Zinselhöhle bei Meschenbach in Thüringen

Wanderung zur Zinselhöhle bei Meschenbach in Thüringen
Aus einem Wanderführer aus den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts

Dieser Beitrag wurde mir freundlicherweise von Frau Anja Gelbricht aus Meschenbach in Thüringen zur Verfügung gestellt. Hierfür sage ich herzlichen Dank. Die Schilderungen und Schreibweise habe ich in der „alten Form“ belassen.

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Titelblatt Rauensteiner Wanderführer
Repro: Ulrich Göpfert

Rauenstein/Meschenbach
Wir treffen uns vor der HO-Gaststätte „Schaumberg" und verlassen den Ort Rauenstein über die nach Osten über den Böhl laufende Lehnersgasse. Nach 1000 Meter Weg gelangen wir nach Meschenbach. An der linken Straßenseite — gegenüber dem Schulhaus — steht das Dorfwirtshaus „Zur Zinselhöhle." Hier kehren wir ein und erbitten den Schlüssel zur Zinselhöhle.

Dann folgen wir weiter dem alten Wallfahrtsweg, der im Mittelalter „Obere Bergstraße" hieß. Es ist eine der ältesten Straßenzüge des Kreises Sonneberg. In der Mitte des Dorfes kommen wir am Dorfplatz vorbei. Hier stand früher der Dorfbrunnen. Bald verlassen wir den kleinen Ort Meschenbach in östlicher Richtung. Unser Weg führt uns über eine kleine Anhöhe am rechts liegenden Rutenacker vorbei. Von da aus verläuft er in fast nördlicher Richtung in das enge Bergtal.

Vor der Stelle, wo der Weg wieder nach Osten abbiegt, sind die Spuren einer ehemaligen Flachsrösterei noch zu erkennen: Ein kleiner Teich — der Flachsteich — liegt da. Einige Meter vorher führt vom Weg rechts ein Waldweg durch das Gebüsch am Straßenrand. Er endet vor der Zinselhöhle.

Sie erhielt ihren Namen von der Sage von den Zinselmännchen
die hier vor langer Zeit gehaust haben sollen. Diese Zinselmännchensage gehört zu jenem thüringischen Sagenkreis, der aus der Naturverbundenheit unserer Alten sich entwickelt hat. Durch die Verbundenheit mit der Natur entstand bei unseren Altvorderen nämlich der Glaube an die Naturbeseeltheit:

In Grotten und Klüften, auf Bergen und Felsklippen wohnen in ihrer Vorstellung sonderbare Lebewesen. Aus der besonderen Freude der Waldbewohner am Großen, Gewaltigen und Urwüchsigen entstand die Gestalt der Riesen. Die Bewunderung des Kleinen und Zierlichen gebar die Zwerge und Heizelmännchen. Das Charakteristische an den thüringischen Zwergensagen ist, dass die gutmütigen, hilfreichen Wichtelmänner immer durch Boshaftigkeiten und Taktlosigkeiten der Menschen vertrieben worden sind.

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Rauensteiner Wanderführer
Zeichnung: Die Zinselmännchen
Repro: Ulrich Göpfert

Aber hören wir doch selbst, wie die Alten uns die Zinselmännchensage erzählen
„In uralter Zeit wurde die Zinselhöhle von Zwergen bewohnt, die man auch „Zinselmännchen" nannte. Diese stahlen einem Bauer von seinem Erbsenacker in der Nähe der Zinselhöhle jede Nacht Erbsen.

Darüber empört, stellte sich der Bauer eines Abends auf die Lauer, erwischte eines der Zinselmännchen und wollte es schlagen. Doch als der Zwerg um Gnade bat und dem Bauer einen Schatz auf seinem Acker zeigen wollte, ließ er den Zwerg laufen. Den Ort, wo der Schatz unter der Erde verborgen war, versprach der Zwerg durch eine Rute zu bezeichnen.

Aber die Zwerge, schlauer als der Bauer, steckten den ganzen Acker voll Ruten, so dass der Bauer den Schatz nicht finden konnte und leer heimziehen musste. An einem der folgenden Abende stellte sich der erboste Mann wieder auf die Lauer, und als er abermals einen Zwerg erhascht hatte, schlug er ihn so sehr, dass er starb.

Aus Trauer darüber verließen die Zwerge die Höhle und die Gegend auf Nimmerwiedersehen; aber die Höhle hieß von da an die „Zinselhöhle" und der Acker in der Nähe „Rutenacker" . . .

Die Zinselhöhle wurde schon im 30 jährigen Krieg
von den Bewohnern der umliegenden Ortschaften als Fluchtstätte und Versteck vor der im Lande herumziehenden und plündernden spanischen Soldateska benutzt. Dieses Versteck konnte in der Tat von einem Ortsfremden damals nicht aufgefunden werden, da die Höhle in jener Zeit noch nicht ausgebaut und besonders der Zugang recht beschwerlich war.

Darüber berichtet uns  aus dem Jahre 1782 ein Coburger Arzt, namens Johann Sebastian Albrecht:
„Wenn man aus einem Teil wiederum den Berg hinaufsteigen will, so trifft man ungefähr 15 bis 20 Schritt hoch einen Kessel an, in dem man vermöge einer von Fremden eingehauenen Treppe 12 bis 15 kleine Stufen bis auf den Boden des Kessels steigt. Daselbst ist gegen den Berg hin eine Öffnung in Gestalt eines Backofenloches, welches reichlich drei Ellen weit in der Mitte etwas über eine Elle hoch ist. Hier rutscht man etwa 16 bis 20 Ellen auf einem Felsen hinunter, der mit herabgefallenem Laub einen halben Schuh überzogen ist, welche das Herabrutschen erleichtern.

Es ist weder gefährlich noch fürchterlich, dieser Reise beizutreten
Wenn man den kleinen, schiefen Schacht bequem befahren will, so darf man nur eine Leiter mitnehmen und sie auf den Felsen hinlegen, so wird einem wenigstens das Heraussteigen erleichtert werden. Wenn man auf dem Grunde dieses Schachtes ist, so kommt man in eine kleine geräumige Galerie oder Gang, welcher anfänglich gegen Mittag (Süden) sich wendet, da man bald in einem Bächlein gehen muss, welches über den Fuß gehet und linker Hand aus dem Felsen herauskommt.

Diese Galerie, welche meistens gegen Südwest fortgeht und nur hie und da einige geringe Krümmungen macht, ist größtenteils so breit, dass ein Mann gemächlich durchkommen kann, nur an wenigen Stellen wird sie so eng, dass man sich durchschmiegen muss, hingegen aber meistens 20 Schuh hoch, auch an vielen Orten oben weiter als unten.

An einigen Stellen wird sie weiter, zwei Orte sind darinnen, wo sie die Gestalt eines Zimmers erhält. Sie gehet ungefähr 300 Schritt fort, alsdann steiget man ein wenig in die Höhe, allwo das Wasser sich verlieret, aber nachdem man etwas in die Tiefe gegangen, so kommt man wieder in das Wasser. Danach geht wieder eine lange Strecke fort, da das Wasser tiefer, die Galerie niedriger und so weit als wie ein Zimmer wird. Im rechten Winkel dieses Platzes ist ein kurzer Gang, der von Menschen gemacht zu sein scheint.

Die Wände dieser Höhle sind mit einem weißlich gelben und gleichsam wie Nieren geformten Tropfstein überzogen, welcher halb durchsichtig und so hart ist, dass man nur mit Gewalt etwas herunterbringen kann. Es gibt Orte, wo sich der Tropfstein in großen Klumpen angesetzt hat.

In der Höhle, sowohl als an den Wänden sieht man große Zapfen, welche wie reines Eis aussehen, wodurch das Wasser tröpfelt, welche aber keine Festigkeit haben, sondern im Herunternehmen zerbrechen. Etwas Besonderes ist es, dass man die deutlichsten Spuren sieht, dass von Zeit zu Zeit Fremde diese Höhle besuchen, und man gleichwohl nicht hat entdecken können, wer dieselben sein mögen und was sie dahin zu gehen veranlassen mag. Der Besuch dieser Höhle ist übrigens umso mehr zu unternehmen, weil man sich keiner bösen Schwaden zu befürchten hat, indem der durchfließende Bach beständig und durchgängig reine Luft erhält.

Vermutlich hat auch Goethe im Jahre 1782 die Höhle besucht und sie „aller Aufmerksamkeit würdig" befunden. Auf sein Anraten hin besuchten am 23. Juni 1782 schließlieh auch der Meininger Herzog und der Landgraf von Hessen die Höhle.

Ob auch der Herzogliche Rat Goethe in die Höhle „hineingerutscht" und dann barfuß durch das Wasser gewatet ist? Für uns ist heute das Befahren der Höhle nicht mehr mit diesen Unbequemlichkeiten verbunden; denn in den Jahren 1870—1880 hat man sie 675 Fuß lang befahrbar gemacht. Weitere Erneuerungsarbeiten wurden 1910 und 1953 durch die Meschenbacher Kirche durchgeführt. Alljährlich wurde früher vor der Höhle das traditionelle Zinselhöhlenfest veranstaltet.

Die Zinselkirche
Einige zehn Meter den Retschenbach abwärts fand sich früher noch eine Höhle, die „Zinselkirche", die um 1730 noch schöner gewesen sein soll als die Zinselhöhle. Der Eingang stürzte aber schon vor 1853 ein, und heute ist ihre genaue Lage nicht mehr zu ermitteln.

Weitere Informationen zur „Zinselhöhle“
Unweit des Ortes Meschenbach in Thüringen befindet sich die sagenumwobene „Zinselhöhle". Diese Naturhöhle ist eine der schönsten Muschelkalkhöhlen des Südthüringer Landes. Dabei handelt es sich um eine Karsthöhle im Wellenkalk. Sie wurde durch den kleinen Fluss „Retschenbach" auf einer Länge von 170 Metern in den Berg gewaschen.

Die Zinselhöhle - die kleine Schwester der Bleßberghöhle, ist die einzige für die Öffentlichkeit zugängige Höhle der Schalkauer Muschelkalkplatte. Es wird das natürliche Flussbett begangen, eine Engstelle ist zu passieren und ein Absatz von ca. 1,20 m Höhe zu überwinden. Im Winter ist die Höhle Fledermausquartier. Die Siebenschläfer nutzen sie als Unterschlupf im Sommer und auch als Winterquartier.

Vom 01. Mai bis 30. September
ist die Höhle für Gruppen ab sechs Personen nach Terminabsprache geöffnet. Vor Ort werden die Besucher mit Helm, Jacke und Gummistiefeln sowie Lampe ausgestattet. Betreiber der Höhle ist die Gemeinde Effelder/Rauenstein.

Zinselhöhlenfest
Jedes Jahr am dritten Wochenende im Juli findet auf dem Festplatz oberhalb der Zinselhöhle das Zinselhöhlenfest statt. Hierbei werden täglich Höhlenführungen von 14:00 bis 18:00 Uhr ohne vorherige Terminabsprache durchgeführt. Für Verpflegung als auch abendliche Unterhaltung sorgen der ortsansässige Feuerwehrverein und die Kirchengemeinde.

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