"Unterwegs im Revier"

Beobachtungen am Hamsterbau
vom Frühjahr bis zum Winter

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Foto: Archiv © Ulrich Göpfert

Auf der Wintersaat äst im zeitigen Frühjahr ein Rudel Rehe; am Feldrand ist eine kurze Auseinandersetzung zweier Kaninchen zu beobachten. Eines kommt dem anderen zu nahe, das daraufhin wie ein Blitz auf den Störenfried losfährt; ein Kampf scheint unvermeidlich. Doch da macht das angegriffene Tier einen genau berechneten Luftsprung und der Angreifer flitzt, sein Ziel verfehlend, unter ihm durch. Eine wahrhaft elegante Lösung des Konfliktes!

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Foto: Archiv © Ulrich Göpfert

Am Feldrain liegt, zwischen Grasblüten geborgen, ein Hamsterbau. Aus dem ungewissen Dunkel der Einfahrt taucht plötzlich ein munteres Köpfen auf. Das Weibchen sichert kurz und wandert dann ins Feld hinaus, um vom frischen Klee zu fressen. In der Nähe prüft ein kräftiges Männchen, wie ein kleiner Bär auf den Hinterbeinen stehend, die Luft. Es nahm die Witterung des Weibchens wahr. Jetzt kann man die wichtigsten Phasen der Anpaarung beobachten. Zunächst duftmarkiert das Männchen das fremde Gebiet und nimmt es so in seinen Besitz.

Darauf läuft es auf das Weibchen zu, das anfangs abwehrt und flüchtet. Als ausgesprochene Einzelgänger bewahren die Tiere auch bei der Paarbildung eine gewisse Scheu voreinander. Das Männchen folgt dem Weibchen mit einem leisen, stimmlosen "Fff-fff-fff", einem leichten Schnaufen vergleichbar. Nach kurzer Verfolgung bleiben beide stehen, richten sich auf und beschnuppern einander. Die Tiere sind vorsichtig und lassen keine gegenseitige Berührung zu! Dann läuft das Paar zum Bau, wo das Weibchen mit dem Freilegen einer Röhre beginnt. Eifrig scharrt es mit den Vorderbeinen die Erde unter den Bauch und schiebt sie dann mit den Hinterbeinen weiter rückwärts. Bald wird das Paar im Bau verschwinden.

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Foto: Archiv © Ulrich Göpfert

Ganz in der Nähe bewegt sich plötzlich das Erdreich. Ein spitzes, bewegliches Schnäuzchen taucht auf und gleich darauf schiebt sich ein Maulwurf ans Tageslicht. Der walzenförmige, gedrungene Körper, die zu kräftigen Grabschaufeln umgewandelten Vorderbeine und die nahezu verkümmerten Augen verraten seine unterirdische Lebensweise. 

Inzwischen ist etwa ein Monat vergangen. Die Saat steht schon hoch. Hungrig sperren junge Lerchen der fütternden Mutter die Schnäbel entgegen. Auch im Hamsterbau ist es lebendig geworden. In dem sorgsam ausgepolsterten Nest säugt das Weibchen gerade die Jungen, die sich ungestüm um das Gesäuge drängen und mit ihren stumpfen Schnäuzchen im Fell der Mutter bohren. Die erst zwölf Tage alten Tierchen sind noch blind, doch kleidet sie bereits ein kurzhaariges, buntes Fellchen. An den Körperseiten sieht man deutlich die dunklen Flankendrüsen.

Nach kurzer Zeit deckt das Weibchen die Jungen vorsorglich mit Nestmaterial zu und verläßt den Bau. In der Nähe steht, vom üppigen Gras nahezu bedeckt, ein acht Tage altes Rehkitz. Noch sind dessen Beinchen für eine Flucht zu schwach, deshalb drückt es sich bei Gefahr regungslos in sein Versteck, getarnt durch das weißgesprenkelte, braue Fell, das die Gestalt des Tieres mit seiner Umgebung verschmelzen läßt. Unser Hamsterweibchen wandert auf das Nest einer Lerche zu, die gerade ihre Brut füttert, nun aber unruhig wird und auffliegt.

Es ist zu befürchten, dass sich der Hamster an den kleinen Vögeln vergreifen könnte, doch scheint er diesmal keinen Appetit auf Fleisch zu haben. Nach kurzem Beschnuppern wendet er sich ab und geht seines Weges. Mittlerweile krabbelt im Hamsterbau eines der zwölftägigen Jungen in die Vorratskammer, um von dem eingelagerten Futter zu naschen. Mit seinen weißen Pfötchen hält es den Futterbrocken und beißt kleine Stücke ab. Die Geschwister fressen im Nest. Gesättigt kriecht der Junghamster zurück. Seine Bewegungen sind noch ungelenk und langsam, doch findet er sicher seinen Weg. Dass Hamster schon als blinde Jungtiere selbständig zu fressen beginnen und dabei orientiert im Bau herumlaufen, ist eine Besonderheit dieser Art.

Zwei Ziesel verlassen den Bau. Eines davon läuft wieder zurück, während das andere nach wenigen Schritten sichert, denn über dem Feld kreist ein Turmfalke. Das Ziesel warnt und stürzt kopfüber in die Röhre. Auch unser Hamsterweibchen hat die Gefahr wahrgenommen und verschwindet eilig im Bau. Es läuft zuerst schnurstracks in die Vorratskammer, als wüsste es, dass hier zwei kleine Ausreißer beim Fressen sind, und holt sie einzeln ins Nest zurück. Ganz vorsichtig fasst es die Jungen mit dem Maul. Diese verfallen in eine Tragstarre und lassen sich widerstandslos transportieren. Im Nest legt sich die Alte über die Brut und schläft beruhigt ein.

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Foto: Archiv © Ulrich Göpfert

Etwa zwei Wochen später steht das hohe, frühsommerliche Getreide wie eine schützende Wand hinter der Einfahrt zum Hamsterbau. Noch ist dort alles ruhig. Plötzlich taucht ein kleiner Hamster auf, sichert kurz und läuft ins Freie, um aber nach kurzer Strecke wieder umzukehren. Gleich darauf späht das kleine Köpfchen wieder neugierig aus dem Eingang. Aus dem unbeholfenen Säugling ist in der kurzen Zeitspanne ein flinkes, munteres Kerlchen geworden, das mit wachen Augen um sich blickt. Auch im Bau krabbeln die Jungen lebendig umher.

Nur einige schlafen auf dem Rücken liegend, die weißen Beinchen in die Luft gestreckt. Inmitten dieses Idylls sitzt das Hamsterweibchen und putzt mit den Pfoten eifrig sein Schnäuzchen. Danach verlässt das Weibchen von einem Jungen begleitet, den Bau und hamstert Breitwegerich. Mit beiden Pfoten schiebt es die abgebissenen Blätter schnell in die Backentaschen, die prall gefüllt sind, und läuft zurück. Am Bau wartet die Alte auf das langsamer folgende Junge und fährt dann erst ein. Das gehamsterte Futter entleert sie im Wohnkessel, wo die hungrigen Jungen bereits darauf warten. Gleich danach zieht sie noch einmal aufs Feld.

Mit der Zeit wird die Kinderschar selbständig, zeitweise verlässt die ganze Familie den Bau. Aus einem benachbarten Steinhaufen taucht ein Hermelin im braunen Sommerkleid auf. Windend und spürend sucht er nach Beute und entdeckt dabei einen der Junghamster, der das Raubtier erkennt und sogleich flüchtet. Das schnelle Wiesel folgt ihm aber bis in den Wohnkessel. Hier stellt sich der Hamster laut drohend auf und springt mutig den näherschleichenden Feind im Gegenangriff an. Es hilft ihm aber nichts. Mit der allen Mardern eigenen Gewandtheit fasst ihn das Hermelin im Nacken und würgt ihn ab.

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Die Erntezeit ist gekommen
Foto: Archiv © Ulrich Göpfert

Ein Hamster läuft über das Stoppelfeld und hält Nachlese. Zwei etwa zwölf Wochen alte Jungtiere ziehen mit beiden Pfoten die Ähren zu sich hin und beißen sie ab. Wenn sie dann Körnchen für Körnchen herauslösen, halten sie mit ihren "Händen" die Ähren fest wie das Eichhörnchen den Fichtenzapfen, die Spelzen fallen zu Boden.

Beim weiteren Rundgang im Revier werden wir Zeuge eines erbitterten Hamsterkampfes, der damit endet, dass eines der beiden Männchen in Abwehrstellung, mit weit gespreizten Vorderbeinen auf dem Rücken, liegenbleibt. Die in der Nähe erntenden Junghamster lassen sich jedoch wenig stören und sammeln eifrig weiter. Einer versucht sogar, eine halbe Ähre in die Backentasche zu stopfen, was ihm aber nicht gelingt, und so wechselt er schließlich mit der unausgelösten Ähre zwischen den Zähnen zum Bau.

So vergeht der Herbst, erfüllt von reger Erntearbeit. Wenn dann der Winter sein weißes Tuch über die Felder breitet, ziehen sich unsere Hamster ganz in ihre Behausung zurück. Dort sehen wir die zusammengekauerten Hamster im Nest. Die Gänge sind mit Erde verstopft und die Vorratskammer ist gefüllt. Hier verschlafen die Hamster die längste Zeit des Winters. Und so schließt sich auch der Jahreskreis im Revier.

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