Der Herbst

Der Herbst
Ein Gedicht von Theodor Fontane


2015 © Ulrich Göpfert

Der Herbst

Nicht fürder sei dein Nachtgesell
der finstre Bursch “ der Schmerz;
raff dich empor, komm, löse
schnell der Kette klirrend Erz.
Ist, was ich bringe, was ich habe,
auch keine zarte Frühlingsgabe
ach, dennoch tröst ich dich und labe
dein hartgeprüftes Herz.

Schon hab ich für das weite Land
ein kostbar Kleid gewebt,
geöffnet schon die milde Hand
für alles, was da lebt.
Der Landmann sammelt in die
Scheuer, schon reift der Wein am
Felsgemäuer, schon glüht in ihm
vielleicht das Feuer, das deinen
Mut erhebt.

Wenn kaum der Tag im Osten lacht,
geht` s fröhlich auf das Feld, man
pflückt und erntet, bis die Nacht
in Dunkel hüllt die Welt.
Dann, wenn die Garben aufgeladen,
auf allen Wegen, allen Pfaden
ertönen Lieder und Balladen
von Freud und Lust geschwellt.

O komm, bevor auf Erden nur
die Macht des Winters haust, bevor
der Wind die Stoppelflur, den kahlen
Wald durchbraust. Bald hörst du
statt der Weste Kosen, nur noch
des Nordens Stürme tosen,
o komm! dass du die letzten Rosen
der Abendwolke schaust.

Die Lerche schweigt, und nur das
Lied der Drossel stört die Ruh,
die Schwalbe flieht, der Kuckuck
zieht dem warmen Süden zu.
O komm, bevor die Flocken stieben,
und von den Sängern, die vertrieben,
Rotkehlchen nur daheim geblieben,
verlassen - ach, wie du.

O komm, noch ist der Himmel blau,
mattgrünend noch die Flur,
bald schaust du Wolken, trüb und
grau, und schnee`ge Felder nur.
Die Ströme fluten in den Betten,
als könnte schnelle Flucht sie retten,
umsonst, umsonst! Bald schlägt in
Ketten der Winter - die Natur.

Ein Gedicht von Theodor Fontane


2015 © Ulrich Göpfert

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