Zum 175. Geburtstag von Heinrich Schaumberger

Der fränkische Dichter und Volkserzähler

Neu überarbeitet von Ulrich Göpfert

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Heinrich Schaumberger
Repro: Archiv Ulrich Göpfert

Weißenbrunn vorm Wald oder "Bergheim“, wie Heinrich Schaumberger es so poetische taufte, liegt in der leichten Senke einer Bodenerhebung zwischen der Itz und dem Nebenfluss Lauter im heutigen Bereich der Stadt Rödental. Diese Ortschaft spielte im Leben des fränkischen Dichters und Volkserzählers eine große Rolle.


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Weißenbrunn vorm Wald auch Bergheim genannt
Ilustration von Rudolf Köselitz
Repro: Archiv Ulrich Göpfert

Und so hat Heinrich Schaumberger von diesem Ort geschrieben
Die Umgebung unseres Dorfes ist von landschaftlicher Schönheit. Lässt man sich vollends die Mühe nicht verdrießen, an den oberhalb des Dorfes gelegenen Höhen des Linden- oder Koppelsberges ein Stück emporzusteigen, so gewinnt das Auge einen geradezu entzückenden Blick auf die in der Ferne vorbeiziehende Thüringerwaldkette mit dem seine Nachbarn überragenden "Bleßberg“ (hier entspringt die Itz). Unwillkürlich wird man an den großartigen Aufbau der bayerischen Voralpen erinnert. Zahlreiche Täler und Höhen, von buntleuchtenden Dörfchen und zerstreut liegenden Mühlen belebt, erfreuen das Auge.

Ja, unser Heimatdichter hatte Recht, wenn er schrieb: "Da unten im tiefen Grunde, da liegt ein Dörflein – so traut – gar klein – doch mir ist`s immer, ich hätte nichts Schöneres geschaut“.

Am 15. Dezember 1843, wurde der Heimatdichter Heinrich Schaumberger in einem Erkerstübchen des alten Schulhauses in Neustadt bei Coburg (jetzige Glockenbergschule) geboren. Michael Heinrich Schaumberger war ein echter Sohn des Volkes, und zwar des oberfränkischen. Sein Vater war der Lehrer und Kantor Georg Friedrich Schaumberger. Seine Mutter war das einzige Kind des Wagnermeisters und Landwirts Georg Nicol Heider in Weißenbrunn; Schaumberger nennt ihn in seinen Werken "Lichtennikele“. Eine Schilderung der zarten, sinnigen "Wagners Margaret“ ist nicht nötig; denn der Dichter hat sie in der Musikantengeschichte "Umsingen“ trefflich dargestellt. Besonders große Freude erregte die Geburt Heinrichs bei den Weißenbrunner Großeltern, die jetzt im Hause der Tochter aufwachsen sahen, was sie sich so oft vergeblich gewünscht hatten.

Mit Freigiebigkeit nahmen sich die Eltern der jungen Frau des Haushaltes an, namentlich der Großvater, der "Wagnersjörgnikel“, stattete im Schulhaus öfters seine Besuche ab und kam nie mit leeren Händen. Seinem Enkel ist er als ein ernster schöner Bauersmann in der Erinnerung geblieben.

In seinem zweiten Lebensjahr wurde Heinrich von einer bösen Augenkrankheit heimgesucht, die ihn zwei Jahre peinigte. Aus der ersten Zeit seines Lebens blieb ihm eine weiße, stille Kindergestalt im Gedächtnis, die eine Zeit lang auf dem Schoße der Mutter spielte und dann fort war. Es war sein Schwesterchen. Nach dem Sohn waren den Eltern noch zwei Mädchen geboren worden, die aber im Alter von 2 und 5 Jahren starben.

Heinrich Schaumberger war ein schüchternes Kind und hatte nichts von den Bubenkeckheiten der wilden Buben in der Nachbarschaft. Sein Vater der Kantor Georg Friedrich Schaumberger wurde im Jahre 1849 nach Weißenbrunn, der Heimat seiner Mutter versetzt. Hier wo die Großeltern Heinrichs ansässig waren und ihr Landgut bewirtschafteten, fühlte er sich erst richtig wohl.

Er hat Weißenbrunn stets als seine richtige Heimat betrachtet. Hier machte er seine stillen Beobachtungen und empfing die Eindrücke als heranwachsendes Kind und Jüngling, welche in seinen Werken zum Ausdruck kommen. Großen Schmerz erfüllt Heinrich Schaumberger, als seine Mutter im Jahre 1853 starb. Sie erlag einem Lungen- und Kehlkopfleiden. Ihrem Sohn hinterließ sie den Keim dieser Krankheit. In seinem Gedicht: "Warum ich`s liebe“? hat er seiner Mutter ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Heinrich wuchs unter der Obhut seiner Großeltern auf. Heinrichs Vater, der Lehrer und Kantor Georg Friedrich Schaumberger, hatte den Sohn sehr lieb, aber das Mahnwort: "Geh` fleißig um mit deinem Kinde“ war ihm fremd. So ließ er ihn mit anderen Dorfkindern des Öfteren in der Schule nachsitzen. Dafür durfte er sich im Haus und Hof seiner Großeltern ohne Einschränkung bewegen. Sehr gerne hat er auch die Kühe seines Vaters und der Großeltern auf der Weide gehütet. Seine glückliche Kindheit hat er mit aufmerksamen Augen durchlebt. Dies bezeugen die Kinderszenen in allen seinen Dichtungen. Die Erzählungen: "Eine Weihnacht auf dem Lande“ sowie "Im Hirtenhaus“ enthalten ergreifende Bilder von Freud und Leid eines Kinderherzens.

Für seine Weiterbildung war er sehr besorgt. Klavier- und Orgelspielen lernte er für sich bei nur sehr geringer väterlicher Unterweisung. Seinem Streben des Selbstlernens drohte mit dem Ende der Schulzeit auch das Aus. Sein Vater ließ ihm auf dem Hof nur gewöhnliche Knechte Dienste verrichten. Für Lesen, Schreiben und Musik blieben dem strebsamen jungen Mann nur gestohlene Minuten. Aus dieser Zeit stammt seine erste selbständige Arbeit, "Die Sage von der Zerstörung der Schaumburg bei Schalkau“.

Bis zu seinem 16. Lebensjahr blieb er auf dem Hof. Endlich, mit 17 Jahren am 27. Mai 1861, durfte er seinen Herzenswunsch, Lehrer zu werden, nachgehen und das Lehrerseminar in Coburg besuchen. Dort brachte er keine anderen Kenntnisse und Fertigkeiten mit, als die, die er sich selbst heimlich erworben hatte. Bei seiner vortrefflichen Begabung holte er in kurzer Zeit das Versäumte nach.

Besonders schwärmte der damalige Seminarist Schaumberger für Musik. Dieser blieb er bis zu seinem Lebensende immer treu ergeben. Nicht weniger begeistert zeigte er sich für die Orgel. Mit dem Notenbuch in der Hand und einigen Schuljungen als Balgtretern hinter sich, eilte er oft, in die Kirche um sich im Orgelspiel zu üben. Öfters vertrat er seinem Vater als Kantor beim Orgelspiel in der Kirche.

1864 nach seinem Abschluss am Coburger Lehrerseminar wurde dem jungen Lehrer die dritte Lehrerstelle an der Schule in Einberg übertragen. In dieser Zeit lernte er die Lehrerstochter Clara Bauer in Seidmannsdorf kennen und lieben. Er ging ganz auf in der Liebe zu seiner Angebeteten, die er noch in Einberg als Gattin heimführte. Um seinen jungen Hausstand durch ausreichende Mittel günstiger zu gestalten, bewarb er sich, und zwar mit Erfolg, um die Schulstelle in Ahlstadt auf den Langen Bergen. Diese Stelle trat er am Oktober 1866 an.

Doch sein Glück war von kurzer Dauer, ein weiterer harter Schicksalsschlag traf ihn. Seine junge Gattin verstarb im Kindbett. Der Schmerz über den schweren Verlust drückte ihn so tief nieder, dass er selbst durch die teilnahmsvollsten Zusprachen seiner Freude, kaum Mut fasste zum Weiterleben. Erst die Wahrnehmung, dass ihm seine Frau einen Sohn mit Namen Carl hinterlassen hatte sowie der Gedanke an den weiteren Ausbau seiner Schule, lehrten ihn, sich allmählich in das Unvermeidbare zu fügen. In diese trübe Lebensperiode Heinrich Schaumbergers entstanden die Gedichte: "Sehnsucht und Gelübde“ sowie "Trost“. In diese Zeit fällt auch der Tod seines Vaters im März des Jahres 1869 in Weißenbrunn. Dieser erlag – erst 48 Jahre alt – einem rheumatischen Leiden. Dadurch war die Lehrerstelle in Weißenbrunn neu zu besetzen und da Heinrich Schaumberger der Ruf eines gewissenhaften und tüchtigen Lehrers voraus ging, wurde ihm die Stelle übertragen.

Diese Ortsveränderung war für seine wunde Seele wie Balsam. Hier, in dem beschaulichen Ort nahe des Froschgrundes begann ein neuer, wohl der wichtigste und schöpferischste Lebensabschnitt für den Lehrer und Dichter. Hier entstanden seine wichtigsten Werke: "Im Hirtenhaus“ im Jahre 1873 und "Vater und Sohn“ 1874 sowie "Die Bergheimer Musikanten“.

In Weißenbrunn seiner neuen Stelle, lebte noch Heinrich Schaumbergers Großmutter, die alte "Wagners Christel“ oder Lichten Christel“. Als Geistlicher wirkte hier der Pfarrer Oskar Bagge, der den geistigen Wert des jungen Lehrers rasch erkannte.

Durch seine gründliche, wissenschaftliche Bildung, sein feines Kunstverständnis und die strenge Schulung seines Geistes übte Pfarrer Bagge nachhaltigen Einfluss auf den jungen Lehrer Heinrich Schaumberger aus.

Pfarrer Bagge, war unter dem Namen "Josias Nordheim“ ein bekannter Volksschriftsteller. Hier fanden zwei harmonische Seelen in anregenden Gesprächen rasch zueinander. Es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zu dem Geistlichen Oskar Bagge. So war es nicht verwunderlich, dass das Pfarrhaus zur zweiten Heimat von Schaumberger wurde. Hier verliebte er sich in die dritte von fünf Töchtern des Pfarrers, Magdalene Bagge.

Leider mischte sich in das Glück des Paares eine trübe Aussicht für die Zukunft, denn bei Heinrich Schaumberger hatten sich schon wiederholt drohende Anzeichen eines heranschleichenden Hals- und Lungenleidens bemerkbar gemacht. Statt bald in den Hafen der Ehe einzulaufen, musste er auf ärztliches Anraten der Schule fernbleiben und war gezwungen den Höhenluftkurort Davos in Graubünden aufzusuchen.

In wenig gebessertem Zustand kehrte er nach 10 Monaten wieder nach Weißenbrunn zurück. Hier hielt er nach seiner Rückkehr am 26. Mai 1872 Hochzeit mit seiner Braut Magdalene Bagge. Nachdem er seine Braut vorher nochmals auf die schwere seiner Krankheit hingewiesen hatte, war sie dennoch bereit für ihn und sein Kind jedes Opfer zu bringen. An eine Wiederaufnahme seines Lehrerberufes war bei der Heiserkeit, die sich eingestellt hatte nicht mehr zu denken. Die fortschreitende Krankheit zwang ihn abermals zur Abreise nach Davos. Dieses Mal begleitete ihn seine Gattin. Am 10. August 1872 verließ er seine ihm ans Herz gewachsene liebe Heimat – diesmal für immer.

Die Lebensgeschichte Heinrich Schaumbergers wird von nun an zur Leidensgeschichte. In mehreren Zeitabständen wurde er von Blutstürzen mit argem Husten befallen; häufiges Kopfweh, belästigendes Husten lösten sich mit Fieberanfällen ab und verzehrten seine Körperkräfte. Aber sein Geist war lebendiger denn je. Mit einer bewundernswerten Willensstärke arbeitete er an der Ausgestaltung der in ihm aufquellenden Stoffe. Das Jahr 1873 bildete die eigentliche Schaffenszeit des Dichters, in der sich sein Talent rasch zur Blüte entfaltete.

Einen weiteren schweren Schicksalsschlag musste er am 31. März des Jahres 1873 hinnehmen, als sein Schwiegervater der Pfarrer Oskar Bagge mitten im Tischgebet – aufgrund eines Gehirnschlages – tot zu Boden sank. Er wurde nur 59 Jahre alt.

Im Herbst desselben Jahres brachte die Schwägerin Elise Schaumbergers fünfjährigen Sohn nach Davos, wodurch dem leidenden Vater eine große Freude bereitet wurde. Er und seine Angehörigen hofften noch immer auf seine Genesung.

Am 23. Februar 1874 erhielt er seinen Dorfroman "Im Hirtenhaus“ als Buchform. Groß war seine Freude – die letzte seines schnell zu Ende gehenden Lebens. Der Tod hatte seine Zeichen vorausgeschickt; seine Kraft reichte nicht mehr um sich zu wehren. Noch auf dem Totenbett überbrachte man ihm die frohe Nachricht vom Erscheinen seines Lehrerromans "Fritz Reinhardt“ und seines Werkes "Zu spät“.

Sein letztes Gedicht hat folgenden Wortlaut: "Ein herbes Los ist mir beschieden, im Lenz klingt mir das Leben ab, ich finde keinen anderen Frieden als dort im stillen dunklen Grab. Den Frieden wohl möchte ich gewinnen, doch eh` die Scheidestunde naht, möchte ich noch manches Werk beginnen, vollbringen manche ernste Tat“!

Am 16. März 1874 um 9:30 Uhr vormittags schloss Heinrich Schaumberger im Alter von nur 31 Jahren für immer die Augen.

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Diese Büste von Heinrich Schaumberger
steht im Heimatmuseum in Weißenbrunn vorm Wald
Foto: © Ulrich Göpfert

Die große Liebe zu seiner Heimat und den Menschen, deren Charaktere er meisterlich in seinen Geschichten schilderte, seine großartige Beobachtungsgabe, die einzigartigen Naturbeschreibungen geben seinen Erzählungen und ihren Personen erst die Echtheit, die den Leser immer wieder gefangen nimmt. Die Hinweise auf die soziale Lage der Menschen und die Detailbeschreibungen des Lebens auf dem Lande geben durch die Werke und Erzählungen des Fränkischen Dichters und Volkserzählers Heinrich Schaumberger ein genaues umfassendes Bild dieser Zeit…

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