Walpurgis

Walpurgis

Mainacht, Freinacht, Hexentanz

Immer wenn es auf den 1. Mai zugeht, wird das Dörfchen Unterbrunn im Westen Münchens von Unruhe erfasst. Die Unterbrunner müssen den Ruf ihres Dorfes verteidigen: Sie sind im Oberland als unerschrockene Maibaumdiebe gefürchtet. Ihre Lieblingsbeute: Der Maibaum des Münchner Stadtteils Neuhausen.

Der nämlich hat sich schon im Winter ein besonderes Renommee erworben - als Christbaum auf dem Marienplatz. Wie in Unterbrunn sieht man in diesen Tagen, besonders aber in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai, überall in Bayern junge Menschen mit finsteren Absichten durch die Straßen ziehen: Es ist Freinacht, Walpurgisnacht, die Nacht der Hexen, der ledigen Burschen und seltsamen Bräuche. Da werden seit alters her Gartentore ausgehängt, finden sich Möbel auf dem Marktplatz wieder und Heuwagen auf dem Dach. In neuerer Zeit soll es auch vorgekommen sein, dass Autobesitzer ihre Fahrzeuge von Rasierschaumverzierungen und Klopapierumhüllungen befreien mussten.

 

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Witches' Sabbath (VD17 3:015601X)

Quelle: Johannes Praetorius: Blockes-Berges
Verrichtung, Leipzig u. a. 1668

 

Freia, Walburga, Musterung: Die Nacht der Nächte

Die Herkunft all dieser Bräuche ist so verwirrend und vielfältig wie diese selbst: Im Kalender der Kelten, der nur zwei Jahreszeiten kannte, war der 1. Mai der Übergang vom Winter zum Sommer - ein Anlass für wilde Feste und schaurige Blutopfer. Die Germanen wollen in dieser Nacht ihre Göttin Freia beobachtet haben, wie sie mit Wotan den Frühling zeugte.

 

In christlicher Zeit hat die Volksheilige Walburga (oder Walpurgis) der Freia den Rang abgelaufen: Die um 710 in England geborene Äbtissin des Klosters Heidenheim in Franken galt als Beschützerin vor Zauberpraktiken und bewahrte Mensch und Vieh vor den Umtrieben der Hexen. Termin ihrer Heiligsprechung: Der 1. Mai.

 

Das Umschlagen von Hexenzauberkult in profanen Schabernack dürfte ein weltlicher Termin befördert haben: Vor der Musterung und dem Beginn des Militärdienstes am 1. Mai war jetzt die letzte Gelegenheit, unbeschadet über die Stränge zu schlagen.

 

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Maibaum

Foto: 2015 ©  Ulrich Göpfert

 

Freinacht: Schwupp, schon ist der Maibaum weg

Zwei Bräuche freilich machen den Kern der wilden Mainacht aus: Der Maibaumkult südlich der Mainlinie, die Walpurgisnacht nördlich. Ersterer entwickelte sich ab dem 16. Jahrhundert aus alten Fruchtbarkeitskulten und dokumentierte das wachsende Selbstbewusstsein der Gemeinden, deren Mitte er - oft vorm Dorfwirtshaus, meist geschmückt mit geschnitzten Figuren, Bemalungen und bunten Bändern - ab den letzten Apriltagen schmückte.

 

Zugleich freilich stand der Maibaum lange Zeit jenseits von Recht und Gesetz: Weil er meist im Staatswald geschlagen wurde, untersagte die Obrigkeit den Maibaum - bis König Ludwig I. die "Umtriebe" offiziell zum Brauchtum erklärte.

 

Inzwischen hat sich der Wettstreit um den schönsten und höchsten Baum im südlichen Bayern zum Volkssport entwickelt. Kaum zu toppen ist der Maibaum auf dem Zugspitzplatt mit seinen rund 30 plus 2.600 Metern.

 

Fast ebenso alt sind die Versuche, dem Nachbarn sein Brauchtumsstangerl abspenstig zu machen und gegen Auslöse in Form einer ordentlichen Brotzeit zurückzuerstatten. Ende März bereits beginnen Späher aus dem Dorf, die Lage auszukundschaften. Oft ist der Baum gut versteckt, von Hunden und Elektronik bewacht. In der Freinacht machen sich die Diebe dann mit List, Tücke und Sattelschlepper auf den Weg. Ähnlichkeiten mit Agentenfilmen sind rein zufällig: Ein Maibaumdiebstahl muss gewaltfrei durchgeführt werden. Selbst ein kleines Kind kann ihn verhindern, wenn es in den Dorfgrenzen seine Hand auf den Baum legt und sagt: der bleibt hier!

 

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Titelseite des Werkes Die Walpurgis Nacht. Ein Gedicht in drey Gesängen
von Johann Friedrich Löwen 1756

Quelle: Georg von Gynz-Rekowski, Hermann D. Oemler: Brocken. Historie, Heimat, Humor. Gerig Verlag, Königstein/Taunus 1991, ISBN 3-928275-05-4

 

Walpurgis – Die Nacht des wilden und bunten Treibens

In maibaumferneren Regionen bietet sich ein völlig anderes Bild: Gruselige Hexen reiten auf ihren Besen durch die Straßen, das Murmeln ihrer Beschwörungsformeln wird begleitet von dumpfen Trommelklängen. Über allem liegt der Duft deftiger Hexensuppe, Krüge mit Krötenwein und Krähenschnaps machen die Runde. Es ist Walpurgisnacht, die Hexen fliegen zum Tanzen auf den Blocksberg und begrüßen den Frühling.

 

Mit bürgerlichem Namen heißt der als Hexentanzplatz berüchtigte Blocksberg Brocken, ist mit 1.142 Metern der höchste Berg im Harz und seit 1938 Träger des Welt ersten Fernsehturms. Seine herausragende Bedeutung für das Hexenwesen verlieh dem Granitmassiv Johann Wolfgang von Goethe, dessen Faust hier die Walpurgisnacht verbringt und ihr so zu Weltruhm verhilft.

 

Seither ist am 30. April zwischen Wernigerode, Quedlinburg, Schierke und Elend der Teufel los: Die Harzer Schmalspurbahn wird zum Höllenzug, das Felsplateau bei Thale zum Hexentanzplatz. Wirksamen Exorzismus betrieb zwischen 1961 und 1989 ausgerechnet die DDR, die den deutsch-deutschen Grenzpunkt zur militärischen Festung samt sowjetischen Abhöranlagen ausbaute.

 

 

Der Chor der Hexen auf dem Brocken

Goethe, Faust I, Walpurgisnacht

 

"Die Hexen zu dem Brocken ziehn,

Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.

Dort sammelt sich der große Hauf,

Herr Urian sitzt oben auf.

So geht es über Stein und Stock,

Es farzt die Hexe, es stinkt der Bock."

 

Quellenhinweis: BR-online

 

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