Der Mönch in Oeslau und Unterwohlsbach

Der Mönch in Oeslau und Unterwohlsbach
Eine Sage von Friedrich Mihm


Der Oeslauer Domänenhof
 
Repro: Ulrich Göpfert

Einführung
Vor mehr als 160 Jahren durchwanderte ein durch sein Studium in Jena ausgebildeter Coburger, Friedrich Mihm, Schüler der Professoren Karl Hase und Heinrich Luden, unser Land und zeichnete die ihm in den Erzählungen unseres Volkes begegnenden Sagen auf.

Viele davon hat er in den Jahren 1842, 1843 und 1845 veröffentlicht, ein großer Teil ist bis heute unbekannt geblieben. Selbst die schon einmal durch Druck bekannt gemachten sind inzwischen lange in Vergessenheit geraten, bis der Heimatforscher Andreas Stubenrauch (mein ehemaliger Lehrer in Dörfles-Esbach) sich der Sagen durch Neuerzählen wieder angenommen hat.

In Mihms Sagenaufzeichnungen begegnen – Nachklang der Zeit, als in der Coburger Propstei der Saalfelder Benediktiner, im Franziskanerkloster an der Stelle der heutigen Ehrenburg und im Benediktinerkloster zu Mönchröden Mönche lebten – Erzählungen von Brüdern, die nach einem Tun des Unheils oder einem Leben des freundlichen Helfens, des Schabernacks oder des Liebens und Leidens im Lande geistern.

Unter den fünf Aufzeichnungen, deren Überschrift auf Mönche hinweist, ist auch die nachfolgende zu lesen. Friedrich Mihm hat sie 1843 in der Zeitschrift „Thuringia“ und 1845 in seinem Sagenbüchlein gedruckt. Im Anschluss an diese Einleitung, wird sie nach seiner eigenen, in der Landesbibliothek Coburg aufbewahrten Handschrift wörtlich, mit einigen leichten Wortänderungen wiedergegeben.

Von einem bald wohltätigen, bald schabernackischen gespenstischen Mönch ist in dem Coburger Lande die Sage weit verbreitet.


Kloster Mönchröden
Foto: © Ulrich Göpfert

Wir kommen jetzt zu dem in Oeslau, einem Dorfe eine Stunde (Fußweg) von der Residenz, an der Straße, die nach Neustadt an der Heide führt. Eine halbe Stunde (Fußweg) von dem Ort lag auf einer waldbesäumten Anhöhe und an großen Teichen das Kloster Mönchröden, das „Kloster unsrer Lieben Frauen zu Röden“ genannt, das den Benediktinern gehörte und jetzt ein reiches Kammergut ist. Sicherlich hat von daher die Sage von dem Mönche in dieser Gegend ihren Ursprung genommen.

Der Mönch in Oeslau ist ein wahrer Tückebold und treibt sein Wesen in dem Pächtersgehöft, das hinter dem altväterischen Schlösschen liegt, worin sich ein Kirchlein mit einem Turm befindet. In der Adventszeit löst hier der Mönch, das Vieh von den Ketten, legt sich in die leeren Betten der Knechte und Mägde. Jene erschreckt er zu Tode, wenn sie früh, von der Liebschaft kommend, sich niederlegen wollen, und diese, wenn sie mit einem Spielburschen vor ihr Lager treten.

Es war von uralten Zeiten her gebräuchlich, dass der Pächter am Weihnachts- und Neujahrsheiligabend nachts um 12 Uhr läuten musste. Unterblieb dies einmal, dann tobte der Mönch in den Ställen herum, dass das Vieh unruhig ward, warf das Gesinde aus den Betten, gab ihm Maulschellen und löschte die Lichter aus, die man anzünden wollte. In solchen Fällen fängt er selbst zu läuten an und läutet so lange, bis Knechte kommen und stillschweigend den Strang aus seinen Händen nehmen. Denn sagen darf niemand etwas zu ihm. Besonders Fluchen und Lügen kann er nicht leiden; dann regnet es Schläge aus allen Himmelsgegenden. Er will auch nicht, dass von ihm gesprochen wird, und Backenstreiche sind seine Antwort.


Schloss Rosenau
Foto: © Ulrich Göpfert

Der Mönch in Unterwohlsbach, einem Dorf gleich hinter dem Schloss Rosenau, ist sanfter Natur. Er hebt den Bäuerinnen oft die schweren Milchtöpfe auf und reicht sie ihnen zu, ohne dass zwischen ihnen ein Wort gesprochen wird. Er entfernt sich, dahin gleitend und schlurfend, als habe er gewaltige Socken an. An schönen Sommertagen breitet er in den Gärten hinter den Häusern ein großes weißes Leinentuch aus, schüttet Leinknoten darauf, um sie zu sonnen, und lädt die Leute mit Winken ein, sich davon zu nehmen. Aber bis jetzt hat noch keiner das Herz dazu gehabt, obwohl die Leinknoten zu lauter Goldstücke werden sollen.

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