Die Spinn- bzw. Lichtstuben

Die Spinn- bzw. Lichtstuben in früherer Zeit
Sie waren Garant für Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn in den Dorfgemeinschaften


Das Reichenbach-Haus (Heimatmuseum) in Grub am Forst

Die Vortragsveranstaltung über die Spinn- und Lichtstuben in früherer Zeit von der VHS Coburg im Reichenbach-Haus in Grub am Forst war Anlass, das das "Heimatmuseum "fast aus allen Nähten platzte. Es waren weit mehr Interessierte zu diesem Vortrag in das Reichenbach-Haus nach Grub am Forst gekommen als erwartet. Der freie Journalist Ulrich Göpfert aus Dörfles-Esbach konnte dazu von der Volkshochschule Coburg als Dozent gewonnen werden.


Der Eingang am Reichenbach-Haus

Begrüßt wurden die Besucher dieser Veranstaltung vom 1. Vorsitzenden des Fördervereins Heimatpflege, Dieter Pillmann und 2. Vorsitzenden Klaus Engelhardt. Ihre Freude über den zahlreichen Besuch brachten der Geschäftsführer der VHS Coburg, Rainer Maier und die Leiterin der Außenstelle Grub/Niederfüllbach, Johanna Wickel zum Ausdruck.


Ein echtes Spinnrad und viele andere Gerätschaften
kann man im OG des Reichenbach-Hauses anschauen

Mit dem Gedicht "Auf dem Dorf in den Spinnstuben“ begann Ulrich Göpfert seinen Vortrag: "Auf dem Dorf in den Spinnstuben sind lustig die Mädchen. Hat jedes seinen Herzbuben, wie flink geht das Rädchen! Spinnt jedes am Brautschatz, dass der Liebste sich freut. Nicht lange, so gibt es "Ein Hochzeitsgeläut“! Keine Seele, die mir gut ist, kommt mit mir zu plaudern; gar schwül mir zu Mut ist, und die Hände zaudern. Und die Tränen mir rinnen leis` übers Gesicht. Wofür soll ich spinnen, ich weiß es ja nicht!“


Eine Schlafkammer aus früheren Zeiten kann man
ebenfalls im OG des Heimatmuseums besichtigen

In der Zeit der langen Abende in den Herbst- und Wintermonaten – die Landleute sagten, es sei die schönste Zeit des Jahres für sie – waren die Spinn- oder Rockenstuben der Treffpunkt der Landjugend zur Erholung und Kurzweil. Wenn es draußen langsam kalt und stürmisch wurde und die Dörfer sich äußerlich verlassen still zeigten, regte es sich in den Häusern immer mehr. Von Allerheiligen bis Mitte März hielt die Jugend ihre Spinnstuben, meist im "Dorfhaus“. Sobald es dunkel wurde, die Arbeiten im Haus und Stall verrichtet waren, legten die Mädchen ihren Sonntagsstaat an. Das schönste bestickte seidene Rockenband aus Großmutters Truhe wurde um den blühendweißen Flachsrocken geschlungen und das zierlich geschnitzte und sorgfältig bemalte Spinnrädchen eingepackt. "Auf ging`s zur Spinnstum“. Das Gesellige trat neben der Spinnarbeit besonders hervor. Es wurde unterhalten, es wurden Geschichten erzählt, Gesellschaftsspiele veranstaltet, es wurde gesungen und getanzt.


Ulrich Göpfert bei seinem Vortrag über die
Spinn- bzw. Lichtstuben in früherer Zeit

War das Spinnen so zwischen 9 und 10 Uhr abends zu Ende, wobei während der Arbeit meist Gespräche um Ereignisse und die öffentliche Meinung des Dorfes geführt wurden, kam den hergebrachten Spielen in der Spinnstube nun besondere Bedeutung zu. Die Burschen kamen meist schon während der Spinnarbeit in die Spinnstube und machten sich durch mancherlei, oft übertriebene Neckereien bemerkbar. Wenn einer Spinnerin beim Treten des Rades ein Faden riß, so nahm ihr ein Bursche den Rockenkürsel ab, den sie durch einen Kuß wieder auslösen musste. Manche Burschen hingen die Treter am Spinnrad ab, versteckten sie, oft auch das ganze Spinnrad; dies geschah auch gerne auf dem nächtlichen Heimweg der Spinnstubenmädchen.



Eine Atmosphäre wie in der Spinnstube herrschte bei
dieser Vortragsveranstaltung im Reichenbach-Haus

Waren die Spinnstuben von Burschen und Mädchen getrennt, so schlichen sich die Burschen oft in das Haus der Mädchenspinnstube ein und holten sich die Hutzeln (Dörrobstschnitzel) und Kuchen, die zur Bewirtung hergerichtet waren. Wurden die Burschen dabei von den Mädchen erwischt, wurden sie mit Ruß geschwärzt. Hierher gehören noch andere Ungereimtheiten der Burschen, so das Ausheben der Fensterläden am Spinnstubenhaus, das Verwirren der im Hausflur von den Spinnstubenteilnehmerinnen hingestellten Holzschuhe und noch viel mehr anderer Unfug standen auf der Tagesordnung.


Rainer Maier der Geschäftsführer der VHS Coburg
schenkte dieser Veranstaltung seine Aufmerksamkeit
und regte zu Fragen und Diskussion an

Unter den Teilnehmern der Spinnstuben war meistens einer der Mundharmonika spielen konnte. Oft fand sich auch ein Ziehharmonikaspieler. Die Hausmusik wurde auf diese Art gepflegt. Es gab nur wenige öffentliche Tanzveranstaltungen, deshalb bot die Spinnstube eine gute Gelegenheit, die ersten Tanzschritte zu versuchen. Zu den öffentlichen Tanzveranstaltungen hatte übrigens nur Zutritt, wer schon 18 Jahre alt war. Wer es schon früher probierte, musste damit rechnen, vom Tanzboden verwiesen zu werden.


2005©Michael Pilipp

Eine besondere Bedeutung hatte die Spinnstubengeselligkeit für die Pflege der Überlieferung des Liedgutes. Immer wieder wird von Sammlern des 19. Jahrhunderts auf den hohen Wert der Spinnstuben als Gemeinschaftsstätte für das Leben des Volksliedes hin- gewiesen. Das Schwinden des Liedgutschatzes wird darum vielfach auf den Verfall der Spinnstuben zurückgeführt. Viele Spinnstubenangehörige, vorwiegend Mädchen, legten sich eigene Liederhefte an, die wichtige Quellen des Volksliedsingens im 19. Jahrhundert geworden sind, da sie vor allem auch einen Überblick geben über das in einer Spinnstubengemeinschaft zu einer bestimmten Zeit lebendige Liedgut, andererseits spiegeln sie auch den Wandel und Wechsel des Liedgutes in den einzelnen Jahrzehnten sehr gut wider.

Die Funktion der Spinn- bzw. Lichtstuben ging weit über die Produktion von Textilien hinaus. Sie stellten eine kollektive moralische und "Sozialisationsinstanz“ dar, in der Sitten und Gebräuche eingeübt und Verstöße gerügt wurden. Die in der Spinnstube gefertigten Brautgaben z. B. gaben Auskunft über das soziale Ansehen einer Braut. Weiter galten sie als "kritisches Forum der dörflichen Öffentlichkeit“. Zentral war die Rolle der Spinnstuben als Ort jugendlicher Sexualkultur. Die Spinnstuben, die im Laufe eines Abends nach festen Regeln von der männlichen Dorfbevölkerung aufgesucht wurden, hatten "soziale Funktionen innerhalb des umfassenden Brauchs der Eheeinleitung und Partnerwahl.“

Die weltliche und kirchliche Obrigkeit versuchte, die oftmals als "Lasterhöhlen“ angesehenen Spinnstuben unter ihre Kontrolle zu bringen. Lange Zeit hindurch waren die Spinn- und Strickstuben "aus sittlichen Gründen wegen der Gefahr von Völlerei und Unzucht“ von den weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten mit Verboten belegt. Auch in manchen Dorfordnungen befanden sich Spinnstuben-Verbote. Eine Kostprobe daraus: "Da nun diesem Unfuge nicht weiter nachgesehen werden kann, weil in solchen Spinnstuben gewöhnlich "Zoten“ gesprochen, Lieder schlüpfrigen Inhalts gesungen, getanzt, unnütze Spiele gespielt und auch beim Auseinandergehen Unzucht getrieben wird, wodurch die Dienstboten nicht nur, statt zu spinnen und zu arbeiten, ihrer Herrschaft die Arbeit entziehen, sondern auch die allgemeine Sittenverderbnis aus dem Lande zunimmt, so wird hierdurch angewiesen:

1. Den Untertanen und Einwohnern auf dem Lande das Halten der Spinnstube bei einem Reichsthaler Strafe zu untersagen, und.

2. dem Gesinde das Besuchen der Spinnstube bei 24-stündiger Gefängnisstrafe nach Analogie des § 72 der Gesinde-Ordnung zu verbieten und den Dorfgerichten aufzugeben, auf die Befolgung dieser Ordnung zu halten, sowie auch die Gendarmerie davon zur Aufsicht in Kenntnis zu setzen.“

 

Die Zeit des Spinnstubengehens im Winterhalbjahr war auch landschaftlich und dörflich genau geregelt. Die gewöhnliche Dauer war von Kirchweih bis Ostern. In den zwölf Nächten herrschte völlige Arbeitsruhe. In der Spinnstubenzeit fielen allerlei kleine Feste an, die in der stillen Winterzeit Akzente gaben. Nikolausfeier, Silvesterabend und vor allem die Fastnacht sind zu nennen, die vielfach von der Spinnstube her gestaltet wurden, oft verbunden mit Schmaus und Trank und manchem Gabenwesen. An Ostern gingen die Burschen Ostereier sammeln, die ebenfalls in der Spinnstube gemeinsam verzehrt wurden. Festlich wurde auch der Abschluß der Spinnstube im Frühjahr begangen. Lichtauslöschen, Lichtbegraben, Spinnstubenräuchern hießen unter anderem einige Bezeichnungen dieser so genannten Abschlußfeste. Die Formen der Bewirtung, die die Spinnstubenarbeit abschloss, waren sehr mannigfaltig in den einzelnen Gebieten.

Die Spinnstubengemeinschaft zerfiel aber nicht mit dem Abschluß dieser winterlichen Zusammenkünfte, sie blieb den Sommer über wirksam, bei Tanz und anderen öffentlichen Zusammenkünften, sie wurde zur Lebensgemeinschaft, nahm Anteil an allen Ereignissen der Angehörigen, bei Hochzeit und Tod. Die Spinnstuben wurden bedeutungslos, als der Flachsanbau verschwand; sie blieben jedoch in geselliger Hinsicht dann als Strickstuben bestehen. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren sie ein Mittelpunkt der dörflichen Geselligkeit.

Heute gibt es keine solchen Spinnstuben mehr. Die Spinnräder und Rocken, die Hecheln und Haspeln sind selber eingesponnen von Staub und Spinnweben auf den Dachböden der Bauernhäuser. Einen Webstuhl findet man im ganzen Dorf nicht mehr. Heute schnurrt in den Bauernhäusern kein Spinnrad mehr. Dafür hat man jetzt in jedem Haus Radio und Fernseher, diese schnurren und surren fast den ganzen Tag, dass man oft sein eigenes Wort nicht versteht! Es ist sehr schade, dass diese schöne Tradition der Spinnstuben heute nicht mehr besteht, sie waren Garant für Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn in den Dorfgemeinschaften.

Vielleicht lebt diese schöne Tradition eines Tages wieder auf. Denkbar wäre auch eine etwas andere neuzeitliche Form. Es wäre wünschenswert. Zur großen Freude der Gäste im Reichenbach-Haus erzählte der Autor Ulrich Göpfert im Anschluss an sein Referat noch die Sage von der "Spinnera“, die sich in Watzendorf im Itzgrund zugetragen hat. Wie mir von Johanna Wickel berichtet wurde, trifft sich ein so genannter "Spinnstubenkreis“ jeden 2. Dienstag im Monat im Reichbach-Haus in Grub am Forst zu einem geselligen Abend. Wer Interesse hat, ist dort jederzeit willkommen.

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