Kriegsnot

Kriegsnot um die Veste Coburg
Viel Freud und Leid hat die Burg erlebt

 

Die Veste Coburg wird erstmalig in einer Urkunde aus dem Jahre 1056 erwähnt. Dass der weit ins Tal vorgeschobene Berggipfel mit der hervorragenden Aussicht schon vor dieser Zeit bewohnt und befestigt war, unterliegt keinem Zweifel. Es ist nicht dichterische Phantasie, wenn Gustav Freytag den ersten Band seiner Ahnen auf dem Burgberg spielen lässt und uns mit dem Heldenkampf Ingos zugleich die Gründung und erste Belagerung der Veste in eindrucksvollen Schilderungen vor Augen führt.


Viel Freud und Leid hat die Burg erlebt von der Zeit an, als der erste Henneberger, der prachtliebende Graf Hermann I., drüben auf dem Straufhain und hüben auf der Veste Hof hielt. Die letzte Henneberger Gräfin Jutta hinterließ bei ihrem Tode 1353 keinen männlichen Erben, sondern vier Töchter. Zwei von ihnen erhörten ihre Freier. Die älteste Tochter heiratete den Grafen Eberhard von Württemberg, die zweite, Katharina, den Markgrafen von Meißen. Als dritter Freier bewarb sich der Burggraf Albrecht von Nürnberg um die jüngste Tochter, freilich nur ihrer Mitgift wegen, während er in Wirklichkeit die dritte der Schwestern, Sophie, liebte. Als Anna dies merkte, verzichtete sie in edler Selbstaufopferung auf die Heirat, nahm am Hochzeitstag den Schleier und ging in das Kloster Sonnefeld, wo ihr schöner Grabstein mit der in voller Plastik gearbeiteten Figur noch heute den Schmuck der Kirche bildet.

 

Diese Erbteilung bildete aber zugleich den Anlass zur ersten geschichtlich beglaubigten Belagerung der Veste 1395 durch den Bischof Gerhard von Würzburg. Von Verlauf und Dauer ist nichts bekannt. Die Veste hielt dem Ansturm stand und die Fehdeträger mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen.

 

Im sächsischen Bruderkrieg zwischen Kurfürst Friedrich und Herzog Wilhelm empörte sich der auf der Veste Coburg residierende Statthalter Appel Vitzthum gegen seinen Landesherrn, floh aber schon vor der drohenden Belagerung nach Böhmen. Ein Anschlag des Geflüchteten zur Rückgewinnung der Burg wurde 1452 vereitelt.

 

Der Bauernkrieg fand 1525 die Burg wohl gerüstet zur Verteidigung. Vom Umfang der Verteidigungsmöglichkeit kann man sich ein Bild machen durch die Tatsache, dass schon in den Jahren 1491 bis 1499 die Herzöge zwar nicht in der Burg wohnten, aber bei ihren Besuchen mit 100 bis 171 Pferden und dem entsprechenden Gefolge bequem Unterkunft fanden. Die Vorsichtsmaßnahmen des Burgvogtes Arnold von Falkenstein boten den in der Veste versammelten fränkischen Adligen und den Insassen der Nachbarklöster bis hinunter nach Langheim soviel Sicherheit, dass das glimmende Feuer des Bauernkrieges im Coburger Land gar nicht zum Ausbruch kam.

 

Auch im Jahre 1530, als Luther während des Augsburger Reichstages im Schutze der stärksten und südlichsten Burgen seines Landesherrn weilte, rechnete man mit einem Überfall aus den gar nicht weit entfernten Grenzen der Bistümer Bamberg und Würzburg. Doch es erfolgte nichts.

 

Ein neues Unwetter drohte im Schmalkaldischen Krieg. Markgraf Albrecht von Kulmbach-Brandenburg bekam im Dezember 1546 von Kaiser Karl V. den Auftrag, Stadt, Veste und Pflege Coburg einzunehmen. Die Coburger schickten außer der ständigen Besatzung noch dreihundert Mann vom Landvolk auf die Veste. Doch die Kulmbacher wagten sich gar nicht erst heran.


Gleichsam in einer Vorahnung, dass nun doch ernstere Zeiten bevorständen, hat Herzog Johann Casimir (1572 bis 1633) neben seinen vielen Bauten in der Stadt auch die Veste mit fünf großen Basteien, Erdwällen, Palisaden und einem etwa acht Meter breiten Graben verstärkt. So konnte die Veste 1632 dem Ansturm Wallensteins mit Zuversicht entgegensehen. Am Freitag, 28. September, früh 7 Uhr, trafen der kaiserliche General und der Kurfürst Maximilian von Bayern mit achttausend Mann vor der Stadt ein. Nach einigen Scharmützeln an der Hohen Straße und immerhin tapferer Gegenwehr musste sich die Stadt am Nachmittag der Übermacht ergeben. Die Anwesenheit des Bayernfürsten mag die Stadt vor Plünderung und größeren Ausschreitungen bewahrt haben.

 

Schon am nächsten Tag begannen das Geschützfeuer und der Angriff auf die Veste. Die Verteidiger der Veste waren außer der regelmäßigen Besatzung noch sieben Kompanien schwedischer Dragoner unter dem Obristen Taupadel, dazu rund 200 auf die Veste kommandierte oder geflüchtete Coburger Bürger. Geschütze, Musketen und Pulver waren ausreichend vorhanden, auch Fleisch, da die Dragoner kurz vorher 200 Hammel als lebendigen Proviant in die Veste getrieben hatten. Dagegen fehlte es an Futter für die Pferde. Es fehlte auch zum Leidwesen der Besatzung an Bier und Wein, so dass sie sich mit Wasser aus dem tiefen Ziehbrunnen begnügen mussten, in den noch dazu ein Schäferhund gefallen war. Mit den Mauern und Basteien war der neue schwedische Kommandant aufs beste zufrieden, da er „dergleichen Bergfestung Zeit seinen Lebens bisher nicht gesehen“. Auf die Aufforderung zur Übergabe antwortete er mit ruhiger Zuversicht: „Was der Wallenstein nicht lassen könnte, das solle er nur tun. Er hätte für den Herzog von Friedland nichts als Kraut und Lot und die Spitze von seinem Degen. Wenn er die wolle, so solle er nur kommen.“

 

Da der Festungsberg nach drei Seiten steil abfällt, blieb als Angriffsrichtung nur die vom rückwärtigen Bergplateau her, wo der Fürwitzhügel einen 300 Meter entfernten, nur 20 Meter niedrigeren Standpunkt für die feindlichen Angriffe bot. Aber die Belagerten waren auf der Hut und dämpften alle Granaten mit nassen Kuh- und Ochsenhäuten. Nur eine tötete beim Zerspringen eine Frau und ein Pferd. Ein nächtlicher Angriff wurde durch den Festungskonstabler Rüger und seinen Kameraden mit Handgranaten abgewiesen. Umgekehrt hatte auch ein Ausfall der Besatzung keinen Erfolg. Die drei vom Feind besetzten Häuser dicht unterhalb des Festungswalles konnten nicht wieder genommen werden.


Der Hauptsturm der Kaiserlichen erfolgte am 3. Oktober mit etwa 500 Mann. Der Festungskommandant war durch einen beim Ausfall gemachten Gefangenen darauf vorbereitet und brachte durch wohl gezieltes Feuer den Angriff zum verlustreichen Scheitern. Aus Rache wurde die halbe Vorstadt am Stetzebach angezündet und die Nachbarstädte Eisfeld, Rodach, Heldburg und Ummerstadt sowie fast alle Dörfer des Coburger Landes niedergebrannt. In den nächsten Tagen wandte sich das Blatt. Die Vorhut des von Schweinfurt heranrückenden Herzogs Bernhard von Weimar überfiel bei Niederfüllbach, nur fünf Kilometer von Coburg, etliche Kompanien Reiter und machte sie größtenteils nieder. Da hielt es Wallenstein für geraten, am 5. Oktober abzuziehen, nicht ohne 17 Coburger als Geisel für die Stadt auferlegte unbezahlbare Kriegskontribution mitzunehmen. Weniger bekannt und weniger ruhmvoll ist die zweite Belagerung durch den kaiserlichen Generalwachtmeister Lamboy. Dieser rückte Mitte November 1634 in Coburg ein, nachdem er durch die Niederbrennung von Ahorn, Finkenmühle usw. genügend Schrecken vor sich her verbreitet hatte. Die Stadt ergab sich. Die Veste wurde eingeschlossen. Die Hauptangriffsrichtung war die Nordwestecke. Der vom Herzog ernannte neue Kommandant von Zehmen war vor der Einschließung eben noch in die Festung hineingekommen. Er versuchte am 21. November einen nächtlichen Ausfall zur Befreiung der Stadt, ließ Lamboys Quartier in der Ehrenburg, den Markt und das Rosenauhaus im Rittersteich beschießen und schickte eine kleine Abordnung an das Steintor und Heiligkreuztor.

 

Die Belagerung ging in den Winter hinein und den ganzen Winter hindurch. Trotz der Einschließung kamen mehrere Boten aus der Festung durch zum Herzog nach Gotha. Aber die immer dringenderen Hilferufe hatten keinen Erfolg. Trotzdem war nach halbjähriger Belagerung die Lage in der Festung noch nicht schlecht. Weizen und Korn war für mehr als ein Jahr vorhanden. Eine Mühle dazu stand auf der Kanonenbastei, eine andere im zweiten Hof. Inzwischen blieb auch der Feind nicht müßig. Er suchte den durch Sturm und Geschützfeuer uneinnehmbaren Festungsmauern durch unterirdische Minengänge auf den Leib zu rücken. Ein solcher wurde durch Bergleute aus Würzburg etwas hundert Schritte weit vorangetrieben in der Richtung auf den Blauen Turm, ein anderer fünfzig Schritte weit auf den Roten Turm. Lamboy selbst lud dann die Belagerten zur Besichtigung der Minengänge ein, um sie von der Zwecklosigkeit weiteren Widerstandes zu überzeugen. Obgleich die Minen noch lange nicht unter der Festung vorgedrungen waren, ist ihm die Einschüchterung doch bei mehreren Offizieren der Festung gelungen. Die größte Gefahr drohte der Festung nicht vom Feind, sondern in den eigenen Reihen, insbesondere durch die Uneinigkeit der Offiziere. Gleich bei seinem Eintreffen fand der neue Kommandant von Zehmen heftigen Widerstand bei dem zweiten Offizier, Major Georg Sittig von Schlitz, genannt Görz, und bei dem Hauptmann Griesheim. Dazu kam als der eigentlich böse Geist der Festung Herr von Seckendorf, der schon die Heldburg übergeben hatte und nun , sei es aus Feigheit, sei es aus Verräterei, planmäßig auf Entmutigung der Besatzung und Übergabe der Veste hinarbeitete. Das zeigte sich besonders beim letzten Kriegsrat. Lamboy sandte als Kriegslist einen gefälschten Brief, worin der in Gotha weilende Herzog angeblich befahl, die Festung zur Schonung vor der Minensprengung zu übergeben. Der Brief wurde wohl als Fälschung erkannt. Er war auf Papier aus der Neuseser Papiermühle geschrieben, konnte also nicht von Gotha kommen. Von Zehmen wollte die Übergabe ablehnen. Trotzdem verhandelten Görz und Seckendorf hinter dem Rücken des Kommandanten weiter und brachten schließlich auch Zehmen so weit herum, dass er am 27. März 1635 die Kapitulation unterzeichnete. Der Besatzung wurde freier Abzug zugesichert.

 

Nach dem 30jährigen Krieg begann für die Festung eine Zeit des Niederganges. Fürstensitz war sie schon längst nicht mehr. Als Verteidigungswerk verlor sie langsam an Bedeutung. Noch einmal wurde sie im Siebenjährigen Krieg in Verteidigungszustand versetzt, da in der Nähe ein Zusammenstoß zwischen einem preußischen Streifkorps und bischöflichen Truppen aus Bamberg und Würzburg drohte. Aber die schon nach Seidmannsdorf, Lützelbuch und Rögen vormarschierten Preußen nahmen dann eine andere Richtung ein. Die Bischöflichen ließen sich nicht weiter blicken.

 

Dann begann der Dornröschenschlaf der Burg. Der tiefe Graben wurde eingeebnet, Brombeer- und Efeuranken schlangen sich um die zerbröckelnden Mauern. Daher konnte die Burg weder auf Friedrich den Großen noch auf Goethe oder die Königin Luise bei ihren Besuchen in Coburg besonderen Eindruck machen. Aber ein lebhaftes Treiben begann wieder seit 1860: die deutschen Turner, wegen ihrer freiheitlichen Bestrebungen anderswo noch argwöhnisch verfolgt, hielten in Coburg ihr erstes Turn- und Jugendfest ab. Die deutschen Patrioten gründeten den Nationalverein, die deutschen Sänger nach dem ersten Sängerfest den Deutschen Sängerbund, alle nach Tagungen und Zusammenkünften auf der Veste.

 

Drei Herzöge, Ernst I., Ernst II. und Carl Eduard, schufen der Veste durch Neu- und Ausbau ein neues Gewand, das sie nun nicht mehr als Wehrburg, sondern als kulturellen Höhepunkt mit reichen Erinnerung und Sammlungen zum gern besuchten Ziel vieler Tagungen der verschiedensten Verbände gemacht hat.

Quellenhinweis: Dr. A. Gruner

2016 © Fotos und Repros: Ulrich Göpfert

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