Granada und Ave Maria

Granada und Ave Maria
Eine Episode von Joachim Kortner, Coburg
aus seinem Roman „Raststraße“


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Luftaufnahme vom ehemaligen Dampfziegelwerk Esbach
Repro: Ulrich Göpfert

...der Ziegelfabrikant hat beide eingeladen. Ob sie zur Weihnachtsfeier der Fabrik spielen wollen, hat er sie fragen lassen. Sie würden auch abgeholt und heimgebracht werden. Für zehn Minuten einen Hunderter. Spielen könnten sie, was sie wollen. Es müsse nicht unbedingt etwas mit Weihnachten zu tun haben.

Bänke und Biertische. Darauf Fichtenzweige mit Lamettafäden. Der Wirtshaussaal ist fast voll. Sie tragen ihre Gitarren auf die Bühne. Der Fabrikant kommt zu ihnen hinauf. Einen starken Händedruck hat der. Er lächelt. Die Stimme ist freundlich. Er weiß es nicht. Das mit den zerbrochenen Brettern und dem Karren mit den Lüftungsziegeln.

Sein Sohn habe sie vorgeschlagen. Das wäre mal etwas anderes als das übliche Gedudle und Geflöte, hat er dem Vater gesagt. Aber die Leute sollten erst mal was Ordentliches in den Magen kriegen. Schnitzel mit Kartoffelsalat. Unten am Tisch der Verwaltung seien für die Künstler Plätze reserviert. Kisten mit Flaschenbier zur Selbstbedienung. Der Fabrikant hat schon zu Hause gegessen.

Jakob sitzt gegenüber der Brillenfrau aus dem Büro. Damals hatte sie ihm die beiden Lohnstreifen für den Halleffekt gegeben samt den Umschlägen mit dem Geld. So, so, die Herren Studenten lassen sich auch wieder mal bei uns blicken. Letzte Teller werden abgetragen. Der Fabrikant steht auf der Bühne, hebt die Hand. Das Stimmengewirr verebbt.

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Der Seniorchef des Dampfziegelwerkes Esbach,
Hans Hoffmeister
Repro: Ulrich Göpfert

Wie eine große Familie sei die Belegschaft. Da gelte es zusammenzustehen. Jeder müsse seine Pflicht tun. Jeder an seinem Platz, ob in der Verwaltung, draußen in der Tongrube, am Band, an den Öfen oder im Transport. Weihnachten stehe vor der Tür, das Fest der Familie. Und deshalb sei diese Weihnachtsfeier auch ein Fest der Betriebsfamilie. Er nickt den Brüdern zu und verschwindet hinter der Bühne.

Als erstes Lied haben sie sich Granada ausgewählt. Vom Trio San José. Eine Woche hat Jakob die LP abgehört, Laut für Laut aufgeschrieben. Ein Fremdsprachenkorrespondent hat noch korrigiert und übersetzt. Davon gibt es auch eine deutsche Fassung vom Schmalzsänger Vico Torriani. Der Ananas-aus-Caracas-Sänger soll seine Finger von Granada lassen, sagt Jakob.

Er geht vor bis zur Bühnenkante. Drunten im Saal die Bierflaschen neben den Lamettazweigen. Fast sinkt ihm der Mut. Der falscheste Ort, die falscheste Zeit ist das für ihn. Und für das Lied. Die Glimmpunkte der Zigaretten. Der Geruch nach Schnitzel steht noch wie eine Säule im Saal. Es gibt kein Zurück. Hinter ihm hat der Bruder schon begonnen, mit seinem Schlagplättchen den E-Moll-Akkord dramatisch über sein Instrument zu fächeln.

Granada tierra sonada por mi, beginnt er mit ratterndem R und weit offenem A. Jetzt nur nicht ins Publikum hinunterschauen. Sein Blick sucht Halt an dem gerahmten Jugendschutzgesetz auf der Rückseite des Saals. Und wenn ihm der halb verstandene Text einfach wegbleibt? Doch beide Gitarren arbeiten exakt, stützen die Stimme.

Granada tu tierra esta llena de lindas mujeres de sangre y de sol.
Von schönen Frauen, vom Blut der Stierkämpfe, von der Sonne singt das Lied. Rassig und stolz das abrupte Ende mit drei trockenen Rhythmusschlägen. Heisere Bravorufe. Die Blicke der Brüder treffen sich. Instrumente nachstimmen.

Ave Maria No Morro
Im vergangenen Sommer diese Modenschau im Rosengarten. Dass ihr gefeiertes Trio San José wirklich auftreten sollte? Hier in ihrer Stadt? Und ausgerechnet bei einer mickrigen, faden Modenschau? Andi hatte vermutet, dass da nur Platten aufgelegt werden. Aber auf dem Plakat das Wort Original. Nur wegen denen waren sie da hingegangen, hatten sogar Eintritt gezahlt. Waren sich komisch vorgekommen bei dem ganzen Laufsteggestelze in der neuen Herbstkollektion. Und nun unser Modell Genevieve, moderat tailliert und so ein Gequatsche.

Doch dann waren sie wirklich gekommen. Sogar dieselben reich bestickten Bolero-Jacken, Rüschen-Hemden und Lederstiefel wie auf der LP. Der Conférencier hatte von einem Glücksfall gesprochen, die aus Film, Rundfunk und Fernsehen bekannten Stars engagieren zu können. Andi hatte entdeckt, dass er die Akkorde vom Ave Maria richtig abgehört hatte.

Der Conférencier animierte zum Abschiedsbeifall für < unsere spanischen Gäste >. Die restliche Herbstkollektion konnte ihnen den Buckel runterrutschen. Die Brüder verkrümelten sich.Text abhören. Zweite Stimme schreiben. Üben. Bandaufnahmen. Schon seit mehreren Wochen hat sich Ave Maria No Morro auf Platznummer 1 gehalten.

Und jetzt sollen sie diese Weltspitzennummer in so einem verräucherten Bierdunst bringen? Bestimmt sind die meisten da unten im Saal evangelisch, durchzuckt es ihn. Die haben doch keine Marienlieder.


Die Gitarren im bedächtigen Rumbarhythmus.
Hay en Rio un monte. Zweistimmig der Refrain.
Aunque no tenga capilla reza la gente sencilla.
Harfenartig der Dur-Akkord am Schluss.
Gröliger Beifall. Bierflaschengepolter auf den Tischplatten.


Was Deutsches, was Deutsches!
Die Rufe werden rhythmischer, sekundiert vom allgemeinen Klatschen. Auf so etwas sind sie nicht gefasst. Beraten sich kurz. Eigentlich wollten sie den Arbeitern zum Abschied Rock Around the Clock um die Ohren fetzen.

Heimweh vom Freddy Quinn haben sie bisher immer ins Lächerliche gezogen. Weil es das gestohlene Memories Are Made of This vom lässigen Dean Martin ist. Weil es deutsch ist. Und wegen der blöden Reime. Herz-Scherz. Sterne-Ferne. Wann immer es im Radio zu hören war, sie hatten es mit ätzend verstellten Stimmen zerplärrt, kennen es in- und auswendig, dulden keinen deutschen Nebenbuhler zum amerikanischen Original.
 
Sie müssen sofort entscheiden.
Ihre Gitarren im schleppenden Slow-Rock.
So schön, schön war die Zeit. So schön, schön war die Zeit.
Zweistimmig schweben sie übereinander.
Brennend heißer Wüstensand. Fern, so fern das Heimatland. Kein Gruß, kein Herz, kein Kuss, kein Scherz. 
Dort, wo die Blumen blüh'n, dort, wo die Täler grün, dort war ich einmal zu Hause.
Der ganze Saal eine einzige mächtige Stimme.
Die singen nicht mit. Die singen.

Die da unten haben übernommen. Das Lied gehört ihnen. Der Rhythmus ihrer Gitarrenschläge versinkt im Stimmenmeer. Langsamer spielen, sich anpassen. In der ersten Tischreihe die Taubstumme aus dem Trockenboden, die mit dem schweißgetränkten Unterrock. Heute in weißer Bluse mit Halskette. Ihr geschlossener Zahnlosmund lächelt zu ihm hinauf.

Da bleibt ihm die Stimme weg. Er kann die Lippen nur noch zum Schein bewegen, dabei die Akkorde durchziehen.

So schön, schön war die Zeit
Er hat sich wieder gefangen, schließt sich dem Bruder an. Dessen Melodiefigur auf den tiefen Seiten hat niemand gehört. Jetzt muss Jakob dem Lied ein Ende setzen. Er verbeugt sich.

Heimweh wogt weiter. Verebbt, bis sich ein Beifallssturm erhebt. Die applaudieren sich, johlen. Dort wo die Blumen blüh'n, dort, wo die Täler grün, dort war ich einmal zu Hause. Granada und Ave Maria No Morro sind verblasst, vergessen.

Gitarren in die Futterale. Runter von der Bühne. Die Brillenfrau aus dem Lohnbüro. Beim Hinausgehen wischt sich Jakob ihren verrutschten Kuss vom Hals.

Der Chauffeur wartet schon, legt die Instrumente in den Kofferraum. Sie setzen sich auf die Rückbank. Die Ortsbeleuchtung flackert neonkalt durch ihre Fenster. Endlich die offene Landstraße. An den Stämmen der Straßenbäume tasten sich die  Scheinwerfer ihrer Stadt entgegen. Die Hand des Chauffeurs reicht etwas Weißes über die Rückenlehne.

Vor dem „KALI“ ein paar Gestalten von der Nachtvorstellung.
Ihre Straße. Gitarren nicht vergessen. Frohes Fest, wünscht der Chauffeur aus dem Fahrerfenster. Andi sagt: Ebenfalls.
Jakob sagt nichts.
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