Der Mitwitzer Heuwagen

Der Mitwitzer Heuwagen
Eine Sage aus der Region


Das Mitwitzer Wasserschloss im Winterkleid
Foto: © Ulrich Göpfert

Vor langer Zeit hatte der Mitwitzer Schlossherr eine Zehntwiese in der Gemeindeflur Fürth am Berg. Davon wurde aber jedes Jahr nicht der zehnte Teil der Ernte, sondern nur ein Fuder Heu geholt. Es sollte aber so groß sein, dass es sechs Ochsen aus der Wiese ziehen konnten. Da die Ochsen stark sind, bauten die Mitwitzer deshalb einen riesengroßen Heuwagen und schafften jedes Jahr weit über die Hälfte des geernteten Heus weg.

Als die Mitwitzer sahen, dass sie leichtes Spiel hatten, wollten sie immer mehr Heu haben und bauten einen noch größeren Wagen. Damit kamen sie besonders dann angefahren, wenn nach längerer Trockenzeit der Wiesenboden hart und ausgetrocknet war.

In der Regenzeit begnügten sie sich mit einem kleineren Wagen, denn es war zur Bedingung gemacht, dass alle Jahre die Ochsen den Mitwitzer Zehntwagen herausziehen können. Sollte er einmal stecken bleiben, sollten die Fürther Bauern für alle Zeiten ihr Heu behalten dürfen.


Bauern bei der Ernte vor dem Erntewagen der von Pferden gezogen wird
Repro: Ulrich Göpfert

Wieder einmal war ausgezeichnetes Heuwetter. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel. "O weh", klagten die Fürther, "der Boden ist hart wie Feuerstein". Da werden die Mitwitzer mit dem größten Wagen kommen, den sie haben. Die Fürther Bauern mähten das Gras, und sorgten dafür, dass es ausgezeichnet trocknete. Mit Entsetzen sahen sie einen ganzen Zug von Mitwitz heraufkommen, denn viele Bürger begleiteten den Riesenwagen und freuten sich schon auf die langen Gesichter der Fürther.

Der Graf war auch dabei und grüßte freundlich, lobte die fleißige Arbeit und das schöne Heu. Indessen hantierten die Mitwitzer gar eifrig mit Gabeln und Rechen. Schicht um Schicht Heu packten sie auf den Wagen. Bald war das gesamte Heu aufgeladen, der Heubaum festgezurrt, und der Großknecht nahm die Leine. Aus mehr als zehn Kehlen erklang das "Hü" zu den Ochsen hin.

Die stemmten sich in die Riemen, der Wagen aber  rührte sich nicht vom Fleck. Bis an die Achsen war der Wagen in den Wiesenboden eingesunken. Mit offenen Mäulern standen die Mitwitzer um den Wagen. "Was ist denn los!" Wollte der Graf wissen. Er kam herbeigeeilt und sah die Bescherung. "Leute", schrie er, "Leute, heran an den Wagen!" Mehr als zwanzig schoben an den Leitersprossen, der Großknecht hieb auf die Ochsen ein, aber der Wagen rührte sich nicht.

"Bauern von Fürth, ein Teufelswerk ist hier mit im Spiel", keuchte der Graf "Jawohl, frohlockte der Schreiner, "kommt an den Fluß, dann könnt ihr es sehen"! Hatte er doch mit ein paar Freunden in stockdunkler Nacht ein Wehr in den Fluß der Steinach gebaut, so dass der Wasserspiegel um einige Zentimeter gestiegen war, gerade so viel, um den harten Wiesenboden wieder aufzuweichen. "Die List ist euch gelungen", musste der Graf zugeben. Von dieser Zeit an waren die Fürther Bauern ihrer Zehntschuld enthoben und durften für immer ihr Heu behalten.

Quellenhinweis: Andreas Stubenrauch

Sprachauswahl

German English French Italian Portuguese Russian Spanish
Copyright © 2019 Ulrich Göpfert. Alle Rechte vorbehalten.
Joomla! ist freie, unter der GNU/GPL-Lizenz veröffentlichte Software.