Die Jungfrau mit dem Zopf oder „die Arabische Prinzessin“

Die Jungfrau mit dem Zopf
oder „die Arabische Prinzessin“

nach einer Erzählung von Ludwig Bechstein

Kloster Veßra/Coburg
Auf dem Spielplan für Monat April/Mai 2014 vom Landestheater Coburg stand u.a. die Märchenoper „Die Arabische Prinzessin“ nach der Musik von Juan Crisóstomo de Arriaga. In der Johanniskirche in Coburg wurde diese unter der musikalischen Leitung von Anna-Sophie Brüning, in der Inszenierung von Constanze Weidknecht, aufgeführt. Durch Zufall bin ich auf die u.a. Erzählung „Die Jungfrau mit dem Zopf oder die Arabische Prinzessin“ von Ludwig Bechstein gestoßen.

Die Schreibweise entspricht der Originalausgabe.
 

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Henneberger Wappen
Scheibler'sches Wappenbuch, älterer Teil
© Bayerische Staatsbibliothek Cod. icon. 312 c, 1450 - 1480

Über dem Wappen der Grafen von Henneberg-Schleusingen, der schwarzen Henne mit rotem Kamm auf drei grünen Bergen im goldenen Felde, steht der Helm mit seiner Zier, letztere darstellend  die Büste einer gekrönten Jungfrau ohne Arme mit einem langen Zopf. Da unzählige Male dieses Wappen im Bereich der alten Grafschaft Henneberg an Mauern, Toren, Kapellen, Brücken usw. angebracht ist und diese Helmzier dem Volke mehr deutsam erschien als jede andere, so hat sich über dieselbe mehr als eine Sage gebildet und verbreitet, die sich mehr oder minder einander ähneln und ergänzen.

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Ludwig Bechstein, 1801-1860,
deutscher Schriftsteller, Bibliothekar, Archivar
und Apotheker.
Repro: Ulrich Göpfert

Die Jungfrau mit dem Zopf oder „die Arabische Prinzessin“
nach einer Erzählung von Ludwig Bechstein

Ein Graf von Henneberg zog nach Italien und in das Heilige Land. Dort lernte er die Tochter eines Königs von Arabien kennen und gewann ihre Liebe, jedoch musste er sie verlassen, schied sich mit Schmerz von ihr und reiste nach seiner Heimat zurück. Die arabische Prinzessin wurde darauf von der heftigsten Sehnsucht ergriffen, die sie eine Zeitlang zu überwältigen suchte, allein ihre Liebe war allzu mächtig, und vermochte nicht länger zu widerstehen, zog deshalb mit vielen Schätzen aus ihrem Vaterlande und dem Geliebten nach.

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Kirchenruine St. Marien des Klosters Veßra
Foto: © Ulrich Göpfert

Als sie in die Gegend des Klosters Veßra kam, hörte sie von den beiden Türmen der Kirche sowohl als auch von den umliegenden Ortschaften lange anhaltendes feierliches Geläute. Nun forschte sie, was das zu bedeuten habe. Da wurde ihr zur Antwort, sie müsse wohl sehr weit herkommen, dass sie nicht wisse, dass heute der Landesherr seine Hochzeit feiere, und man nannte ihr dessen Namen. Das war nun aber leider ihr Geliebter, die arme Prinzessin wurde fast unsinnig vor Schmerz. In ihrer Verzweiflung riss sie sich ihren starken Zopf ganz aus, dann nahm sie den Schleier und verwandte all ihr Geld und Gut und reichen Schatz zu frommen Werken, von diesen nennt man noch die Klostermauer um Veßra und die Brücken von Ober- und Untermaßfeld, in welchen Orten man auch diese Sage ganz so wie um Veßra erzählt, nur dass die Sarazenin über Henneberg gekommen sei.

Den Grafen aber rührte tief die Liebe und der Schmerz der fremdländischen Jungfrau, er ließ ihr Bildnis als Helmzier auf sein Wappen setzen und allenthalben anbringen, daher kommt auf dem hennebergischen Wappen die Jungfrau mit dem Zopf, wie es in Veßra, an der Kapelle neben der Obermaßfelder Brücke und anderwärts häufig noch heute zu ersehen ist.

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Blick vom Freilichtmuseum zur Kirchenruine St. Marien des Klosters Veßra
Foto: © Ulrich Göpfert

In Veßra wurde die Araberin begraben, dort war ein Monument im oberen Chor der Kirche, eine Jungfrau mit schwebenden oder zu Feld geschlagenen Haaren, in Stein gehauen, auf sechs Säulchen, welche Jungfrau, wie eine alte Nachricht aussagt, soll eine Königstochter gewesen sein und durch Heereszüge mit in dieses Land gekommen. Sie hat ihr Leben allda beschlossen und etliche Kleinod, so sie bei sich gehabt, ins Kloster gegeben. Sie hatte einen langen Mantel über dem untern innern Kleide oder Rocke, einen schmalen Gürtel, ein edel Gespang vorn unter dem Halse auf der Brust hangen und einen Leidschleier oder Binde von dem Haupt bis auf die Füße hangen. An dem Kissen unter dem Haupt zu beiden Seiten zwei Engel, so dies Kissen hielten. Also war der Sarazenin Denkmal beschaffen.

Nach einer anderen Erzählung spielten zwei Grafen von Henneberg Kegel miteinander, entzweiten sich, und einer dieser Brüder schlug den andern tot und entfloh. Sein Geschick führte ihn in das Reußenland bis nach Moskau, da war denn die getäuschte, dem Liebsten nachgezogene Geliebte eines moskowitischen Kaufmanns Tochter, womit diese unfehlbar jüngere Sage immer noch nach dem Orient hinweist.

Eine noch jüngere Abwandlung derselben lässt den Grafen nur bis Würzburg gelangen, dort der Kaufmannstochter Liebe und Treue geloben und die letztere brechen, weil seine Verwandten ihn allzu sehr bestürmten, sich ebenbürtig zu vermählen. Da nun die Verlobte mit reichem Gut ihm nachzog und ihr Unglück erfuhr, Riss sie den Zopf sich aus vor Schmerz und Gram, machte von ihrem Gute mehrere fromme Stiftungen, erbaute Brücken, und da sie in ein Dorf kam, allwo sie getröstet wurde, gründete sie daselbst ein Kloster und nannte ihres Trostes Stätte Troststatt.

Quelle:  Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch

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