Bayerische Wiesenbrüter kurz vor dem Aussterben

Bayerische Wiesenbrüter kurz vor dem Aussterben
Staatsregierung veröffentlicht Wiesenbrüteragenda – LBV fordert sofortige Umsetzungsoffensive sonst stirbt die erste Art 2020 aus

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Kiebitz
© Hans Clausen

Hilpoltstein – Egal ob Brachvogel, Uferschnepfe oder der frühere Allerweltsvogel Kiebitz. Die Bestände der Wiesenbrüter in Bayern sind in einem alarmierenden Zustand, denn alle zu dieser Vogelgruppe gehörenden Arten sind akut vom Aussterben bedroht.

Da seit Jahren für diese Vögel keine Trendwende zu erkennen ist, stellte die Bayerische Staatsregierung heute mit großer Verspätung die längst überfällige Wiesenbrüteragenda vor. So stellt diese zwar einen Handlungsleitfaden für einen erfolgreichen Schutz dar, „doch wenn die Instrumente nicht angewandt werden, dann haben alle unsere bayerischen Wiesenbrüterarten keine Chance mehr“, mahnt der LBV-Artenschutzreferent Dr. Andreas von Lindeiner. Der LBV fordert deshalb von der Staatsregierung: „Wenn wir nicht sofort verstärkte Anstrengungen unternehmen, dann ist die Uferschnepfe bis 2020 in Bayern ausgestorben.“

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Großer Brachvogel
© Andrea Hartl

Die Wiesenbrüter gehören zu der am stärksten gefährdeten
Vogelgruppe in Bayern
Fast alle dazugehörigen Arten wie Großer Brachvogel, Uferschnepfe, Rotschenkel, Bekassine, Wiesenpieper und Braunkehlchen stehen auf der Roten Liste 1 und sind vom Aussterben bedroht. „Die Bestandsentwicklung geht in den meisten Gebieten nach wie vor ungebremst nach unten, wie eine aktuelle Erfassung zeigt“, so Andreas von Lindeiner. Da es den betroffenen Arten sogar in den Schutzgebieten schlecht geht, fordert der LBV, Managementpläne für diese Gebiete zu erstellen und sie von Gebietsmanagern betreuen zu lassen, die mit allen Beteiligten umgehend die vorgestellten Schutzmaßnahmen umsetzen. „Ansonsten wird die Uferschnepfe bis 2020 in Bayern ausgestorben sein, und den anderen Wiesenbrüterarten wird es in den Folgejahren genauso ergehen“, erklärt der LBV-Biologe.

Kein Wunder also, dass Umweltministerin Ulrike Scharf bei der Vorstellung ihrer Agenda heute den „Wiesenbrüterschutz als Heimatschutz“ bezeichnete
 „Für eine so bedrohte Artengruppe sehen wir ein sofortiges Handeln der Staatsregierung deshalb auch als Verpflichtung, sonst nähme sie ihr eigenes Biodiversitätsprogramm nicht ernst“, fordert von Lindeiner. Dass keine Wiesenbrüterart mehr sicher ist und sich der Rückgang ungebrochen fortsetzt, zeigt auch die Tatsache, dass eine ehemalige Allerweltsvogelart wie der Kiebitz mittlerweile stark gefährdet ist.

Hauptgrund für den alarmierenden Rückgang der Wiesenbrüterarten
ist die zunehmende Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung. Dabei ist der negative Entwicklungstrend vielschichtig, und oft hängen die Gründe dafür zusammen.

Die wichtigsten Faktoren sind:

• Der Flächenanteil für Vertragsnaturschutzmaßnahmen wie Düngeverzicht oder festgelegte Mahdtermine, ist zu gering.

• Das von vielen Landwirten gewählte Management ist für den Schutz der relevanten Wiesenbrüterarten nicht geeignet, da z.B. Mahdtermine nicht art- und gebietsspezifisch gestaffelt festgelegt werden, sondern viele Flächen gleichzeitig gemäht werden.

• Der Anteil an geeignetem Grünland, v.a. artenreiche, magere Feuchtwiesen in den Wiesenbrütergebieten ist mittlerweile zu klein geworden.

• Der Wasserhaushalt der Feuchtwiesen ist massiv gestört, weil die meisten Flächen entwässert oder gar nicht mehr überschwemmt werden.

• Es finden oft intensive Störungen durch Freizeitaktivitäten wie durch freilaufende Hunde, Radler oder Jogger statt.

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Uferschnepfe
© Wolfgang Lorenz

In der Wiesenbrüteragenda wurden detaillierte Analysen der Bestandsentwicklung
des Bruterfolges und von Schutzinstrumentarien, wie die Einführung von Gebietsbetreuern, bestimmte Bewirtschaftungsmaßnahmen und deren Erfolgskontrolle vorgenommen. Diese zeigen jedoch, dass alle bisher durchgeführten Aktivitäten zu kleinflächig wirksam wurden und zum Schutz noch nicht ausreichend sind. Es gelingt damit nicht, die Populationen der meisten Wiesenbrüterarten zu halten oder zu verbessern. Dabei zeigen einzelne Maßnahmen und gebietsspezifische Ansätze wie das Anlegen feuchter Mulden, Wiedervernässung oder das Belassen von Brachstreifen durchaus Erfolg. „Daraus lassen sich wertvolle Hinweise bezüglich der erforderlichen Schutzmaßnahmen ableiten, die dann auch auf andere Gebiete übertragen werden können“, so von Lindeiner.

Nach 30 Jahren Erfahrung im bayerischen Wiesenbrüterschutz
reicht das angesammelte Wissen aus, um den hochbedrohten Arten effektiv zu helfen. Der LBV fordert die Staatsregierung deshalb auf, nun endlich im Sinne ihres Biodiversitätsprogramms 2030 eine umgehende Umsetzungsoffensive zu starten. „So sollten zunächst für die wichtigsten Wiesenbrütergebiete, die in der Mehrzahl sogar schon als EU-Vogelschutzgebiete ausgewiesen wurden, Managementpläne erstellt bzw. fertig gestellt, die Lebensräume verbessert und eine Gebietsbetreuung eingesetzt werden. Dazu müssen verstärkt das Vertragsnaturschutzprogramm im Sinne des Wiesenbrüterschutzes in diesen Gebieten abgeschlossen und ein Monitoring der Zielarten eingerichtet werden“, fordert Andreas von Lindeiner.

Weiterer Grund sind hohe Abschussquoten
Ein weiterer Grund für den enormen Schwund der bayerischen Wiesebrüter sind auch die hohen Abschusszahlen in Südeuropa. Dort werden jährlich jeweils eine halbe Million Kiebitze und Bekassinen und 40.000 Brachvögel zum Verzehr geschossen. „Der LBV wird auch hier versuchen, seine Bemühungen zur Reduzierung der Verluste auf dem Vogelzug und im Winterquartier zu verstärken, und auf europäische Initiativen zu drängen“, sagt Andreas von Lindeiner.

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