Pfarrer Martin Bötzinger im Dreißigjährigen Krieg

Pfarrer Martin Bötzinger im Dreißigjährigen Krieg
Dieser Beitrag wurde zum großen Teil in der damaligen
Sprache und Satzstellung aus dem Buch von Pfarrer Martin Bötzinger übernommen!

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Heldburg

2011 © Ulrich Göpfert

Als man am Abend vor Michaelis 1632 die große Kartaune (früher für grobes Geschütz) von Coburg hörte als Losungsschuß, dass der Feind ankäme und sich jeder in Acht nähme, zog ich von Poppenhausen, meiner Pfarrei, nach Heldburg, wohin ich schon mein Weib und Kind geschickt hatte. Die Stadt hielt ihre Wache, meinte nicht, dass es so übel ergehen würde.

Der Bürgermeister und etliche des Rates rissen aus. Mein Schwiegervater war Verwalter über Pulver, Blei und Lunten, dass er der Wache austeilte, was sie bedurfte. Er musste wohl in der Stadt bleiben. Er hatte einen ziemlichen Beutel mit Talern gefüllt, damit gedachte er sich im Notfalle loszukaufen.

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Heldburg

2011 © Ulrich Göpfert

Es war der Mittag am Feste Michaelis noch nicht recht heran, da erschienen 14 Reiter. Ihnen folgten bald etliche Fußgänger, welche zum Anfang alles durchsuchten und schlugen und schossen, wer nicht parieren wollte. Mitten auf dem Markt hatte einer von jenen vierzehn meinen Schwiegervater mit dem Pistol vor den Kopf geschlagen, dass er sofort niedergefallen. Der Reiter ist abgestiegen, hat ihm die Hosen durchsucht und einen großen Klumpen Geld herausgezogen. Als dem Schwiegervater die Betäubung durch den Schlag vergangen war, musste er mit in das Sternwirtshaus, wo sie zwar zu essen fanden, aber nichts zu trinken.

Weil sie nun gedachten, er möchte ihnen entlaufen, nahmen sie das Zinn und Essen mit und kamen in unser Haus. Es währte nicht lange, so forderte einer Geld. Da sich mein Schwiegervater entschuldigte, stach ihn der Tropf mit seinem eigenen Brotmesser in Gegenwart meines und seines Weibes, dass er zu Boden sank. Hilf Gott! wie schrie mein Weib und Kind! Ich stak in Baders Haus über dem Ställein im Stroh, sprang herab und wagte mich unter sie. Wunder war, dass sie mich nicht fingen. Ich nahm meinen Schwiegervater, der wie ein Trunkener taumelte und trug ihn in die Baderstube, dass er verbunden wurde.

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Überfall
Repro: Ulrich Göpfert

Dann räumten die Soldaten das Haus und die Gasse. Ich wagte es weiter, ging vom Badershöflein durch in meines Schwiegervaters Kammer, trug Kissen und Betten hinüber, darauf wir ihn legten. Kaum war ich zurück, kommt ein Schelm in die Badstube, wirft den Kranken vom Bett und sucht alles aus. Ich hatte mich unter der Schwitzbank verkrochen.

Weil nun in der Stadt ein Metzeln und Niederschießen stattfand, auch niemand sicher war, gab mein Schwiegervater zu, dass ich aus der Stadt käme. Mein Weib und Kind wollte er nicht fortlassen. Also ging ich auf die Schlossgärten zu und kam an die Högen (Einfassungshecken) hinter dem Schloss, dass ich gen Holzhausen und Gellertshausen zu sehen konnte, ob` s sicher wäre. Da fanden sich Bürger und Weiber zu mir, um mit mir zu reisen (flüchten). Kam also über den Hundshauger Teich in` s Holz und wollte auf den Strauf-Hahn zu. Als wir bei den Heideäckern waren, ritten acht Kroaten oben auf der Höhe. Das sie uns gewahr wurden, errannten sie uns eilends.

Zwei Bürger entkamen. Ich musste am meisten aushalten. Sie zogen mich aus. Schuhe, Strümpfe mit Hosen und ließen mir nur die Kappe. Mit den Hosen nahmen sie auch meinen Beutel mit Geld, den ich vor drei Stunden zu mir gesteckt hatte. Ich sollte mit in ihr Quartier, musste auch eine Stunde barfuß mitlaufen. Endlich wurden sie gewahr, dass ich Pfaff war, welches ich auch gestand. Da hieben sie mit Säbeln auf mich ein. Ich hielt meine Arme und Hände entgegen. Durch Gottes Schutz habe ich nur eine kleine Wunde an der Faust bekommen.

Unterdessen wurden sie eines Bauern gewahr, welcher sich in den Büschen besser verkriechen wollte. Es war der reiche Kaspar von Gellertshausen. Auf solchen ritten sie alle zu und blieb nur einer bei mir, welcher ein geborener Schwede und gefangen worden war. Er sagte zu mir: "Pfaff", Pfaff, lauf du musst sonst sterben!" Ich fasste Vertrauen zu dem Rat und bat ihn, wenn ich liefe, solle er mir zum Scheine nach reiten, als wenn er mich einholen wolle.

Und so geschah es, dass ich den Kroaten entkam. Der reiche Kaspar aber musste an diesem Ort elend sterben. Sie haben ihm die Kniekehlen entzwei geschlagen. Darüber ist er an diesem Orte liegen geblieben und wurde nach dem Abzug der Feinde gefunden. Ich aber lief im Eichenholz ungesehen eine Stunde und kam nach Seidingstadt. Dort traf ich einige Bauern, die gerade vom Strauf-Hahn zurückkamen, wo sie sich versteckt hatten. Sie gaben mir etwas zu essen und auch alte Kleider. So ging ich nach Hildburghausen.

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Ummerstadt

2011 © Ulrich Göpfert

Auf dem Wege sah ich, dass es im Itzgrunde und vielen anderen Ortschaften lichterloh aufbrannte. Damals ging auch Ummerstadt, Rodach, Eisfeld, Heldburg im Feuer zu Grund. Anno 1634 war es noch viel arger. Man merkte wohl, dass es in kurzem alles über und über gehen würde. Darum tat ich aus dem Wege, was ich konnte, gen Stelzen zum Pfarrer: meine Betten, zwei Kühe, Kleider usw. Aber es ging im Herbst alles an allen Orten drauf, nachdem Feldherr Lamboy sich eingelagert hatte. Ich hatte in meinem Hause elf Personen ohne Troß und Mägde. Es ist nicht zu beschreiben, was ich, mein Weib und meine Kinder die Zeit über haben leiden und ausstehen müssen. Es war eine solche Mattigkeit und Mangel, dass meine armen Pfarrkinder toten Leuten ähnlicher sahen als lebendigen.

Viele lagen schon aus Hunger danieder und wir mussten gleichwohl alle Tage etliche Male Fersengeld geben und uns verstecken. Obgleich wir unsere Linsen, Wicken und arme Speisen in die Gräber und alte Särge versteckten, wurde uns doch alles genommen. Damals mussten die noch lebenden Leute von Haus und Hof gehen oder Hungers sterben. Wie denn zu Poppenhausen die meisten begraben wurden. Es blieben etwas noch acht oder neun Seelen, die anno 1636 vollends draufgingen oder entwichen. Ebenso war es in Lindenau. Dort war ich von 1636 an vertretungsweise Pfarrer. Ich konnte keinerlei Einkünfte in Geld erhalten. Äpfel, Birnen, Kraut und Rüben waren meine Besoldung. Wegen der Unsicherheit und Plackerei konnte ich nicht einmal ständig dort wohnen und verrichtete meine Arbeit von Heldburg aus.

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Überfall
Repro: Ulrich Göpfert

Als anno 1640 zwischen Ostern und Pfingsten zu Saalfeld die kaiserlichen und schwedischen Armeen ein Lager schlugen, wurde Franken und Thüringen nah und fern verderbt. Starke kaiserliche Parteien fielen am Sonntag Exaudi früh vier Uhr zu Heldburg ein. Die meisten Bürger ruhten noch in den Betten. Meine ganze Gass` oben rein und hinten mein Hof waren in Eile voll Pferde und Reiter, nicht anders, als wenn ihnen mit Fleiß mein Haus wäre gezeigt worden. Da wurden ich und mein Weib wohl fünfmal in der Stunde gefangen. Wenn ich von einem loskam, nahm mich ein anderer. Da führte ich sie halt in Kammer und Keller, möchten selber suchen, was ihnen dienen möchte. Endlich verließen sie mich zwar alle und ließen mich allein im Haus, doch war Schrecken, Furcht und Angst so groß, dass ich an kein Geld dachte und mit Weib und Kindern ins nächste Holz floh. Da blieb alt und jung Tag und Nacht. Der meisten Leute Speise waren schwarze Wacholderbeeren. Etliche Bürger wagten sich in die Stadt und brachten essende War` und sonst, was ihnen lieb gewesen.

Ich dachte, ach, wenn du auch könntest in dein Haus kommen und die paar Pfennige ertappen, damit du dich und die Kinder könntest fortbringen. Ich wagte es, schlich hinein und gehe durch` s Spittel- auf `s Mühltor zu, welches mit Palisaden vermacht war. Da hatte inwendig der ein und der andere auf der Lausch gestanden, die mich Unwissenden erhaschten. Da wurde ich mit neun Stricken gebunden, sollte entweder Geld geben oder reiche Leute verraten. Dann musste ich den Dieben für ihre Pferde im Herrenhof Futter schwingen, den Pferden zu trinken vorhalten und andere lose Arbeiten tun. Da ich nun etwas frei zu sein dünkte, lief ich davon, aber unwissend, dass vor dem Tore ein ganzer Haufen Soldaten stand. Ich lief ihnen gerade in die Arme. Sie schlugen mich mit dem Degen, verwahrten mich besser mit Stricken und führten mich von Haus zu Haus, ich sollte ihnen sagen, wem dieses oder jenes Haus wäre. Weil ich nun niemand verraten wollte, hieb mir einer mit dem Hirschfänger über den Kopf, dass das Blut zu den Ohren herein lief. Zweimal in einer Stunde, nämlich in der Schneiderin Wittich Hof, zum andern mal in des Wildmeisters Stadel, haben sie mir den schwedischen Trunk mit Jauche gegeben, wodurch meine Zähne fast alle wackelnd wurden.

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Ummerstadt

2011 © Ulrich Göpfert

Denn ich wehrte mich, als man mir einen großen Stecken in den Hals steckte, so gut ich Gefangener konnte. Endlich führten sie mich mit Stricken fort und sagten, sie wollten mich aufhängen. Sie brachten mich zum Mühltore hinaus auf die Brücke. Da nahm einer von ihnen den Strick, womit meine beiden Füße zusammengebunden waren, der andere den Strick am linken Arme, stießen mich in` s Wasser und hielten die Stricke, womit sie mich regierten und auf- und nieder zogen. Da erhaschte ich die Rechenstecken, welche auf mich zu wichen und konnte daran keinen Halt finden, nur dass durch Gottes Schickung mir ein Loch gemacht wurde, dass ich konnte unter die Brücke schlüpfen. So oft ich mich wollte anhalten, schlugen sie mich mit den Rechenstecken, dass dieselben entzwei sprangen.

Als sie sich nun nicht allein müde gearbeitet hatten, sondern auch dachten, ich hätte meinen Rest und würde ertrinken, ließen sie die beiden Stricke fahren. Da wischte ich unter die Brücke und konnte mir keiner beikommen. In der Tasche fand ich ein Messerlein. Damit schnitt ich die Stricke an beiden Füßen los und sprang hinunter, wo die Mühlräder liegen. Da ging mir das Wasser über den halben Leib. Da warfen die Schelme Stöcke, Ziegelsteine und Prügel hinter mir her, um mir den Rest vollends zu geben. Als sie merkten, ich würde weiter unten aussteigen, liefen sie in die Stadt und paßten bei den Gerberhäusern auf, ob ich ihnen kommen würde.

Aber als ich merkte, dass ich jetzt alleine war, blieb ich im Wasser und steckte meinen Kopf unter einen dichten Weidenbusch und ruhte im Wasser vier oder fünf Stunden, bis es Nacht wurde. Dann kroch ich halbtot heraus, konnte der Schläge halber fast keinen Atem holen, ging dann über die Brunnenröhren, den Wasserfluß immer hinab und kletterte über einen Weidenstamm, dass ich die andere Seite erreichte. Als ich an den Poppenhauser oder Einöder Weg kam, lag` s da dort voll weiß Gezeug` s, welches die Soldaten weggeworfen oder verloren hatten. Ich konnte mich nicht bücken, etwas aufzuheben. In Poppenhausen fand ich von den Einheimischen nur den Claus Höhn, der mir die nassen Kleider vom Leibe schneiden musste, so war ich verschwollen. Da er mich besah, war meine Haut ganz bunt von Schlägen und Rücken und Arme schwarz vom Blute.

Quellenhinweis: Heimatkundliche Lesebogen für das Coburger Land, Nr. 10, Oktober 1956

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