"Der Bauer ist gestern g`schtuarm"

Sitten und Gebräuche bei einem Todesfall
in früherer Zeit im Coburger Land


Am Sterbebett

Eine Todesnachricht brachte immer einige Aufregung in das Einerlei des Dorflebens. Jeder wollte den anderen mit der Neuigkeit überraschen. Auch in die Nachbardörfer gelangte bald die Nachricht, und zwar durch die Leichenfrau, der das Amt oblag, der Toten zu warten und die Befreundeten und Bekannten des Trauerhauses von nah und fern zum Leichenbegängnis einzuladen. Sobald die Leichenfrau in ihrem dunklen, abgetragenen Gewand auf ein Dorf zu geschritten kam, lugten die Bewohner hinter dem Fenster hervor, um zu erspähen, was das zu bedeuten habe.

"Des is doch die Aziehfra", sagten die Bewohner des ersten Hauses zueinander, da is gewies der Hofbauer g`schtuarm"!  Und da klopfte es schon an der Haustüre. "Ich soll` euch von der Hofbäuerin ausricht`, der Bauer is gestern g`schtuarm, un soll`euch zur Leich lod, un noch der Leich getts nei zum Albert", lautete die Einladungsformel der Anziehfrau und jedermann wußte, dass mit Albert der Wirt neben der Kirche gemeint war, bei dem der Leichenschmaus und  -trunk in der Regel abgehalten wurde.

Nach kurzer Auskunft, welche etwa über die Todesursache und das Ende des Hofbauern begehrt wurde, eilte die Anziehfrau weiter, um ihre Ladung auch in den übrigen Häusern des Dorfes und in noch mehreren Ortschaften des Kirchenspiels anzubringen. Mit einer solchen Einladung rechneten auch die Choradstanten.

Diese sollten sich auch in ihren Erwartungen nicht getäuscht haben. Kurz nachdem die Anziehfrau ihre Aufträge besorgt hatte, kam ein zweiter Bote in Gestalt eines Schulbuben, der jedem bei der "Leichenarie" Mitwirkenden ein Notenblatt zugleich mit der Einladung überbrachte.

Die Chroadstanten bei der Probe

Am nächsten Tag sah man von verschiedenen Richtungen des Kirchensprengels her die Choradstanten mit ihren Instrumenten und stark abgetragenen Zylinderhüten dem Pfarrdorf zuschreiten. Es fand wie immer im Lehrzimmer des Schulhauses die Probe statt.

Dort waren bereits die Bänke zu Zweien zusammengestellt und mit Notenblättern belegt. Sobald die letzten Nachzügler eingetroffen waren, begann die Arbeit. Hell und klar traten die Knabenstimmen aus dem Gesamtchor heraus, und die Trompeten im Verein mit der Posaune gaben dem ganzen eine wohlbeleibte, behäbige Tonfülle.

Einige Gießer Bier wurden zur Stärkung der Kehlen auf Rechnung des Leichentrunks herbeigeholt, so dass die Beherztheit der Mitwirkenden zusehends, besser gesagt, zuhörends wuchs.

Erst das beginnende Glockengeläute mahnte die Probenarbeit einzustellen und sich dem Bestimmungsort zu verfügen. Dies war der freie Platz neben der Kirche, wo sich der Zug aufstellte und sich dann mit dem umflorten Kreuz voran zum Trauerhaus bewegte. Die einheimischen wie auch die fremden Leichenleute, Männer und Frauen, welche da und dort in kleinen Gruppen am Weg standen, schlossen sich bedächtig an und stellten sich in zwanglos gebildetem Kreis um den aufgebahrten Sarg.

Der Trauerzug durch`s Dorf

Der Kantor zeigte mit lauter Stimme das zu singende Gesangbuchlied an, und alles stimmte mit in den gemeinsamen Trauerchoral ein. Unter Glockengeläut und fortgesetzten Gesang bewegte sich der Zug nach dem Friedhof bis er am aufgeworfenen Grabeshügel zum Stillstand kam. Einige Liedverse wurden gesungen, es folgte die von lautem Schluchzen und Weinen der Frauen unterbrochene Grabrede sowie ein Gesang des Kirchenchores.

Während noch die üblichen drei Hände voll Erde in das Grab gestreut wurden, mahnte ernster Orgelton aus der Kirche an den sich anschließenden Trauergottesdienst. Die Predigt war etwas kurz gefaßt, da man gewohnt war, auch den Lebenslauf des Verstorbenen zu hören. Zudem harrte man besonders der Leichenmusik die von den Choradstanten ausgeführt wurde.

Nach Beendigung des Trauergottesdienstes begaben sich sämtliche Leichengänger zum Wirtshaus, wie es von jeher üblich gewesen war. Im Hausplatz nahmen die Hinterbliebenen die Beileidsbezeugungen entgegen. Die Wirtsstube reichte, wie gewöhnlich nicht aus, ein so zahlreiches Trauergeleit aufzunehmen. Deshalb hatte man oben im Tanzboden, Tische und Bänke aufgestellt. Auch der Geistliche und der Lehrer durften nicht fehlen, wenn sie nicht gegen Sitte und Herkommen verfehlen wollten.

Die Leichenleute bewirtete man mit Bier, Brot und Backsteinkäse. Das Brot war aus der Stadt bezogen und nach aller Überzeugung viel sanfter, als das gewöhnliche strenge Bauernbrot. Zinnerne Teller mit Hügeln von Rauchtabak für die Männer standen umher. Es bekam nicht jeder ein Glas vorgesetzt, sondern man trank aus Maßkrügen "in Kompanie."

Da die Frauen dem Bier nicht sonderlich hold sind, wartete man ihnen mit einem besseren Likör auf, welcher "den Mund wieder fröhlich macht." .Dass sowohl dem Likör als auch dem Bier eine belebende Kraft innewohnt, davon konnte man sich bald überzeugen. Während die Haltung der Gäste anfänglich eine ziemlich ernste gewesen war und dem Andenken des Dahingeschiedenen von weichmütigen Frauenherzen ein stilles Tränlein geweiht wurde, erhob sich allmählich ein gedämpftes Murmeln.

Dieses steigerte sich nach und nach, bis es zu einem recht munteren Gepräch anwuchs und schließlich zur lebhaftesten Unterhaltung überging. Bier und Likör mundeten eben doch recht angenehm. Dazu der Rauch, den die Männer so behäbig aus ihren Pfeifen bliesen und sich wie ein Schleier über die trauergeweihte Versammlung breitete, gleich als wollte er die hie und da allzusehr aufgeheiterten Mienen wohlwollend verhüllen. Jedem Leichengänger gab man bei seinem Weggehen einen großen Leichenweck, den er sich in ein Tuch einwickelte, mit nach Hause.

Die Choradstanten treiben zur vorgerückten Stunde allerlei Schabernack

Noch muterer als bei der Trauergemeinde ging es bei den Choradstanten zu. Um den übrigen Gästen den Platz im Wirtshaus nicht zu verengen und ungestörter unter sich zu sein, verlegten sie ihren Trunk in das Haus eines Kameraden. Da ging die Maß noch schneller reihum als bei der Trauergesellschaft, da wurden die Gesichter noch schneller fröhlicher.

Dann sang der Bader seine besten Lieder, schwärzte unversehens den Büttner mit Ruß, fuhr zu vorgerückter Stunde den Hirten auf einem Schubkarren in die Stube und begrub ihn unter der Bank. Dann stieg er auf einen Stuhl und hielt eine schaurige Rede auf ihn, ja er brachte den Besenbinder soweit, dass er den alten Kachelofen, welcher bereits bedenklich aus den Fugen gegangen war, einwarf und die ganze Versammlung in Ruß- und Aschenwolken halb erstickte. So trieb er Schalk auf allerlei Weise.

Der Heimweg war dann auch für manchen in Anbetracht des genossenen Trunkes hier und da mit etlichen Schwierigkeiten verbunden. Manches Mal ließ es sich nicht vermeiden, dass der ein oder andere vom Weg abkam und mit samt seinem Instrument einen Graben aufsuchte oder den Abhang hinabrollte.Verloren gegangene Leichenwecke ließen dann deutlich den Weg und die Natur des Heimgangs erkennen.

Der Brauch des Leichenschmauses und -trunkes ist noch nicht ausgestorben. Verschiedentlich wird der Verstorbene auch heute noch "recht schön"  begraben und anschließend beim Leichenschmaus und -trunk gründlich "gefeiert".

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