Grenzgebiet! Sperrzone!

Grenzgebiet! Sperrzone!
Unbekanntes aus Mitteldeutschland
Dienstag, 05. und 12. Juli 2011, 22:05 Uhr im MDR FERNSEHEN

Zweiteiliger Film von Christian H. Schulz

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Blick auf Hötensleben über innerdeutsche Grenze von Westseite aus
Foto: 2011 © MDR/ Privatarchiv Clemens Perschkes

Zum 50. Mal jährt sich 2011 ein für die Deutschen historisch tiefe Spuren hinterlassendes Ereignis: der Bau der Berliner Mauer und die endgültige Abriegelung der DDR durch die innerdeutsche Grenze. Während sich die Blicke der Historiker und Dokumentaristen immer wieder auf die Stadt Berlin richten, sind die Geschichten entlang der Grenze - dem Eisernen Vorhang - einem größeren Publikum weitgehend unbekannt.

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Harry und Martha Perschke nach ihrer Flucht in den Westen
Foto: 2011 © MDR/ Privatarchiv Clemens Perschkes

Der MDR produzierte eine zweiteilige Doku-Reihe über die Nahtstelle der beiden deutschen Staaten, die Grenze entlang der heutigen Bundesländer Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen. Wie lebte es sich im Schatten des "antifaschistischen Schutzwalls"? Wie kamen die Menschen mit den dramatischen Einschränkungen durch die Grenzziehung klar? "Grenzgebiet! Sperrzone!", erzählt die vielen unbekannten Geschichten aus der Grenzregion und darüber hinaus: der Alltag im Sperrgebiet, das Leben der Grenztruppen, der Propagandakrieg, die Zwangsumsiedlungen, die Fluchtversuche. Aber auch Momente des Glücks, die Errichtung des kleinen Grenzverkehrs, menschliche Hilfe zwischen Ost und West und aus heutiger Sicht lustig-skurril anmutende Schilderungen finden ihren Platz in den Dokumentationen.

Der zeitliche Schwerpunkt der Doku-Reihe liegt zwischen 1952, als die Demarkationslinie zwischen den Besatzungsmächten von DDR-Seite verstärkt abgeriegelt und zunehmend als unüberwindliche Grenze ausgebaut wurde, und den Jahren 1973/74, als im Zuge des Grundlagenvertrages zwischen der Bundesrepublik und der DDR eine Annäherung begann. Dabei arbeitet die Redaktion Geschichte und Gesellschaft zusammen mit den Spezialisten der MDR-Landesfunkhäuser, die regionale und unbekannte Geschichte hausnah recherchieren und realisieren.

Teil 1: Die Jahre 1952 - 1961

Die Grenztruppen lösen vielerorts Unbehagen aus
1952: Die DDR beschließt die völlige Abriegelung der innerdeutschen Grenze. Quer durch Landschaften, Städte und Orte ziehen sich 1.400 km Grenzanlagen. Das Leben in Grenznähe, im sogenannten Sperrgebiet, wird sehr beschwerlich. Passierscheine, Sperrstunden und Versammlungsverbot sind nur einige der Auflagen, die die Bewohner zu beachten haben. Mitten im Sperrgebiet, in Billmuthausen, betrieben Gerhard Altmanns Eltern eine Mühle, die für die umliegenden Ortschaften von großer Bedeutung war. Doch schon kurz nach Ende des Krieges blieben die Kunden aus den westlichen Dörfern aus. Jahrhundertelang war die Mühle im Besitz der Familie gewesen. Mit der Grenzziehung wurden die Mühle und damit eine Familientradition für immer zerstört

Eine neue Familie wuchs dagegen in Hötensleben heran. Achim Walther zog der Liebe wegen von Frankfurt/Oder ins Sperrgebiet und erlebte Zeiten des Glücks, aber auch der Angst. "Und diese Angst, deportiert zu werden, war deshalb so bedrohlich, weil es keine Ankündigungen und keine Angabe von Gründen gab. Es konnte jeden treffen!" Die Eltern von Clemens Perschke aus Hötensleben trifft es 1952. Zwangsdeportation. "Vater ist zusammengebrochen, Mutter stand wie eine Leiche in der Ecke, käsebleich, und wusste nichts mehr mit sich anzufangen ... und ich stand praktisch dazwischen. Mir sind die Tränen gelaufen und gelaufen." Clemens Perschke bleibt zurück und muss den Familienbetrieb - ein Schuhgeschäft - ganz allein weiterführen. Bis er eines Tages verhaftet wird.

Unbehagen lösen die vielerorts stationierten Grenztruppen aus, doch manchmal auch eine Unruhe der ganz besonderen Art. Wolfgang Schlicht erinnert sich lebhaft an das Buhlen um die besten Mädchen und manch handfeste Auseinandersetzung zwischen Grenzern und Einheimischen auf den Dorffesten rund um Lobenstein oder im Südharz. Neben den Fluchtwilligen, die die DDR in Richtung Bundesrepublik verlassen, gibt es auch Menschen, die den umgekehrten Weg nehmen. Der aus Ostpreußen vertriebene Erhard Kurbiuhn geht noch vor dem Mauerbau in die DDR, wird in Zittau sesshaft. Schon bald merkt er, dass ihm das Leben im sozialistischen Staat gegen den Strich geht. Doch in dem Moment, wo er ernsthaft an Rückkehr in den Westen denkt, macht ihm die Geschichte einen Strich durch die Rechnung - es ist August 1961.

Teil 2: Die Jahre 1961-1973

1961 - ein schwarzes Jahr für die Deutsche Geschichte. Mit dem Mauerbau in Berlin ist die Teilung des Landes endgültig besiegelt. Noch einmal wird das Sperrgebiet in Grenznähe von politisch angeblich unzuverlässigen Menschen "gesäubert". "Aktion Kornblume" ist das Codewort für die gewaltsame Umsiedlung zahlreicher Familien. Edelgard Hillebrand muss mit ihren Eltern den Hof im thüringischen Billmuthausen Hals über Kopf verlassen - eine traumatische Erfahrung für die Familie. Vertriebene aus Ostpreußen, die sich gerade erst mit der zweiten Heimat angefreundet hatten.

In den Ausbau der Grenzanlagen investierte die DDR-Regierung ein riesiges Aufgebot an Material, Personal und politischer Erziehung. "Das ging ja los im Kindergarten, in der Schule, Berufsschule und bei der NVA, dass gesagt wurde, das ist hier die Grenze zur NATO, und da gibt es eben kein Für oder Wider. Das ist der Klassenfeind, ob das nun die Armee ist oder die Bevölkerung." Wolfgang Schlicht und Heiner Wehr, ehemalige Grenzsoldaten gehören zu denen, die offiziell den Staat DDR schützen sollten, deren eigentliche Aufgabe jedoch darin bestand, die Menschen, die das Land verlassen wollen, davon abzuhalten - und sei es mit der Schusswaffe. Sie erzählen von ihrem Alltag an der Grenze bei Nordhausen und Hirschberg und ihrer Angst vor den Flüchtenden.

Menschen wie Klaus Luthardt aus Sonneberg. Der Thüringer Beatlesfan mit den langen Haaren eckt überall an, passt nicht ins System. Doch weg will Klaus Luthardt eigentlich nicht - nur einmal ein Beatles-Konzert besuchen, in Westdeutschland. An einem Sommertag beschließt er mit einem Freund durch den Wald in den Westen zu flüchten. Doch die beiden Jugendlichen werden entdeckt, festgenommen und in einem öffentlichen Prozess verurteilt.

Bernd Müller aus dem Erzgebirge, der in einem kleinen Grenzdorf bei Neuhaus an der Elbe als Lehrer arbeitet, hat mehr Glück. Ein seltenes Naturereignis kommt ihm zu Hilfe. Seit Jahren ist die Elbe im Winter 1972 erstmals wieder zugefroren. Orientierungslos durch dichten Nebel irrt Müller übers Eis gen Westen...

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Gerhard Altmann und seine Schwester 1954 in Billmuthausen
Foto: 2011 © MDR/Privatarchiv Gerhard Altmann

Gerhard Altmann, dessen Eltern eine Mühle in Billmuthausen betreiben, trotzt lange den widrigen Umständen. Bis 1973. Dann kapituliert die Familie, gibt die Mühle auf und zieht schweren Herzens weg. Langsam wird das Dorf dem Verfall preisgegeben - fünf Jahre später dem Erdboden gleich gemacht.

Das Grenzregime der DDR ist Anfang der 70er-Jahre hochgerüsteter denn je, auch jenseits der Hauptstadt: Stacheldraht, Steckgitterzäune, Signaldrähte. Gleichzeitig beginnt 1972 mit der Unterzeichnung des Grundlagenvertrags zwischen DDR und Bundesrepublik eine Zeit der Entspannung. Besuchserleichterungen und neue Grenzübergänge ermöglichen den Bewohnern der Bundesrepublik neue Kontakte in die grenznahen Gebiete der DDR.

Der Wendländer Axel Kahrs weiß die Reise-Erleichterungen im Zuge des sogenannten "Kleinen Grenzverkehrs" zu nutzen und begibt sich auf Entdeckungstour durch den unbekannten Osten. "Da war eine Ampel, die war auf Rot. Und um Mitternacht sprang diese rote Ampel auf Grün um, weil ab 00:00 Uhr die Einreise für Bürger der Bundesrepublik Deutschland aus grenznahen Gebieten möglich war. Es war ja das erste Loch in der Mauer, was damals zumindest von West nach Ost geschlagen wurde."

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