Der Ehrentrunk

Der Ehrentrunk
Eine Erzählung aus Thüringen

In Saalfeld hat sich im Jahre 1557 eine heitere Begebenheit zugetragen. Ein armer Bauersmann hatte auf zwei Eseln Waren in die Stadt auf den Markt gebracht und dort verkauft. Von einem Teil seines erzielten Erlöses, wollte er auch einmal gut leben und ging daher in die Garküche um einen guten Braten zu essen. Er band seine beiden Esel vor der Küche an die Wand an.


  Die "Alte Apotheke" am Marktplatz in Saalfeld
Foto: 2014 © Ulrich Göpfert

Die armen Tiere waren aber ebenso hungrig und durstig wie ihr Herr, darum rissen sie sich los und suchten etwas für ihren knurrenden Magen und für ihre durstige Kehle. Nun hatte der Apotheker, der nahe bei der Garküche wohnte, gerade an dem Tag Kräuterwein, bereitet, wie ihn die Leute damals gerne tranken. Er hatte ihn in zwei Kübeln unten im Hausflur stehen lassen und sich zu Tisch begeben. Das Gesinde aber hatte die Haustür zu schließen vergessen, und so gerieten die beiden Esel an die beiden Kübel und ließen sich`s wohlschmecken. Ein so starkes Getränk waren die Esel nicht gewöhnt; sie wurden davon ganz betrunken, tanzten und sprangen wie toll auf dem Markt herum.

Als die Anwohner des Marktes das sahen, wunderten sie sich nicht wenig über diese seltsamen Sprünge; jung und alt eilte herbei, schaute den Eseln zu, und alle lachten laut. Auch der Apotheker sah vom Fenster aus das Spektakel und ging hinaus, um das wunderliche Schauspiel aus der Nähe zu betrachten. Als er aber im Hausflur die ziemlich ausgeleerten Kübel bemerkte und dann auf dem Marktplatz von den Leuten hörte, die Esel seien aus der Apotheke gekommen, da war ihm zu seinem großen Verdruß alles klar.

Nun galt es noch, den Herrn der Esel zu ermitteln. Nach langem Forschen und Fragen wurde dem Apotheker gesagt, dass der Bauer, dem die Esel gehörten, in der Garküche wäre. Der Apotheker fuhr den Landmann, der sich seinen Braten wohl schmecken ließ, heftig an, dass er nicht auf seine Esel geachtet hätte, und forderte die Bezahlung für seinen Kräuterwein. Der Bauer aber, ließ sich dadurch nicht aus seiner Ruhe bringen und antwortete: "Was wollt Ihr denn? Haben meine Esel Kräuterwein gesoffen, so hab` ich` s ihnen nicht geheißen."

Der Apotheker fasste diese Antwort als Spott auf und ließ den Bauersmann vor den Bürgermeister zitieren und verklagte ihn. Er verlangte nicht nur, dass der Bauer ihm seinen Kräuterwein bezahle, sondern auch, dass er dafür bestraft werden sollte, weil er seine Esel nicht besser angebunden hat und die Tiere noch anderen Schaden in der Stadt hätten anrichten können.

Der Bauer dagegen sprach: "Ich bitte diese Klage als nichtig zu erkennen. Hätte der Apotheker seine Haustür geschlossen und seinen Kräuterwein verwahrt und wäre ihm dennoch von mir oder meinen Eseln etwas Unrechtes geschehen, so müsste ich ihm den Schaden ersetzen. Dies ist aber nicht geschehen; er hat vielmehr seine Haustür offen gelassen, so dass meine Esel ungehindert in sein Haus gelangen konnten. Deshalb muss ich den Apotheker auf Schadenersatz verklagen, wenn meine Esel von dem Trunk krank werden, oder gar sterben."

Der Bürgermeister wusste anfangs nicht, wie er den Ansprüchen der beiden gerecht werden sollte. Endlich kam ihm ein guter Gedanke. Er sprach: "Wollt ihr auf beiden Seiten mit dem zufrieden sein, was ich für recht erachte?" - "Warum nicht?" sagten beide. Also fragte der Bürgermeister den Apotheker, ob die Esel beim Trinken gestanden oder gesessen hätten. "Ei, was fragt Ihr da, Herr?" sprach der Apotheker, "es waren keine Bänke bei dem Kräuterwein, und die Esel werden wohl, wie alle Esel, beim Trinken gestanden haben." Darauf antwortete der Bürgermeister: "so weiß ich nichts anderes zu erkennen, als dass den Eseln der Trunk als Ehrentrunk anzurechnen ist, da Ihr selbst gesagt habt, die Esel hätten dabei gestanden, und Ehrentrünke, die die Stadt ihren Gästen reicht, lässt sie sich nicht bezahlen. Hätten die Esel aber gesessen, so müsste man es wohl für eine Zeche halten, und der Bauer müsste dann für seine Esel bezahlen."

Der Apotheker erkannte, dass auch der Bürgermeister seinen Schaden ins Lächerliche zog, und weil er fürchtete, er würde sonst noch mehr unter dem Spott zu leiden haben, vertrug er sich mit dem Bauern, der sich, nachdem seine Esel ihren Rausch ausgeschlafen hatten, vergnügt auf den Heimweg machte.

Quellenhinweis: Nach Hans Wilhelm Kirchhof

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