Das Dorf Kulm

Das Dorf Kulm
Eine Erzählung aus dem Coburger Land
nach einem Aufsatz von Andreas Stubenrauch


2013 © Ulrich Göpfert

Man schrieb das Jahr 1330
In der Kemenate der Burg zu Coburg stand die herrschaftliche Köchin vor Gräfin Jutta und klagte ihr Leid. Der Graf Heinrich hatte ein Fest bestellt, wobei schmackhafte Karpfen zu Tisch gebracht werden sollten. Leider seien schon alle Fische in der Steige verbraucht und die Bauern von Schlettach, von Birkig und Hergramsdorf könnten keine mehr liefern. Der Müller aus Mönchröden, der den herrschaftlichen Teich dort betreut, habe bei seiner letzten Ausfischung nur Brut angetroffen. Er könne deshalb die angeordnete Menge Karpfen nicht liefern, weil der Teich viel zu klein sei. Die Gräfin versprach der besorgten Köchin, noch heute Abend mit dem Grafen zu reden.

Kaum hatte die Köchin die Kammer verlassen, stürmten die drei Töchter der Gräfin herein. Gegen Mittag sei ein Bote aus Nürnberg bei dem Herrn Vater in die Burg eingeritten. Der habe auch ein Brieflein vom Burggrafen Albrecht an das Burgfräulein Sophie mitgebracht. Das Brieflein legte Sophie der Mutter in den Schoss zur gefälligen Ansicht. Die Mutter las das schön gemalte Schreiben, lachte einige Male und gab es dann langsam zurück. Dein Herr Verlobter lässt dich und uns alle recht herzlich grüßen. Dessen bin ich froh. Aber die Geschichte von der Jagd mit dem Falken auf Enten und Reiher, die dein Verlobter bei dem Herrn von Aurach als Gast erlebt hat, kann ich kaum glauben. Bei dieser Beiz sollen die Frauen zur Jagd geritten sein? Oh, wie fortschrittlich die Welt doch ist. Bis dahin ritten die Herren zur Jagd. Jetzt tun das die Frauen. Wo soll das noch hinführen? Weiter kam die Mutter nicht. "Wir wollen auch zur Jagd reiten. Wir wollen auch einen Falken haben. Nein, drei Falken wünschen wir, für jede einen. Warum lässt uns der Herr Vater nicht reiten? Wir werden bald die Reitkunst lernen. Stehen nicht so viele Pferde im Marstall“? Das ging ziemlich laut durcheinander. Erst als die Mutter versprach, heute nach dem Abendbrot mit dem Herrn Vater alles zu bereden, beruhigten sich die Schwestern.


2013 © Ulrich Göpfert

Am Abend traf die Gräfin ihren Gemahl in guter Laune. Die Nachrichten aus Nürnberg waren sehr erfreulich, weshalb der Graf einen Humpen Königsberger Wein auf den Tisch stellen ließ und den Becher fröhlich leerte. "Mein lieber Herr und Gebieter“, sprach die Gräfin und ließ das Häkelspitzchen in den Schoss fallen. Darf ich dir zwei wichtige Geschehnisse des Tages unterbreiten? Ich freue mich schon auf das Fest. Viele liebe Gäste werden erscheinen. Die Stadtpfeifer sollen neue Weisen erlernt haben. Da wird es recht fröhlich zugehen. Aber...das Karpfenessen wird ausfallen, die Köchin hat keine auftreiben können. Der Müller aus Mönchröden berichtet, der Teich dort sei viel zu klein. "Dann muß er eben vergrößert werden“, antwortete der Graf. "Gleich morgen will ich dem Wildmeister befehlen, das Notwendige zu tun“. Zur Bekräftigung seines Entschlusses tat er einen kräftigen Zug aus seinem Becher.

"Mein zweites Vorbringen ist ganz anderer Art“, flüsterte die Gräfin. Es betrifft unsere lieben Töchter. Sie möchten gerne zur Reiherbeize reiten“. Zur Reiherbeize? Reiherbeize? Wer hat ihnen denn das aufgesteckt? Wollen sie gar reiten lernen? Wir haben nur wenige Reiher in unserem Landen. Sollen sie erjagt werden? Aber nein, fiel ihm Frau Jutta ins Wort. Die Mädel wollen es erst mit Enten versuchen, denn Enten gibt es doch viele. "Das ist ein Vorschlag zur Güte“ meinte der Graf lachend. "Enten dürfen sie jagen, aber wer schafft uns die Falken, die Jagdfalken herbei“? "Wer richtet sie ab“? "Soll ich noch einen Falkenmeister bestellen“? Er griff nach dem Becher. Setzte ihn wieder ab. Überlegte. "Gar nicht übel, diese Mädel. Frau, warum sollen unsere Töchter nicht zur Jagd reiten, die Töchter des Grafen von Henneberg? Sind wir arme Leute? Jawohl Frau, die Mädel dürfen jagen, sie sollen jagen. Wenn der Graf Eberhard um die Elisabeth anhält, der Markgraf Friedrich zu Meisen um die Katharina und Burggraf Albrecht zu Nürnberg um die Sophie, lauter reiche Herren, die sollen flotte Mädchen bei uns finden. Sie sollen jagen. Morgen werde ich alles Nötige befehlen“.

In dieser Nacht schlief der Graf wenig. Immer musste er an den Teich in Mönchröden und an die Reiherbeize denken. Ganz groß soll der Teich werden. Bis nach Haarbrücken muss er reichen, vielleicht gar bis Neustadt. In seinem Land soll ein See entstehen, so groß, wie ihn kein anderer Graf weit und breit besitzt. In diesem Deich gibt es dann viele Fische, Karpfen und Hechte. Alle paar Tage könnte man dann Karpfen essen. Und Enten und Reiher werden sich dann ansiedeln. Wenn auch die Reiher hundert oder tausend Fische wegfangen, es werden immer noch genug für die herrschaftliche Küche übrig bleiben. Endlich schlief er ein.


2013 © Ulrich Göpfert


2013 © Ulrich Göpfert

Am frühen Morgen des nächsten Tages ritt ein Bote nach Mönchröden. Er brachte den Wildmeister und den Müller gleich mit zur Veste. Der Graf erwartete beide schon in seiner Kammer. Erregt lief er auf und ab und sprach hastig auf die beiden ein, die demütig an der Tür stehen blieben. Ihnen schwanden die Sinne. Sie konnten vorerst gar nicht begreifen, was ihr Herr im Sinn hatte. Erst als der Wildmeister aufgefordert wurde zu sprechen, bedachte er sich die Sache richtig. "Das Land hinter dem Teich sei wohl größtenteils Sumpf und zu Wiese und Feld wenig geeignet. Doch steige der Bachlauf gen Haarbrücken erheblich und der aufzuschüttende Damm müsse schon 40 bis 50 Schuh hoch werden. Wer diese Erde zum Damm fahren soll, der doch an seinem Fuß mindestens 40 Schuh Breite haben müsse“? glaubte der Wildmeister bemerken zu müssen. "Das soll deine Sorge sein“, entgegnete der Graf. "Es gibt genug Gespanne in Möchröden, Kemmaten, Oeslau, Einberg, Boderndorf und Haarbrücken und der Deutersberg und die Lichtleite haben mehr Erde als notwendig“. "Halten zu Gnaden, Graf Henneberg“, warf der Müller ein. "Haben der Herr schon bedacht, dass in den Wiesen, die das große Wasser überschwemmen soll, das Dorf Kulm liegt, das nun überflutet würde? Wo gedenkt der Herr die Untertanen neu anzusiedeln und was gedenkt er ihnen für den Verlust ihrer Häuser und Fluren zu entschädigen?“

Daran hatte der Graf nicht gedacht. Er trat ans Fenster und schaute ins Land. Unten in Cortendorf pflügten die Bauern. Darf er es wagen, so fleißige Leute von Haus und Hof zu jagen, nur um einen großen Teich zu haben und Karpfen zu essen? Gewiss waren es nur Bauern und Untertanen, aber hatten sie nicht auch Rechte und war ihnen Haus und Hof nicht auch heilig und kostbar? Würde nicht in Windeseile die Nachricht im ganzen Land verbreitet werden, der Graf verjagt ehrliche und tüchtige Bauern, weil er einen See haben will und seine Töchter zur Jagd reiten wollen? Alle seine hochfahrenden Pläne zerstoben vor seinen Augen. Das konnte er seinen Untertanen nicht antun. Lieber wolle er auf alles verzichten, wenn nicht der Wildmeister einen Ausweg wüsste.

Und er wusste einen. "Graf Henneberg“, wenn ich mir erlauben darf, einen Vorschlag zu machen, so möchte ich bemerken, dass hinter dem Dorf Thann ein Waldstück liegt, das man gut zu Feldern roden kann. Der Boden ist gut und die Lage günstig. Hier könnten die Kulmer reichlich entschädigt werden. Wenn der Graf ihnen mehr Land geben würde als sie besitzen, dazu die Bäume ohne Waldzins zum Neubau, so würden sich die Leute noch beschenkt fühlen. "Noch gar beschenkt“, flüsterte der Graf vor sich hin. "Wenn der Müller auch der Meinung sei, dass man dies den Bauern anbieten dürfe, wolle er damit einverstanden sein“. Einverstanden. Abgemacht. Wildmeister und Müller sollen in den nächsten Tagen alles noch einmal durchdenken und zum nächsten Vollmond zur Veste kommen und Bericht geben.

Am nächsten Tag zur Mittagszeit stand der Wildmeister beim Dorfschulzen in Kulm und tat ihm den Willen des hohen Herrn kund. Der Schulze konnte vorerst nicht reden, die Nachricht verschlug ihm die Sprache. Nach einer langen Pause presste er heraus: "Das kann unser Herr nicht von uns verlangen. Haus und Hof sollen wir verlassen? Nach Thann sollen wir ziehen, in den Wald hinein? Schau unsere Höfe an. Zwar sind sie klein, doch gut instand gehalten. Der Märten hat erst im Heuet (Heuernte) seine Tenne neu gerichtet, der Kaspar seinen Stall aufgestockt und die Lenzen Wittib einen Schweinekoben (Schweinestall) gebaut. Das alles wird für nichts erachtet? Alle Häuser sollen wir abbrechen? Nein, nein Herr Wildmeister, das können wir nicht“. Er ließ den Forstmann stehen und rannte von Haus zu Haus und versammelte die Männer auf dem Dorfplatz. Die Frauen ließen das Essen stehen und kamen nach.

Es waren nicht viel Dorfbewohner, der Lärm aber war ohrenbetäubend. "Nein, wir weichen keinem Fußbreit, wir geben unsere Häuser nicht her. Unsere schönen Felder“. So schrien sie durcheinander und fuchtelten mit den Händen. "Nun, so schön sind eure Felder ja nicht“, meinte der Wildmeister. "Die Wiesen sind sumpfig und der feuchte Nebel hier im Tal ist auch nicht gerade gesund. Und der eisige Nordost, der im Winter durch die Talenge pfeift, ist der etwa angenehm? Haben nicht euere Kinder dauernd den bösen Husten“? Jetzt wurde es stiller bei Männern und Frauen. So ganz Unrecht hatte der Wildmeister nicht. Lag nicht Paules Mariechen schon drei Monate auf dem Krankenlager mit Auszehrung? Sagte nicht der Lauterer Bader, das käme von Nebel und Nässe? Vielleicht wohnt es sich in Thann doch gesünder?

Eine Stunde später zogen die Kulmer Bauern mit dem Wildmeister nach Thann und musterten das Land, das ihnen der Graf als Tausch anbieten wollte. Sie besahen sich die Kiefern und Fichten, die sie ohne Waldzins abschlagen könnten. Nach drei Stunden stritten sie sich schon um die Parzellen, die ihnen zufallen sollten. Gegen Abend waren sie mit dem Vorschlag einverstanden und in der Nacht beratschlagten sie schon, wie und wo ihre neuen Gehöfte in Thann aufgebaut werden sollten.


2013 © Ulrich Göpfert

Hier nahe Mönchröden lag das ehemalige Dorf Kulm. Es musste dem "Großen Teiche“ weichen und die Bewohner wurden nach Thann umgesiedelt. Am dritten Tag liefen der Müller und der Wildmeister das Rödental auf und ab, schätzten die Höhe des Dammes und die Größe des neuen Teiches. Bis nach Neustadt würde er wohl nicht reichen, nicht einmal bis ganz nach Haarbrücken. Aber recht ansehnlich könnte er schon werden. Dann schauten sie zum Deutersberg und suchten die Stelle, von der die vielen Fuder Erde zum Damm genommen werden könnten.

Als sie nach zehn Tagen dem Grafen ihren Bericht gaben, war alles gut vorbereitet und der Hohe Herr hatte sichtlichen Gefallen an seinen treuen Dienern. Er übertrug die Leitung des Dammbaues dem Müller und die Umsiedlung der Kulmer Bauern dem Wildmeister. Die Arbeiten schritten rasch voran. Als die Novembernebel über dem Talgrund lagen, hatten die Kulmer in Thann schon wieder ein Dach über dem Kopf. An den frostfreien Tagen im Winter rodeten sie ihren neuen Besitz, der weitaus größer war als der Vorherige. Es dünkte ihnen, sie hätten einen Gewinn gehabt aus der so übel aussehenden Sache.

Der Damm gewann Woche für Woche an Höhe, die Wasserfläche wuchs täglich. Die Fronbauern aus Kemmaten, Boderndorf, Haarbrücken und Mönchröden fuhren nicht ungern, denn der Graf ließ ihnen nicht nur Tag für Tag drei Maß Lauterer Wein zukommen, sondern entlohnte jede Fuhre mit einem Pfennig. Für zwei Pfennige konnten sie ein Huhn kaufen. Im nächsten Frühjahr konnte der Müller, der durch einen Erlass des gnädigen Herrn zum Fischmeister ernannt war, fünfzig Zentner Aischgründer Karpfenbrut einsetzen. Er ließ das Ufer ringsum mit Erlen und Weiden bepflanzen. Schilfrohr und Rohrkolben, Teichrosen und Laichkraut, Froschlöffel und Pfeilkraut, Wollgras und Schwertlilien suchten sich allein ihren Platz in und am Teich. Nach ein paar Jahren kamen zu den Wildenten auch Teichhühner und Rohrspatz sowie Eisvogel.

Die Reiher horsteten in den Auwäldern bei Kemmaten und holten sich nicht nur Frösche, Mäuse, Wasserratten und Gelbbrandkäfer, sondern auch so manchen Karpfen aus dem großen Teich. Das schadete wenig, denn der Fischmeister konnte jetzt immer die gewünschten Portionen Karpfen an die herrschaftliche Küche liefern. Inzwischen hatte der Ebracher Abt auf Bitten der drei Schwestern einen Falkenmeister nach Coburg geschickt, der zwei Jagdfalken mitbrachte und im Forsthaus zu Mönchröden Wohnung nahm. Bald war der Falkenzwinger erbaut und das "Abtragen“ einiger Jungfalken konnte beginnen. Schon nach vier Jahren ritten die Burgfräulein zur ersten Beize aus.

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