Das Ende des 2. Weltkrieges

Das Ende des 2. Weltkrieges in Dörfles-Esbach
Diesem Beitrag liegen Auszüge aus den "Erinnerungen von Hermann Büchner“
aus Dörfles-Esbach zugrunde

Das Gruppenfoto der SA "Sturm Albrecht“ wurde 1935 vor dem Dörfleser Schießstand aufgenommen. Die Dörfleser-SA gehörte mit zu dem Zug Coburg

Vor 60 Jahren kehrte der Zweite Weltkrieg dorthin zurück, wo er entfesselt worden war. Die Deutschen traf der Hass, den Hitlers Wahn gesät hatte. In Europa ging er am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr zu Ende, in Asien nach der Kapitulation Japans am 14. August 1945. Er war der größte und blutigste zusammenhängende Konflikt in der Geschichte der Menschheit. Hatte der Erste Weltkrieg fast 10 Millionen Todesopfer gefordert, waren es im Zweiten Weltkrieg schätzungsweise 55 Millionen, darunter über 20 Millionen Zivilisten.

Als am 8. Mai 1945 die Waffen endlich schwiegen, waren mehr als sieben Millionen Deutsche tot. Gefallen an der Front, verbrannt in den Bombennächten oder überrollt auf der "Großen Flucht“ aus dem Osten. Millionen von Umsiedlern, Vertriebenen, Flüchtlingen, befreiten Häftlingen der Konzentrationslager und Gefängnisse, Zwangsarbeitern aus dem Kriegsdienst entlassen, suchen nach Angehörigen und einem neuen Zuhause.

Über 11 Millionen Wehrmachtsangehörige befinden sich 1945 in Kriegsgefangenschaft. Alleine in den sowjetischen Lagern befinden sich 3,3 Millionen deutsche Soldaten, von denen nur knapp 2 Millionen nach Deutschland zurückkehren. 7,7 Millionen kommen in die Gefangenschaft der Westmächte.

 

"Tag der Verpflichtung“ - BDM-Mädchen und Hitlerjugend vor der "Alten Schule“, jetziges Rathaus in Dörfles-Esbach. Das Foto wurde im Oktober 1942 aufgenommen

Die Zeit vor dem Einmarsch der Amerikaner in Dörfles-Esbach
Wie Hermann Büchner in seinen Erinnerungen schreibt: Diese Zeit war wohl die schlimmste zwischen Zwiespalt und Hoffnung. Auf der einen Seite der deutsche Befehl, Mobilisierung der letzten Reserven (Volkssturm ohne genügende Ausrüstung) und das Versprechen, dass die Wunderwaffe, die vorhanden sein sollte, bald den Krieg entscheidet…

Die Luftüberlegenheit der Feindmächte wirkte sich verheerend aus. In Esbach wurde ein Zug beschossen, und die abgestellten Waggons brannten aus. Ja sogar die Bauern auf dem Feld wurden bei ihrer Arbeit unter Maschinengewehrfeuer genommen. So musste ich selbst, schreibt Hermann Büchner, beim Kartoffellegen Ende März vor feindlichen Flugzeugen wiederholt Deckung nehmen und in der Eisenbahnunterführung Schutz suchen.

In dieser Zeit lag in Dörfles im Saal Schneider (später Gastwirtschaft Büchner, heute Gastwirtschaft Schaller) eine Wehrmachtskompanie. Es waren lauter Soldaten von der Flak. Diese Kompanie baute im freien Gelände von Dörfles bis Oeslau und Esbach Einmannlöcher zur Panzerbekämpfung.

Gegenüber dem neuen Ulmann-Haus Nr. 4 wurde mit Eisenschienen, die aus dem Lager der Tiefbaufirma Wischniowsky geholt wurden, und mit Bäumen, die an der Itz bei der Porzellanfabrik Griesbach gefällt worden waren, eine Straßensperre gebaut. Zur Verteidigung war der örtliche Volkssturm mit Panzerfäusten ausgerüstet. Gott sei Dank kam es nicht soweit, dass sie zum Einsatz kamen.

Im Saal der Gastwirtschaft Kaiser war ein Lager mit Wollsachen und anderen Dingen untergebracht. Dasselbe sollte beim Eintreffen der Amerikaner angezündet werden, wie die Kreisleitung befohlen hatte! Genau wie in Dörfles, so wurden auch die Lager in der Paschendaele-Kaserne für einige Tage freigegeben, und die Menschen fuhren mit Leiterwagen vor und deckten sich ein.

In Neuses wurde das große Proviantlager (heute BayWa) in Brand gesteckt. Dort lag noch eine Unmenge Getreide. Die Leute der ganzen Gegend kamen mit Wagen, um noch etwas für sich zu retten. In diesem Tumult in Neuses kam am 10. April 1945 früh um 10 Uhr Panzeralarm. Auf den Langen Bergen bei Mirsdorf gingen die ersten Leuchtkugeln hoch; ein Zeichen, dass die Amerikaner dort oben angekommen waren. Alle Sirenen in Coburg und Umgebung setzten ein, und die Tiefflieger kamen, um sich zu orientieren.

Wie Hermann Büchner weiter ausführte, ich selbst war in Neuses am Proviantlager vorgefahren. Als wir nun einige Säcke gerettet hatten, heulten die Sirenen – Panzeralarm. Was sich jetzt auf dem Hof des Proviantlagers und auf der Straße nach Bertelsdorf abspielte, ist kaum zu beschreiben. Alle Fuhrwerke, beladen oder nicht, versuchten nun freizukommen und ihr Ziel in der Flucht zu suchen. Dabei fuhren die Wagen ineinander und blieben liegen.

Die Pferde wurden abgespannt und beritten ging es weiter in Richtung Bertelsdorf. Ich hatte mein Fahrrad auf den Wagen geworfen und lenkte das Fuhrwerk selbst…

In der Luft kreisten zwei amerikanische Tiefflieger, die zum Glück erkannt hatten, dass hier unten keine Militärfahrzeuge waren. Wir rasten durch Bertelsdorf, ohne anzuhalten und landeten im kleinen Birkenwäldchen bei Dörfles.

An diesem Tag passierte in Dörfles noch nichts. Am anderen Morgen wurden alle Männer alarmiert, um die Panzersperre wegzuräumen. Da überraschte uns ein amerikanischer Aufklärer, und es dauerte nicht lange und Dörfles lag unter Artilleriebeschuss. Einige hundert Schuss Brandmunition, auch Phosphorgranaten, gingen über das Dorf und krepierten in den Wiesen. Dann schoss der Amerikaner mit gewöhnlichen Granaten, und es trafen einige.

  

Die Fotos zeigen die Überreste der Panzergranate die im April 1945 im Haus der Familie Engelhardt in der Wohnung von Johann und Emmy Hartmann in Dörfles-Esbach beträchtlichen Schaden anrichtete. Die Tochter des Ehepaars Hartmann, Elfriede Bätz, hat die Überreste der Panzergranate bis heute, als Erinnerung an dieses Ereignis, aufbewahrt.

Betroffen von diesem Beschuss war auch das Haus der Familie Engelhardt (genannt die "Prächtig`s“) und da vor allem die Wohnung von Johann und Emmy Hartmann, den Großeltern der Frau des Autoren. Sie wohnten zu diesem Zeitpunkt noch bei den Engelhardt`s und bauten im Jahr 1950 gegenüber an der Neustadter Straße ein Wohn- und Geschäftshaus.

Wie mir die Tochter Elfriede Bätz, geb. Hartmann berichtete, wurde die Rückseite des Engelhardt`schen Hauses gegen 9.00 Uhr früh von einer Panzergranate getroffen. Das Geschoß drang durch die Hausmauer, riss ein Fenster dabei mit weg und verwüstete das Schlafzimmer von Johann und Emmy Hartmann (Splitter drangen bis in die Wäschetruhe und in die Betten, alle Spiegel waren zersplittert, selbst die Strümpfe, die in der Wäschetruhe aufbewahrt wurden, waren mit Splittern gespickt und nicht mehr zu gebrauchen). Weiter drang die Panzergranate durch eine weitere Wand ins Wohnzimmer und zerstörte dort den Wohnzimmerschrank. Selbst die große Schaufensterscheibe des Konsums, im daneben stehenden Haus der Familie Höhn, wurde durch die Kraft der Detonation vollständig zerstört.

Trotzdem sind wir glimpflich davongekommen. In Esbach war das Anwesen von Edmund Stammberger in Brand geschossen worden.

In der Zwischenzeit war der Amerikaner auf der Straße von Oberwohlsbach kommend bis auf 300 Meter mit seinem Spähwagen an Esbach herangekommen. Nachdem sich die Amerikaner, eine Spähwagenabteilung mit Infanterie, in Esbach kurz aufgehalten hatten, fuhren sie weiter nach Dörfles.

Hätte es irgendeinen Zwischenfall gegeben, wäre geschossen worden, auch von den aufgefahrenen Panzern. Es wurde bekannt gegeben, dass jedes Haus eine weiße Flagge zu hissen habe. Auf der Straße ließ sich niemand sehen, alle Bewohner waren in den Kellern. Alles ging gut vorüber, an diesem Tag geschah in Dörfles nicht Wesentliches mehr.

Die Not in Dörfles-Esbach
Der Meinungszwiespalt des Hitlerstaates, die so genannte Wunderwaffe, die Bewaffnung der Jugend und des Volkssturmes, die Panzersperren und Splittergräben, die Alarme und die Luftschutzkeller waren mit der Besetzung wie ein Spuk vorbei.

Doch die Sorgen waren dennoch groß. Die Familien waren dezimiert durch die Opfer, die Vermissten und die Gefangenen des Krieges; die Dörfer und Städte mehr oder weniger zerstört, oder wie in Dörfles, in einem abgewirtschafteten Zustand. Industrie und Gewerbe waren zu einem totalen Stillstand gekommen, nur die Landwirtschaft half über die schlimmsten Ernährungssorgen. Schließlich diktierten die Amerikaner als Besatzungsmacht den Tagesablauf. Auch mit dem Kriegsende änderte sich daran nicht viel.

 

Wintervergnügen der Kinder in den 40iger Jahren in Dörfles-Esbach. Im Hintergrund ist der Kolonialwarenladen mit Friseurgeschäft von Ewald Hopf zu sehen, außerdem gewährt das Foto einen Blick in die Blumenstraße

Neben der misslichen Ernährungslage war die Sorge um Wohnraum für die vielen wohnungs- und heimatlos gewordenen Deutschen riesengroß. Jeder heizbare Raum in noch intakten Wohngebäuden musste mit Flüchtlingen belegt werden. Schon während des Krieges ab 1943 begann der Zustrom ausgebombter Familien aus den Großstädten in die Dörfer. Der Einwohnerschwund durch Kriegsverluste wurde dadurch mehr als ausgeglichen. Hinzu kam die "Heim-ins-Reich-Bewegung“, die Hitler den Volksdeutschen etwa seit 1943 "befahl“.

Dörfles-Esbach ist ein Dorf, das nach dem 2. Weltkrieg die größte Invasion im Freistaat Bayern erlebt hat. Von 1950 bis 1951 kamen über 1.000 Flüchtlinge aus dem Osten und alle brachte man im Ort unter und versorgte sie. Da zeigte sich nicht nur die Tüchtigkeit der Dörfleser und ihres damaligen Bürgermeisters Emil Fischer, sondern auch ihre Nächstenliebe. Die gleiche Entwicklung traf für Esbach zu, nur dass man nach dem 2. Weltkrieg nicht so viele Flüchtlinge aufnehmen konnte.

Die Bilder wurden mir freundlicherweise von Harald Büchner und Elfriede Bätz, geb. Hartmann aus Dörfles-Esbach zur Reproduktion zur Verfügung gestellt.

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