„Die Loreley“

„Die Loreley“
Coburgs Traditionslokal ist wieder geöffnet!
Schon um 1600 war das Anwesen ein Ort der Geselligkeit

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Foto: 2012 © Martin Rohm

Coburg
Seit Mitte vergangenen Jahres war die Traditionsgaststätte geschlossen, denn in dem Gebäude mit seinen weitläufigen Kellern war dem Vernehmen nach einiges zu reparieren und zu modernisieren. Gott sei Dank! – sagen viele Coburger und Gäste ist der „Dornröschenschlaf“ des traditionsreichen Hauses beendet, jetzt kommt wieder Leben in die ehrwürdige Gaststätte.

Am vergangenen Montag, 02. April 2012 war es dann soweit, "die Lore" wurde wiederöffnet. Jakob und Anja Stadlmeyer bewirtschaften jetzt die Gaststätte.

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Aufnahme von der Wiedereröffnung
Das Bild zeigt von rechts Prinz Andreas von Sachsen-Coburg und Gotha, Oberbürgermeister Norbert Kastner und seine Lebensgefährtin, die Wirtsleute Jakob und Tanja Stadlmeyer sowie die Gästeführer in den historischen Kostümen von Martin Luther, Queen Victoria und Prinz Albert.
Foto: 2012 © Martin Rohm

Jakob und Tanja Stadlmeyer sind die Pächter des traditionsreichen Hauses in der Herrngasse. Täglich ab 11:30 Uhr werden sie ihren Gästen in den frisch renovierten "Prinz-Albert und Queen-Victoria Stuben" gutbürgerliche Küche und saisonale Spezialitäten anbieten. So wird die Geschichte des ehrwürdigen Hauses um ein weiteres Kapitel in der Geschichte bereichert.

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Repro: 2012 Martin Rohm

Die Geschichte der Coburger „Loreley“ 
„Verlockend gastlich seit 1600“

Die „Loreley“, Coburgs wohl bekanntestes Wirtshaus, kann auf eine über 400 Jahre alte Geschichte zurückblicken. Bis ins Jahr 1508 zurück sind die Eigentümer des Hauses Herrngasse 14 im „Coburger Häuserbuch“ von Ernst Cyriaci namentlich aufgeführt. 1581 wird das Anwesen als Bäckerei (Beck) bezeichnet. Georg Knauer, der das Haus 1597 erwirbt, ist Bäckermeister und im Nebenberuf Brauer; so verkauft er neben deftigem Brot auch selbstgebrautes Bier.

So war schon um 1600 das Anwesen ein Ort der Geselligkeit, in dem reichlich Gerstensaft floss und geraucht werden durfte, was sonst in der Öffentlichkeit verboten war. Der Name Herrenbeck, der sich bald bildete, geht vermutlich auf den Straßennamen zurück.

Ab 1772 wird das Haus durch Erwerb des Nachbaranwesens erweitert, so dass der Bierkeller bald bis zum Schloss Ehrenburg heran reichte. In diese Zeit fallen auch die Erteilung der Schankerlaubnis und der Umbau zum Gasthaus. Bauern und Bürger verkehrten hier nun regelmäßig und die Backstube verschwand allmählich.

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Repro: 2012 Martin Rohm

Anfang des 19. Jahrhunderts übernahm Phillip Frommann das Haus, das nach seinem Tod sein Sohn Georg ab 1852 weiter führte. Dieser weitgereiste junge Mann, der zunächst nach Amerika ausgewandert war, macht das Wirtshaus durch seinen Fleiß und seine Freundlichkeit zu einem florierenden Lokal, das bald viele Stammtische und Künstler des nahen Hoftheaters anzog. Zu den Stammgästen gehörten auch zwei berühmte Theatermaler, die Brüder Max und Gotthold Brückner. Zur Verschönerung des gepflasterten Hausflures, in dem sie mangels Platz in der Wirtsstube ihren Stammtisch zwischen den dort stehenden Mehlkästen aufgestellt hatten, brachten die beiden zwei Gemälde vom Rhein und der schönen Maid auf dem Loreleyfelsen an. Die heute nicht mehr vorhandenen Bilder sorgten dafür, dass die Gäste bald nur noch liebevoll von der „Lore“ sprachen und folglich ab 1860 aus dem einstigen „Herrenbeck“ das Wirtshaus „Loreley“ wurde.

Im Jahr 1900 übernahm Karl Nößler die „Lore“ und veranlasste größere Umbauten und Erweiterungen. Dabei entstanden ein Künstlerwinkel, die so genannte „Neidhöhle“, und das Jägerzimmer. Viele Theaterleute und Beamte, aber auch Originale wie der legendäre „Roeperts Karl“, ein etwas heruntergekommener Offizier, waren hier Stammgäste.

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Repro: 2012 Martin Rohm

1933/34 wurde das Lokal von der Münchner Paulaner Brauerei erworben, die später auch die Coburger Hofbräu kaufte. Über Jahrzehnte florierte die „Lore“, allerdings nagte der Zahn der Zeit arg an ihr: Küche und sanitäre Anlagen waren mittlerweile total veraltet, das Haus wurde 1990 geschlossen. Nach fünf Jahren führte die Brauerei eine Generalsanierung durch und die Gaststuben erstrahlten wieder in altem Glanz.

Seit 2012 ist das Traditionshaus wieder im Besitz eines Coburgers. Dieser ließ Gaststuben, Küche und Nebenräume stilecht renovieren. Mit Jakob und Tanja Stadlmeyer knüpfen erfahrene Wirtsleute an die Jahrhunderte alte Tradition und werden durch Freundlichkeit und Köstlichkeiten den legendären Ruf der „Lore“ stärken.

Gemäß dem einstigen Motto des Hauses: „Damit das Gute in Coburg erhalten bleibt!“

Anekdoten aus der Loreley

Von Amerika zur „Lore“
Georg Frommann übernahm 1852 das Wirtshaus “Herrnbeck“ von seinem Vater Phillip. Der Wirtssohn war in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts wie viele Coburger wegen der politischen Unruhen nach Amerika ausgewandert.

Seine Weltgewandtheit und der familieneigene Humor machten ihn bald zum gern gesehenen Wirt, der seine Gäste gut zu unterhalten verstand. So kehrten immer mehr Sänger, Schauspieler und Musiker beim „Herrenbeck“ ein – darunter die beiden Theatermaler Max und Gotthold Brückner, die auch für Richard Wagner in Bayreuth arbeiteten.

Den gepflasterten Hausflur, wo das Künstlervolk aus Platzmangel seinen Stammtisch zwischen den Mehlkästen abgestellt hatte, verschönerten die Brückner-Brüder eines Tages mit zwei Gemälden. Sie zeigten den Rhein, den Loreleyfelsen und die schöne Zauberin Loreley.

Bald sprachen die Coburger nur noch von der „Lore“. Acht Jahre darauf wurde der „Herrnbeck“ offiziell in „Loreley“ umbenannt.

Quelle: Ernst Eckerlein erzählt aus der Coburger Heimat,
             Verlag Coburger Blattla, 1981

Aschelang und Streichriemen
Schreinermeister Heinrich Angermüller aus dem Probstgrund wurde in der Lore nur „Aschelang“ genannt und vom Stammtisch „Streichriemen“ gerne auf die Schippe genommen.

Anstelle eines Spazierstocks hatte er immer einen Metermaßstab bei sich, den sogenannten „Säuriegel“.

Diesen Stock verkürzten seine Stammtischbrüder eines Tages heimlich, so dass alles, was der Schreiner danach anfertigte, zu kurz ausfiel.

Als er in der „Lore“ von seinem rätselhaften Missgeschick erzählte, dass eine maßgenau angefertigte Türe zehn Zentimeter zu schmal ausfiel, und auch seine Bestellerin, die „Gnädige Frau Madam“, sich dieses Kuriosum nicht erklären konnte, brach höhnisches Gelächter aus.

Zuerst hat sich der Schreinermeister mächtig geärgert, dann aber einige „Kärtla“ Bier „neigedunnert“ und den Streich des „Streichriemens“ verziehen.

Quelle: Louis Walter, Aus der Geschichte der Coburger Loreley,
             A. Roßteutscher, Coburg (um 1920)

Der Fettfleck des Barons
Zu den Stammgästen der „Lore“ gehörte Karl Freiherr von Roepert, Gardeleutnant a. D. und Ritter des Eisernen Kreuzes von 1870/71, ein Mann von unermesslichen Schulden, aber voller Humor, Einfälle und Schlagfertigkeit. Der in Coburg geborene „Roeperts Karl“ hatte eine steinreiche Braut und daher überall Kredit. Sein Verhängnis war, dass er als Adjutant während einer Theaterpause aus der

Loge einigen Bekannten im unverfälschten Dialekt zurief „Ihr Coborgar seid ah do“. Was seine Schwiegermutter in spe sah – und aus war es mit der guten Partie. Der Baron quittierte seinen Dienst und blieb zeitlebens Forstassessor in Herzogs Diensten mit einem Monatsgehalt von 125 Mark, das nie erhöht wurde, weil jede Mark darüber sofort gepfändet worden wäre.

Als er älter wurde, schlief er im Lokal oft ein und lehnte seinen Kopf an die Wand – so entstand in der „Lore“ eine Sehenswürdigkeit: der Fettfleck des Barons von Roeper.

Als eines Tages mal wieder übers Wetter gesprochen wurde, meinte er zu seinen Stammtischbrüdern: „Die Kelt in Coborg ist gar nix gegen die Kelt anno Siebzig in meim Quartier vor Paris. Vor lauter Kelt kunnt ich net eigeschlof und hob dabei immer a Gazisch gehört. Ich guck unner mei Bett, wos sah ich do? Die Flöh ham in mein Nachttopf Schlittschuh gfahrn.“

Quelle: Louis Walter, Aus der Geschichte der Coburger Loreley,
             A. Roßteutscher, Coburg (um 1920)

„Unner Anna“
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, zogen viele Stammgäste der „Loreley“ ins Feld. Nur die Alten trafen sich bei dem immer dünner werdenden Dämmerschoppen, besprachen den Ernst der Lage und freuten sich, wenn durch Feldpost Grüße in die „Lore“ kamen. Tief war die Trauer, wenn die Nachricht vom Tode eines Gastes eintraf. Immer größer und schmerzlicher wurden die Lücken und die Zahl derer, die nicht wiederkehren sollten.

Als Artillerist war auch Wirt Karl Rößler ins Feld gezogen. Seine Frau Anna hielt die „Lore“ mit bewundernswerter Energie über Wasser und schaffte es in den harten Jahren der Brot- und Fleisch-Zuteilungskarten immer wieder, den Gästen etwas Genießbares aufzutischen. Kam ein Front-Urlauber in die „Lore“ ließ sie ihm ihre

besondere Fürsorge angedeihen. Auch der Not im unteren Städtchen half sie oft und gerne ab. Dankte man ihr, erwiderte sie barsch: „Halt dei Guschn, mach dass de weiter kümmst!“

Groß blieb daher die Verbundenheit zur „Lore“. Das zeigte sich, als der Krieg zu Ende war: Schnell wurde die „Lore“ wieder zum gut gehenden Schanklokal mit dem größten Bierumsatz aller Coburger Wirtschaften. Zum 25jährigen Wirtsleute-Jubiläum spielte die Stadtkapelle, widmeten viele Gäste Lieder und Gedichte der „Lore“ und „unner Anna“. Selbst aus Italien, England und Amerika trafen Glückwunsch-Telegramme ein.

Quelle: Louis Walter, Aus der Geschichte der Coburger Loreley,
             A. Roßteutscher, Coburg (um 1920)

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Herrn Martin Rohm, der mir diese Unterlagen zur Verfügung gestellt hat.
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