Raketenschirm

Raketenschirm
Roman von Immo Sennwald
Erschienen im Salier-Verlag, Leipzig

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Raketenschirm
Foto: 2013 © Salier-Verlag, Leipzig

Medium:       Buch
Auflage:       1. Auflage 2013
Verlag:         Salier-Verlag, Leipzig
Einband:     Softcover
Seitenzahl: 344
Format:       13,5 x 21 cm
ISBN:           978-3-939611-78-3
Preis:           16,00 €

Buchbeschreibung
Was mit dem "Blick vom Turm" in Suhl begann, in Berlin "Babels Berg" erklomm, endet unterm "Raketenschirm“: Drei Schelmenromane über Gustav Horbel, von dem ein westdeutscher Schriftsteller sagt, er sei der "abenteuerliche Simplicissimus" des 20. Jahrhunderts, Version Ost.

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Autor Immo Sennwald

Immo Sennewald wurde 1950 im südthüringischen Suhl geboren. An der Berliner Humboldt-Universität erwarb er das Diplom als Physiker und schloss anschließend noch ein Hochschulstudium als Schauspielregisseur ab. In den 80er Jahren begann er als Autor für Rundfunk und Fernsehen zu arbeiten, produzierte Dokumentationen zu Kunst- und Wissenschaftsthemen und moderierte ein Kulturmagazin bei der Deutschen Welle tv. Seit dem Jahr 2000 lebt Sennewald in Baden-Baden, arbeitet freiberuflich für das Südwestfernsehen und als Trainer für Kommunikation und Konfliktmanagement.

Im Salier Verlag sind von ihm bisher die u.a. Bücher erschienen:

    "Der menschliche Kosmos"

    "Blick vom Turm"

    "Babels Berg"

    "Raketenschirm"

Leseprobe aus
Immo Sennewald: Raketenschirm
Salier Verlag, 2013

Ein silberner Ballon hängt im Blassblau, Sticker am Seidenshirt des Sommertages, der sich bald zum Rekordsommertag heißlaufen wird. Gustav Horbel träumt sich hinauf in den Korb, wo es noch kühl sein muss morgens um 7. Er sähe von dort die Rheinebene vorm Schwarzwald, die Autobahn nach Basel, den Strom, Baggerseen neben Kieswerken – Türkise im Kiesel. Er kieste die Tür, er kürte den Diesel, er hatte den öffentlichen Diesel erkoren für den Weg zum Bahnhof der Bäderstadt, die Liebste durfte weiterschlafen, „musst nicht aufstehen, hab kaum Gepäck, träum noch ’n bisschen“, ein Küsschen, trauliches Ritual, entzückende Schläfrigkeit, die sich räkelt in der Wärme am noch kühlen Morgen, dem heiß der Julitag folgen wird, den Siebenschläferrekord zu brechen: Sonne, sieben Wochen lang, und eine Rekordpopulation an Siebenschläfern dazu – allerdings nur in Osnabrück, so war im Internet zu lesen, nirgendwo sonst. In Osnabrück tauchten Tausende der wegen ihrer Seltenheit geschützten Bilche auf im Rekordsommer, zeigten ungeniert die buschigen Schwänze, spukten auf Dachböden, erschreckten eine um Haus und Garten besorgte Alte, die nix weiter getan hatte, als ihre Rosen mit Bananen zu düngen.

„Na“, sprach missingsch der Mann vom Veterinäramt im Webvideo, „kein Wunder, dass das die Bilche anzieht, die sind verrückt nach Bananen“, und zeigte einen im Gitterkäfig gefangenen vor, er werde ihn nun aussetzen im Wald, 20 Kilometer entfernt. Das  Video zeigte, wie ein gar nicht schläfriger Siebenschläfer den Stamm einer Buche umrundete, noch einmal den Arm des Fängers aufsuchte, vielleicht eine Abschiedsbanane erheischend.

Gustav erinnert sich, wie die Kraft der Bananen zwanzig Jahre zuvor geholfen hatte, ein Staatswesen einstürzen zu lassen – stete Banane höhlt den Sozialismus –, wie ein Mann namens Krause die Zukunft von Ananas und Bananen für alle beschworen, mit einem viel berühmteren Mann gemeinsam einen Vertrag unterzeichnet hatte, der den Preis der Dosenananas zum Argument einer gesamtdeutschen Staatsgründung erhob. Krause war wenig später aus der Politik verschwunden, billige Bananen und Ananas aber waren geblieben, so billig, dass in Osnabrück, wohl auch in Lauterberg Beete damit gedüngt werden konnten, den Bilchen zur Freude.

Wie stets um störende Einwände nicht verlegen, sieht Gustav in der Tatsache, dass wieder eine Spezies die Scheu vorm Menschen abgelegt, als dessen putziger Kostgänger das Über-Leben in der Stadt dem Er-Leben von Freiheit in der Wildnis vorgezogen hat, nur eine verschobene Gefährdung der Dickschwänze: „Fürsorge schafft Bedürftigkeit“, denkt er, und dass nun die Bilche, natürlicher Fertigkeiten zum Nahrungserwerb entwöhnt, Zivilisationskrankheiten erliegen würden, dass ihnen künftighin Fettleibigkeit statt Füchsen – das Video hatte wirklich fette Bilche gezeigt! –, infektiöse Katzenflöhe statt Uhus den Garaus machten. Die Siebenschläfer haben die sichere Versorgung der Freiheit vorgezogen; ob sie nun schleuniger aussterben würden, ist eine interessante Frage. Er wird es nicht mehr erfahren, er wird demnächst sechzig.

„Ging heut Morgen übers Feld“, singt Dietrich Fischer-Dieskau in Gustavs Kopf,

Ging heut Morgen übers Feld, 

Tau noch auf den Gräsern hing; 

Sprach zu mir der lustge Fink: 

„Ei, du! Gelt? Guten Morgen! Ei gelt? Du! 

Wird‘s nicht eine schöne Welt? schöne Welt!? ...“

das Orchester übernimmt die Melodie, Gustav sitzt für den Rest der Busfahrt zum Bahnhof der Bäderstadt im Ballonkorb, über sich die Silberkugel, auf dem Korbrand ein grinsender Siebenschläfer mit Querflöte: „Tirilirili, tirilirila, tirilirilaritirilaritirila, tiritirili, tiritirila, tirilirilaritirilaritirila …“ Er vergisst, was er wusste, was erlebt ist, was erdacht. Es hängt alles zusammen, alles, alles würde im Internet auffindbar sein eines Tages, danach jederzeit, wenn nur genügend Speicherplatz und geeignete Suchroboter verfügbar sind.

Im Zug nach Berlin will er ein Buch übers Lesenlernen rezensieren, eine Übersetzung aus dem Amerikanischen, aber schon nach wenigen Seiten verdrießt ihn das Lesen, er kann lesend nichts lernen von dieser Autorin, die fortwährend ihre Klugheit herauszustreichen versucht durch den Gebrauch von Fachtermini aus der Hirnforschung, sich andererseits bei den Lesern anbiedert mit Banalitäten über Keilschriften und chinesische Zeichen, die selbst nicht versteht, wie Ameisen lesen oder Bienen oder Bilche, um sich in der Welt zurechtzufinden. Mit keinem Wort kommt die Verfasserin darauf zu sprechen, dass alle Gehirne, alle Körper mit der Welt über ihr Da-Sein, Fühlen und Agieren so untrennbar verbunden sind wie Menschengehirne und Menschenkörper, dass eben nur im besonderen Biotop der Sprache, eingewachsen in Urwälder der Laute, Gesten, Mienen, fortwährend neuer Stoff für die Interaktion in menschlichen Gemeinschaften gezeugt, in die Welt gesetzt, wieder verdaut wird: Texte. Diese Texte aber haben nur Sinn und Bedeutung, solange sie den Prozess nicht verlassen. Einsteins letzte Einsicht, das mathematische Geheimnis, das er angeblich mit ins Grab genommen haben soll, ist so lange nicht existent, bis ein anderer es gedacht, artikuliert und seine wie die Gedanken anderer mit Einsteins Arbeiten überzeugend verbunden hat.

Die Amerikanerin aber, die übers Lesen schwadroniert, sieht den Text vor Buchstaben nicht, klaubt Zeichen auseinander, klebt ihnen physiologische Mechanismen an, beklagt den Verfall des Lesens im Zeitalter des Internets mit seinen Tönen und bewegten Bildern, kommt nie aufs Ganze, auf den großen Hypertext, der, mäandernd über alle Sprachbarrieren, die babylonische Verwirrung und Isolation der Schriftzeichen, Silben und Worte überwindend, der Suche nach universalem Sinn voran hilft. Sie bewegt sich im Biotop des Lesens mit Lupe und Pinzette, findet das Geheimnis so todsicher, wie das des Liebesaktes sich im Tomographen fände: Gustav sieht sich in der Röhre kopulieren, während Hirn- und Körperfunktionen gescannt werden, dank kleiner blauer Pillen kann ihm jede Frau untergeschoben werden, sogar eine amerikanische Forscherin.

Er wird keine Rezension für das Kulturprogramm der Anstalt schreiben, obwohl er das Geld vom Radio dringend braucht, seit ihm vor vier Jahren das Fernsehen den Stuhl vor die Tür gestellt hat. Er will keinen Sendeplatz an Verrisse verschwenden. Jede Minute soll einer glücklichen Entdeckung zugutekommen, findet er, durch die Programme wird genug Mainstream geschleust. Was die Politbürokraten des Ostens viel vergebliche Mühe kostete, hat sich in dreißig Jahren Quotenwirtschaft fast von alleine eingestellt:  Monokultur. Es ist alles erlaubt, aber was keine Quote bringt, nicht in quotenoptimierte Schemata passt, stirbt einfach aus, weil es in Nischen verdrängt, früher oder später abgeschaltet wird.

Darüber hat Gustav eine Glosse verfasst, sie ist sogar in einen  Radiopodcast der Anstalt eingeflossen, geistert durchs Internet, ein Nischenprodukt wie fast all seine Erzeugnisse. Die Fernsehchefs hatten Horbel schon früh als Querulanten durchschaut. Ein Abteilungsleiter fragte ihn, ob er sich selbst eher als Öl oder als Sand im Getriebe sähe, nickte zu Horbels Antwort verständnisvoll. Sein Stellvertreter stellte wenig später klar, dass Verträge nur für freie Mitarbeiter vom Öl-Typ verlängert würden.

Gustav fühlte sich genauso isoliert, abgesondert und verloren, wie nach den Hinauswürfen des Ostens. Er hat sie nie aus den Knochen bekommen; wenn er den Briefkasten öffnet, ein amtlich aussehendes Kuvert erblickt, fährt ihm das immer noch direkt ins Gedärm.

Er hat Glück gehabt. Stasiknast und Jahre in Bautzen oder Brandenburg sind ihm erspart geblieben. Nachdem seine letzten  Inszenierungsversuche mit einer freien Theatergruppe unterbunden waren, hat er bis zur Ausreise jahrelang hoffnungslos hoffnungsvoll ausgeharrt, ein zum Sand im Getriebe sortierter Diplom-Regisseur,  der seine Brötchen mit Kellnerjobs und Komparsenrollen in Synchronstudios verdient, versucht, das Pulver trocken zu halten, Texte schreibt, die nie veröffentlicht werden, immer kurz davor, in Frust und Alkohol zu versinken. Als er zum ersten Mal die Katakomben des Bahnhofs Friedrichstraße als freier Mann durchschritt, in den Zug nach Westen stieg, ahnte er nichts vom Fall der Mauer  im Jahr darauf. DäDäÄrr kollabierte, er quengelte über den Freudentaumel der Volksmassen: „Jetzt werde ich mit meinen Stasis wiedervereinigt.“ Er sah eine Ölpest im Anzug. Viel Öl in vielen Anzügen.

Die Zeit fährt jedes Mal mit nach Berlin, manchmal geistern Fluchtträume, rauen seine Erinnerung auf, besonders wenn er auf den Prenzlauer Berg kommt. Fast zwanzig Jahre hat Gustav im Kiez gelebt bis zur Ausreise. Zuerst bei einer „Schlummermutter“ an der Schönhauser; als sie 1974 starb, gestand das Amt dem unverheirateten Physiker seine erste eigene Wohnung zu, genauer: einen Wohnschlafraum mit Küche in der Greifswalder, Ecke Marienburger Straße. Den Korridor musste er sich mit Nachbarn teilen, einem Ehepaar mit Kind.

Es war das Jahr, in dem Horbel beschloss, nicht länger Physiker zu sein. In Berlin wurde das Institut für Schauspielregie gegründet, er wollte dort hin, gegen jede Vernunft, gegen die Einreden der Mutter, der Freunde. Den Kopf voller Träume von der Welt des Theaters, durchflog Gustav einen sonnendurchglühten Sommer in Rumänien. Er kletterte zwischen Berghütten durch die Karpaten, badete im Schwarzen Meer.

Ein Westberliner hatte die Reise ermöglicht, der Journalist Guido Hersfelder. Er hatte sich ein paar Jahre zuvor in Gustav verliebt, ertrug seither klaglos, dass seine Neigung platonisch blieb. Nun lud er Horbel ein, dank seiner D-Mark zu erleben, was normalen DDR-Touristen mit den wenigen legal einzutauschenden Lei versagt war: eine Erkundungstour quer durchs Land mit leidlichem Komfort. Zuvor hatten beide gemeinsam Gustavs Habseligkeiten in die Greifswalder Straße transportiert, eine Flasche Sekt geöffnet: aufs erste eigene Domizil.

Der „Balt-Orient-Express“ brachte sie nach Süden, an der ungarisch-rumänischen Grenze war Schluss. Hersfelder wurde von rumänischen Grenzern aus dem Zug geholt: „Ihr Pass ist falsch.“ Er erhielt keine Auskünfte, Bestechungsversuche misslangen, ratlos wanderte er den Bahnsteig auf und ab. Gustav mühte sich, ihm durchs Abteilfenster Mut zuzusprechen. Eine Stunde lang tat sich gar nichts, dann gab der Stationsvorsteher das Signal zum Weiterfahren, der Waggon ruckte an – ohne den Freund. Horbel zog die Notbremse, raffte das Gepäck, stieg aus dem Wagen, mitten ins  Gerenne, Geschrei, Gefuchtel von Eisenbahnern, Grenzern; nach zig Telefonaten mit Vorgesetzten bekam Guido seinen Pass zurück. Der Zug war weg.

Nachts saßen sie neben dem tristen Bahnhofsgebäude auf ihren Wanderrucksäcken, bereiteten Tee mit dem Campingkocher zu, lachten gegen das Unbehagen an, die „Notbremsgeschichte“ war geboren.

… Von den rumänischen Grenzorganen wurde versucht, den H. im Zuge der Passkontrollen an der GÜSt Curtici von dem (geschwärzt) zu trennen. Untersuchungen der Papiere hinsichtlich geplanter Ausschleusung/Flucht blieben ohne Ergebnis. Es gelang dem H., durch Betätigen der Notbremse und Ausstieg aus dem „Balt-Orient-Express“ die gemeinsame Weiterreise am Morgen gegen 8 Uhr im internationalen Fernschnellzug „Wiener Walzer“ zu erzwingen. Über den folgenden Aufenthalt in Rumänien  ist nur ein Treffen im Hause des am Nationaltheater tätigen  Regisseurs und Schauspielers (geschwärzt) bekannt. Ein Fluchtversuch ins NSA war nicht erkennbar. Am 28.7.1974 kehrte der H. über den ZFH Schönefeld zurück. Die (HS-)Beziehung zu dem (geschwärzt) war danach bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt unterbrochen, so daß auch Versuche seitens des IMF  „Telegraf“ zu einer Kontaktaufnahme mit dem (geschwärzt) nicht fortgesetzt werden konnten.

gez. Oltn. Wulstner                              Berlin, 15.11.1974

So las sich die „Notbrems-Geschichte“ in Gustavs Akte, dazu der Stasi-Kommentar über das Ende einer Freundschaft. Guido war – obwohl er das Gegenteil beteuerte – mit Gustavs sehnsuchtsvoll verklärten Gedankensplittern über seine rothaarige Liebste nicht zurechtgekommen, er war eifersüchtig. Während der Bergwanderungen, bei Guidos Freunden in Bukarest, wo sich Gustav nicht als mit Westgeld ausgehaltener Lover vorzeigen lassen wollte, am Nacktbadestrand von Doi Mai wuchsen Spannungen. Zum Schluss reisten beide getrennt nach Hause.

Dennoch wachten die Sicherheitsorgane auch fürderhin getreulich über Gustav Horbel. „Hausvertrauensleute“ zum Beispiel: Sie waren an seinem Wohnort in der Greifswalder/Ecke Marienburger Straße zuständig fürs „Hausbuch“ – also für vom Melderecht vorgeschriebene Einträge aller Ein- und Wegzüge, persönliche Daten der Bewohner und deren Besucher. Das Ehepaar protokollierte Horbels unsteten Lebenswandel; es wohnte einen Stock über ihm im Seitenflügel, sah direkt in seine Küche, benutzte nötigenfalls ein Fernglas. Einen der Aktenordner, angelegt von der Stasi zur „Operativen Personenkontrolle“, aufgefunden fast zwanzig Jahre danach in der Gauck-Behörde, hatte in Horbels Prenzlauer-Berg-Jahren allein der Fleiß dieser Vertrauensleute gefüllt.

Der letzte Satz der mahlerschen Sinfonie hat begonnen, wabert hin und her durchs Gedächtnis, löst die Erinnerungen auf in seltsame Filmstreifen. Die Katakomben und Grenzabfertigungen sind wieder zu durchqueren, die Reichsbahn rollt durchs Land, Gustav zieht aus der Vogelperspektive Schleifen über Küstenregionen, Wälder, Autobahnbänder, Autobahnkreuze, radelt bergauf, bergab, muss an unübersichtlichen Kreuzungen wählen: Serpentinen hinunter oder einen holprigen Pfad hinauf, riesige Baustellen unterbrechen die Fahrt. Gustav steht neben dem Auto vor einem Abgrund, fragt sich, wie er den großen Audi über endlose Treppen hinunterschaffen soll, huckepack. Er hat einen Pass, er weiß, er ist frei, in den Westen zu gehen, dort aber ist er schon einmal gescheitert. Er irrt auf der Grenzlinie herum, kann sich nicht entscheiden.

Der Zug rollt durchs Grün, ein ferner Waldsaum grüßt, zu dem sich Gustav hin wünscht, das geschieht ihm oft, wenn eine Strecke an hochstämmigen Hainen entlangläuft. Kühl und still muss es darinnen sein, von fernher flötet ein Pirol, Blätter wispern, ein See schimmert, auf moosigem Grund ruht, von rotgoldenem Haar umhüllt, eine Elfe, das Stasikind. Natürlich war es ein bestimmter Wald, damals, im Sommer 74, bevor er nach Rumänien fuhr, der Wald am Liepnitzsee nordöstlich von Berlin, in dem Grundstücke eingezäunt waren, bewacht von Uniformierten mit Kalaschnikows. Wohlbehütet erholten sich dort die Mächtigen. Gustav und das Stasikind kümmerte das nicht, sie ließen die Sonne abwechselnd auf ihre Rücken scheinen, wälzten sich um und um, tauchten in die Kühle des Sees, griffen nach flüchtigen kleinen Barschen, sahen einander unter Wasser in die Augen, prusteten. Sie waren verliebt. Ganz bekommt Gustav sie nie aus dem Kopf, die Rote mit den braunen Augen, Sommersprossen, runden Mundwinkeln, etwas rauen Lippen, deren Küsse er schmecken kann, eine samtige Zunge, die seinen Körper zu einem einzigen Mund werden lässt, beide zu verschlingen. Nur diesen einen Sommer hatte es gegeben, die vierzehn Tage Urlaub ihres Vaters, da war sie entwischt aus Lauterberg, ließ sich nicht aufhalten durch die barmende Mutter, flog in Gustavs Arme. Sie taumelten und schwärmten, mochten nie mehr voneinander lassen. Sie sahen sich stattdessen nie wieder, keiner von Gustavs Briefen wurde je beantwortet.

Im Spätherbst schon hatte er aufgegeben, sich mit einer netten, aufgeweckten Studentin der Geschichtswissenschaft verbandelt, sie besuchte ihn später im Krankenhaus. Dort schrieb er seine Bewerbungen fürs Studium am neu gegründeten Regieinstitut, während altes, schwarz geronnenes Blut aus seinem Oberschenkel in dicke Zellstoffpakete rann. Das war gut, denn das Gerinnsel, mit ihm die Gefahr einer Amputation, verschwand so aus dem Muskel, das Bein schrumpfte auf Normalmaß. Der schlimme Zusammenstoß beim Fußball hatte weiter keine Folgen, kostete Horbel nur vier Wochen Liegezeit im Krankenhaus Prenzlauer Berg, genug Zeit, die vom Regieinstitut verlangten Probestücke zu liefern. So viele neue Pläne und Ideen, so wenig Zeit, über das Schicksal des Mädchens aus Lauterberg nachzudenken, nach ihr zu suchen.

Jetzt, da 36 Jahre vergangen sind, erscheint ihm ihr Gesicht anziehend wie je, hinterlässt Wehmut, schmerzt wie nur der Gedanke an verlorene Liebe schmerzen kann – oder an verlorene Träume.

Allzu viele Träume liegen begraben in Berlin, Gustav Horbel mag die Stadt längst nicht mehr. Diesmal reist er zu einem Interview für den Hörfunk. Während die Zugbegleiterin mit zuckersüßer Stimme zu Bioweißkohleintopf mit Mettenden einlädt, wickelt sich draußen vor der Zugtoilette ein buddhistischer Mönch in sein Gewand, Tuchbahnen aus erdigem Orange, im WC ist’s dafür vermutlich zu eng. „Liebe Brezelfreunde“, flötet der Lautsprecher, „in Kassel-Wilhelmshöhe steigt unser Brezelverkäufer zu und verwöhnt Sie mit frischen Brezeln.“ Horbel ist gespannt, ob der Buddhist sich als Brezelfreund erweisen, oder doch Bioweißkohl vorziehen wird. Neben ihn hat sich eine Blonde gesetzt, raschelt mit einer Tüte, es riecht nach billigem Käse. Von einem Augenblick zum nächsten ist Gustav froh, dass er zu alt für Balzspiele um junge Frauen  ist, sich nicht womöglich in ein Gespräch über die Vorzüge des  Buddhismus gegenüber anderen Religionen verwickeln lassen muss, die Bedeutung von erdbraunem Orange, Farben überhaupt als Signale der Persönlichkeit. Kein Aufplustern mehr zwischen Wissenschaft und Spiritualität, Europa und Fernost, Yin und Yang, Männlein und Weiblein. Zu viele Männer jenseits der Fünfzig haben sich vor seinen Augen aufgeplustert, Hanswurste, die nicht komisch, nur lächerlich waren. Das Altern kennt unbarmherzige Fingerzeige.

Der Zug ist schnell und pünktlich, Horbel mag nicht mehr lesen. Er schließt die Augen, den Kopf ans Polster gelehnt, dämmert er in Erinnerungen hinüber: an ein geliebtes Gesicht, das unscharf bleibt, von anderen Bildern überblendet wird; er dämmert in eine Welt ohne Gegenstände, stößt sich dort an Kanten, rutscht in Gräben, muss dreckige Latrinen reinigen, von Fäkalien strotzende Wände, Becken, Rohre, die es nicht gibt, die nur schattenhaft Ekel, Mühsal, Furcht erregen, als sollten sie ihn feien fürs Leben, als könnten sie auf unerlebte Qualen vorbereiten…

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