zaghaft ans Werk.

Gleich der erste Schritt fiel ihm schwer. Um Bürger von Sachsen-Coburg werden zu können, mußte Strauss sein Ausscheiden aus dem österreichischen Staatsverband der Behörde zur Kenntnis bringen. Da er aber fürchtete, dies könne ihm am Kaiserhof übel genommen werden und den Verlust seines mühsam erworbenen Ehrentitels "Hofball-Musikdirektor“ nach sich ziehen, ließ er sondieren, ob dies nicht abgewendet werden könne. Tatsächlich ließ das Oberhofmeisteramt wissen, der Kaiser werde allergnädigst gestatten, daß Johann Strauss diesen Titel, den indessen auch sein Bruder Eduard führte, als "Ausländer“ behalten dürfe.

Erst am 4. November 1885, meldete Johann Strauss der Behörde seinen Austritt aus dem österreichischen Staatsverband. Mit Dekret vom 12. Dezember 1885 war der "Fall Strauss“ offiziell für die Behörden in Wien erledigt.

Im November 1885 hatte also Johann Strauss den österreichischen Staatsverbund verlassen und war auch aus der katholischen Kirche ausgetreten. Aber er wagte sich noch immer nicht unmittelbar nach Coburg. Er begann vielmehr im Frühjahr 1886, in Begleitung "seiner Frau“ Adele, welches Glück, dass sie ebenfalls den Namen Strauß trug eine Kunstreise, die ihn über Hamburg und Berlin nach St. Petersburg und schließlich nach Moskau führte.


Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha ermöglichte
die Eheschließung von Adele und Johann Strauss in Coburg
2012 © Stadtarchiv Coburg

In der Residenz des Herzog Ernst II. wirkte indessen Joseph Trutter im Interesse seines Freundes Strauss. Er versicherte sich der Unterstützung des angesehenen Geheimen Justizrates und Stadtverordneten Forkel und übertrug diesem die Durchführung des "Unternehmens Strauss“ in Coburg.

Am Montag, 17. Mai 1886, verließen Adele und Johann Strauss die russische Metropole St. Petersburg in Richtung Berlin. Sie kehrten von dort jedoch nicht nach Wien zurück, sondern reisten – unter strikter Geheimhaltung dieses Vorhabens – nach Lichtenfels.

Dort blieb Adele zurück, und Strauss begab sich am 23. Mai 1886 zum ersten Male in jene Stadt, deren Bürger er werden wollte, weil er es, um heiraten zu können, werden mußte. Bis zu seiner Eheschließung waren noch viele Klippen zu umschiffen, endlich am 29. Juli 1887 ließ er das Aufgebot bestellen.

Die Verhandlung fand am 30. Juli vor dem Stadtsekretär Buz statt. Das Dokument darüber wurde am selben Tag publiziert und blieb bis zum 15. August öffentlich in Coburg angeschlagen.

Endlich nahm das Schicksal – es war selbst gewählt – seinen Lauf. Als die Aufgebotsfrist abgelaufen war, stand der Eheschließung nichts mehr im Wege. Joseph Priester, ein Freund, war aus Wien angereist, um Adeles Trauzeuge zu sein, für Johann stellte sich der Coburger Bürger Kanzleivorsteher Wilhelm Bagge zur Verfügung.

 
Das Ehepaar Adele und Johann Strauss in Coburg
2012 © Stadtarchiv Coburg

Am 15. August 1887 kommt es zu dem Höhepunkt, an dem auch die Cobuger Öffentlichkeit lebhaften Anteil nahm. Die festlich geschmückte Hochzeitskutsche des Posthalters Christian Mönch holte das außergewöhnliche Paar in der Alexandrinenstraße ab. Im Rathaus vollzog der Oberbürgermeister Muther in seiner Eigenschaft als Standesbeamter die Trauung. Anschließend erfolgte die kirchliche Trauung in der Schloßkirche der Coburger Ehrenburg. Sie wurde vom Hofprediger Dr. Johann Georg Hansen vorgenommen und im Trauungsregister des evangelisch-lutherischen Pfarramtes St. Moritz, zu dem auch die Hofkirche gehörte, wie folgt eingetragen:

"Johann Strauss, kaiserlich königlicher Hofball-Musikdirektor in Wien, geboren in Wien am 26. Oktober 1825, übergetreten zur evangelischen protestantischen Kirche in Wien, Pfarrer Dr. Zimmermann, 9.Juli 1886, und Adele Johanne geborene Deutsch, verwitwete Strauss, geboren in Wien 1. Januar 1856, übergetreten von der mosaischen Religion zur evangelischen-protestantischen Kirche in Wien, 30. April 1883, getraut am 15. August 1887 in der Hofkirche.“ (Hofkirche Coburg, Trauungsregister).


Urkunde über die Eheschließung in Coburg
2012 © Stadtarchiv Coburg

Unmittelbar nach der Hochzeit, genau am 16. August, haben Adele und Johann Strauss Coburg verlassen. Sie reisten eiligst nach Franzensbad und kehrten nie mehr in die Residenzstadt zurück, obwohl sie hier freundlich aufgenommen und ihren sehnlichsten Wunsch in aller Form erfüllt hatten. Fest steht jedenfalls, dass für das Ehepaar Strauss nach der Abreise von Coburg in Franzensbad eine Zeit ungetrübten glücklichen Zusammenlebens und des gemeinsamen Wirkens begann. Alle Zeugnisse über die folgenden Jahre berichten von Harmonie, die zwischen diesen beiden, im Charakter doch recht verschiedenen Menschen herrschte.

Ausklang
Wie erging es dem Ehepaar Strauss nachdem es nach Wien zurückgekehrt war?
Jene Befürchtung die Johann Strauß in Coburg hegte, dass man ihm im offiziellen Wien seine Ausbürgerung und seine Eheschließung in Coburg verübeln würde, ist tatsächlich eingetroffen. Für den Rest seines Lebens, also immerhin noch zwölf Jahre lang, gab es für ihn in der Donaumonarchie keine Ehrung und Auszeichnung mehr. Selbst Ehrenbürger seiner Heimatstadt Wien – diese Ehrung wäre spätestens 1894 bei seinem "Goldenen Kapellmeisterjubiläum“ fällig gewesen – ist Strauss nicht geworden.

Erschütternd sind auch die Worte, die Adele kurz nach dem Tote ihres Gatten – er starb am 3. Juni 1899, sie selbst erst 1930 – niedergeschrieben hat: "Jean ist ruhig in meinen Armen gestorben. Vorher bedeckte er die Hand, die ihn streichelte, mit Küssen. Da war vergessen, was ich all die Jahre "zu übersehen hatte“. Strauss erhielt zwar ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof, aber das Johann-Strauss-Denkmal im Wiener Stadtpark verdankt seine Errichtung im Jahre 1921 einer Privatinitiative.

In seiner Geburtsstadt erinnert nur eine kleine Gasse im Bezirk Wieden, die einstige "Igel-Gasse“, in der sich sein Wohnhaus befunden hat, an den Walzerkönig. Das Strauss-Museum in der Leopoldstadt wurde gar erst 1978 eingerichtet und eröffnet.


Dieser Gedenkstein wurde dem Walzerkönig im Jahre 1987
in Coburg gewidmet. Er steht im "Rosengarten“ nahe dem Kongresshaus
2012 © Ulrich Göpfert

In Coburg wurde dem Walzerkönig Johann Strauss im Jahre 1986 ein "Johann-Strauss-Platz“ in der Nähe vom "Pilgramsroth“ gewidmet. Ein Gedenkstein zum Andenken an den Walzerkönig steht im Rosengarten nahe dem Kongresshaus in Coburg. Außerdem befindet sich in Coburg die Geschäftsstelle der Deutschen Johann-Strauss-Gesellschaft.

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25. Coburger Neujahrskonzert 2012
Das Alt-Wiener Strauss-Ensemble unter der Leitung von Ralph Kulling im Kongresshaus Rosengarten in Coburg
Foto: 2012 © Ulrich Göpfert

Als weiteres entscheidendes Ereignis in der Coburger Strauss-Pflege stellt die Begründung der Neujahrskonzerte, die seit dem 6. Januar 1988, alljährlich zu diesem Zeitpunkt im Kongresshaus "Rosengarten“ veranstaltet werden, dar. Sie gehen zurück auf ein großzügiges Engagement des Konzertmeisters Arthur Kulling vom Stuttgarter Staatstheater, der mit seinem Alt-Wiener Strauss-Ensemble und Dr. Eduard Strauss, (dem Urenkel des Bruders von Johann Strauss, nämlich Eduard) als Moderator, zu dieser Veranstaltung anregte. Das "Coburger Neujahrskonzert“ 2002 wurde erstmals, nachdem der Konzertmeister Arthur Kulling in den wohlverdienten Ruhestand getreten war, von seinem Sohn Ralph geleitet.

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24. Coburger Neujahrskonzert 2011 im Kongresshaus
Rosengarten in Coburg
v.l.n.r.: Dr. Eduard Strauss und Ralph Kulling
Foto: 2011 ©  Ulrich Göpfert

"Alt-Wiener Strauss-Ensemble“
Das "Alt-Wiener Strauss-Ensemble“ wurde im Jahre 1972 von Konzertmeister Arthur Kulling gegründet. Zwölf Musiker, alle Mitglieder des Staatsorchesters Stuttgart, fanden sich zusammen, um die Musik der Strauss-Dynastie, Joseph Lanners und der Komponisten des "Alten Wien“ in der Art zu interpretieren, wie es vor mehr als 150 Jahren in den Ballsälen, Casinos und Wirtschaftsgärten Wiens üblich war. Seit September 2001 leitet sein Sohn Ralph Kulling den Klangkörper, wie seinerzeit Johann Strauss, von der Geige aus. Das Ensemble kann auf eine umfangreiche Konzerttätigkeit im In- und Ausland zurückblicken. Tourneen durch Spanien, Italien, Dänemark, Süd-Afrika, Norwegen, Schweden, Rundfunk- und Fernsehproduktionen, sowie CD-Aufnahmen ergänzen das Wirkungsfeld des "Alt-Wiener Strauss-Ensembles“.

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24. Coburger Neujahrskonzert 2011 im Kongresshaus Rosengarten, Coburg
Schlussapplaus
Foto: 2011 © Ulrich Göpfert

Das vor wenigen Tagen stattgefundene  24. Coburger Neujahrskonzert 2011 im Kongresshaus Rosengarten war wieder ein großartiger Erfolg und zeigte einmal mehr, wie beliebt die Musik von den "Sträussen", dargeboten vom Alt-Wiener Strauss-Ensemble, auch heute noch ist.

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