Das Pferd

Das Pferd
Eine Episode aus dem Fortsetzungsroman:
 “Mamas rosa Schlüpfer” von Joachim Kortner

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Joachim Kortner bei einer Autorenlesung
Foto: 2014 © Ulrich Göpfert

Vor dem gedrungenen Ziegelsteinhäuschen der zweiklassigen Dorfschule lärmten gerade die Kinder in ihrer Pause. Frau Haller und Fräulein Gröning lehnten an der warmen Hauswand, unterhielten sich und aßen dabei ihre Brote. Mädchen waren in ein Hüpffachspiel vertieft, barfüßige Jungen rannten und brüllten sich die Lunge aus dem Hals. Bei dem stinkigen Abortschuppen im Hinterhof der Schule gab es besonders schnelle Wechsel der Lochbesetzung, denn die stahlblau und grünlich schillernden Schmeißfliegen waren jetzt im Hochsommer die wahren Eigentümer dieser Holzanbauten.

Von einem Augenblick zum anderen war die gewohnte Lärmkulisse verstummt. Die wenigen aus dem Hinterhof eilten nach vorn, um zu sehen, ob die Pause vorzeitig abgebrochen worden war. Als sie vor das Schulhaus kamen, bemerkten sie, dass alle anderen Kinder wie erstarrt am Straßenrand standen und mehr ehrfürchtig als neugierig in die Dorfstraße hinunterschauten.

Spätankommern wurde auf ihr „Was issn da los?“ gar keine Antwort mehr gegeben. Ein seltsames, aber auch beklemmendes Schauspiel zeigte sich den Kindern. Mühsam und langsam schleppte ein Ochsengespann etwas Großes über das Dorfpflaster. Zwei Russensoldaten gingen aufgeregt nebenher, schwangen Kutscherpeitschen über den geängstigten Tieren und schrien auf sie ein. Die Hand am Kummet, dirigierte ein Bauer die Zugtiere. Einer, der im letzten Sommer aus der Schule entlassen worden war, rief den Achtklässlern entgegen:

„Dett is der Jaul von dem Giesicke! Den hattnse beschlachnahmt. Der hat eene Kolik nach die andere jekriecht. Und nu konnta nich mehr uffstehn. Denn hammse ihm jeprüjelt und nu isser einfach varreckt!“

Die Prozession kam näher. Scheu traten die Kinder einen Schritt zurück. Im Keuchen hoben die Ochsen ihre Flanken. Mit weit hervortretenden Augen standen sie jetzt da. Ihr Geschirr war in einen Zugbalken eingehakt.

Dem großen, hellbraunen Ackerpferd hatte man Vorder- und Hinterhand zu einem Bündel aus vier Hufen zusammengeschnürt. Sein Kopf schleifte mit der langen, schwarzen Mähne auf der Straße und war weit nach hinten gebogen. Beißeisen und Lederhalfter waren ihm im Sterben oder durch das Schleppen unter die Zunge gerutscht. Das samtig graue Maul hatte einen blutigen Einriss.

Flüstern lief durch die Reihen der Kinder. Die zwei Soldaten standen jetzt etwas unschlüssig da, als ob sie auf etwas oder jemand warteten. Da hörten alle ein Motorrad. Nur der Wachtmeister Otto Schreiber auf seiner 125er DKW konnte das sein. Als er hinter den Zugochsen bremste, rutschte ihm seine Maschine auf dem sandigen Gehstreifen weg und schlitterte noch einen Meter weiter. Dann starb ihm der Motor nach einigen Fehlzündungen mit blauer Rauchfahne gnädig ab. Am Fehlen der Dienstmütze und an seinem wackeligen Stand erkannten sogar die Kinder, dass er von dem russischen Einsatzbefehl überrascht worden war. Niemand spottete, eher schämten sich die Kinder vor den Russen. Deren Soldaten, die durften schon mal torkeln. Bei ihrem Schreiber, dem deutschen Wachtmeister, war ihnen das peinlich.

Mit Händen und Füßen konnte Otto Schreiber den beiden gereizten russischen Peitschenträgern erklären, dass dieses tote Pferd jetzt über den nahen Feldweg gezogen werden sollte. Er führte zu einer Gruppe von sieben Baumriesen. Mill und Jank waren dort schon oft in halsbrecherische Höhen geklettert. An den unteren Ästen hatten sie ausgiebig ihre Schaukelkünste geübt.

Die Ochsen hatten den Befehl zum Weiterziehen bekommen, Beide Lehrerinnen riefen ihre Klassen zum Unterricht. Mill wollten heute seine Schönschriftzeilen auf der Schiefertafel noch weniger gelingen als sonst. Immer wieder stieg das Bild vom verrutschten Beißeisen in ihm hoch.

Noch am selben Nachmittag folgten die zwei den Schleifspuren bis hin zu ihren Schaukelbäumen. Inmitten der großen Schattenspender war eine tiefe Grube geschaufelt worden. Der arme Braune hatte hier sein Grab gefunden. Von dem Tag an konnten und wollten sie hier nicht mehr herumklettern. Auch das Schaukeln war ihnen endgültig vergangen.

Nach ein paar Tagen warfen grässliche Verwesungsgase die Erdschicht über dem Pferdegrab auf. Fliegenschwärme begannen, Besitzansprüche auf diesen sonst von Bienen umsummten Ort zu erheben und fingen schon an, in die entstandenen Erdrisse einzudringen. Der abscheuliche Aasgestank verwandelte ihr wankelmütiges Mitleid schon bald in Ekel. So schnell hatten sie ihr Pferd verraten.

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Titelbild des Buches „Mamas rosa Schlüpfer
Foto: 2014 © Joachim Kortner

Das Buch ist in jedem Buchgeschäft und im Internet über die
ISBN: 978-3-8334-5381-6 bestellbar.

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