Die Lust an der Lästerung – Bildpolemik zur Zeit der Reformation

Sonderausstellung
Die Lust an der Lästerung – Bildpolemik zur Zeit der Reformation
14. Juni bis 08. September 2013 in den Kunstsammlungen der Veste Coburg

Eröffnung: Donnerstag, 13. Juni 2013, 18.30 Uhr mit einem Vortrag von Prof. Dr. Gerd Schwerhoff, Dresden, über „Die Lust an der Lästerung – ein christliches Erbe?“

Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Toleranz und Blasphemie lohnt sich ein Blick in die Geschichte der Bildpolemik zur Zeit der Reformation.


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Matthias Gerung (um 1500-1568) oder David de Negker
(tätig um 1545 - 1587)
Spottblatt auf die katholische Geistlichkeit
Holzschnitt, koloriert,  Inv.-Nr. I,349,10a
© Kunstsammlungen der Veste Coburg



Bilder spielten im Zeitalter der Glaubenskämpfe eine wichtige Rolle. Zum einen setzte sich Martin Luther kritisch mit dem Bildgebrauch der Kirche auseinander und entwickelte eigene Bildtypen, die seiner neuen Lehre besonders entsprachen, zum anderen benutzten sowohl Lutheraner als auch Papisten Bilder, um einander zu kritisieren oder mit Spott zu überhäufen.

Begünstigt wurde die bildliche Auseinandersetzung mit Andersdenkenden durch das neue Medium der Druckgraphik, die, was ihre Verbreitungsgeschwindigkeit und oft auch ihre Anonymität betrifft, für die damalige Zeit so etwas war wie heute das Internet.

Mit 65 Exponaten aus der eigenen Sammlung, vom delikaten Flugblatt bis zum Kanonenrohr aus Bronze, ergänzt um einzelne interessante Leihgaben, gibt die Ausstellung einen Einblick in die Artikulation von Meinungsgegensätzen in Bildern zur Zeit des 16. und frühen 17. Jahrhunderts. Mit einigen polemischen Bildern aus den Satiremagazinen TITANIC und CHARLIE HEBDO zu Religion und Kirche in der Gegenwart werden aktuelle Facetten des Themas „Lust an der Lästerung“ (Gerd Schwerhoff) vor diesem historischen Hintergrund reflektiert.

Wenige Jahre nach Luthers Thesenanschlag 1517 und kurz nach dem Erscheinen seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ 1520 begann der Kampf für und gegen die Reformation mit dem Mittel der Bildpropaganda.

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Werkstatt des Lukas Cranach (1472 - 1553)
Bauern verrichten ihre Notdurft in die Papst-Tiara,
um 1545 aus einer Folge dem Titel
"Abbildung des Bapsttum" von Martin Luther
Holzschnitt und Typendruck, Inv.-Nr. XIII,42,74
© Kunstsammlungen der Veste Coburg

Die reformatorische Bildpolemik bediente sich anfangs auch einiger bereits aus dem Mittelalter bekannten Motive, etwa des Bildes der auf dem Weg ins Höllenfeuer befindlichen Würdenträger der Kirche. Luthers „Passional Christi und Antichristi“, zu dem Cranach papstkritische Illustrationen beisteuerte, basierte auf einer Vorstellung von einem Widersacher Christi, wie sie schon im Neuen Testament niedergelegt war.

Sehr schnell erweiterte sich im Kampf um den „richtigen“ Glauben das bildliche Vokabular um Motive der Lästerung des Papstes, der Bischöfe und des Mönchtums, und ließ den Willen zur Verunglimpfung und Beleidigung in drastischen Formen erkennen. Verwünschungen, Zoten, Tiervergleiche und Fäkalien kamen ins Spiel.

Die Gegenreaktion von katholischer Seite ließ zunächst auf sich warten. Anfangs konnte die römische Kirche, auch an Orten, die sich bereits der Reformation angeschlossen hatten, noch gegen die papstfeindliche Bildpropaganda vorgehen, indem sie Drucker und Verleger vor Gericht zur Verantwortung ziehen ließ. Das Mittel der Zensur verlor aber im Deutschland der Reformation bald an Wirksamkeit.

Mit Beginn der Gegenreformation gewann auch die antireformatorische Bildpropaganda an Boden, blieb aber sowohl an Umfang und Schärfe hinter den Maßnahmen der Reformation zurück. Sie konzentrierte sich in erster Linie auf Angriffe gegen Martin Luther, dem sie Unaufrichtigkeit vorwarf oder einfach nur Fress- und Sauflust unterstellte. Die auf Andreas Bodenstein gen. Karlstadt zurückgehende Bilderstürmerei wurde von der gegenreformatorischen Propaganda des 17. Jahrhundert im Machtbereich der römischen Kirche gelegentlich auch dazu benutzt, gewalttätiges und brutales Vorgehen gegen Reformierte zu rechtfertigen.

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Streitende „Flacianer“
Detail von einem Geschützrohr für Kurfürst August von Sachsen (1526-1586),
sog. Flacianerkanone, 1570/1571, Bronzeguss, Inv.-Nr. G.001
© Kunstsammlungen der Veste Coburg

Die Verächtlichmachung von Reformatoren kam aber auch aus den eigenen Lagern, nachdem sich die Bewegung noch zu Luthers Lebzeiten in verschiedene Richtungen aufgespalten hatte. Der fundamentalistische Lutheraner Matthias Flacius beispielsweise fand sich als Spottfigur auf einer durch Kurfürst August von Sachsen gegossenen Kanone wieder, von der nur noch ein einziges Exemplar in Coburg existiert.

Die Ausstellung versteht sich auch als Beitrag zum Thema „Toleranz“ im Rahmen der Lutherdekade. Zugleich mit dem Entstehen der Toleranzidee im 16. Jahrhundert entfaltete sich ein breitenwirksamer, polemisch geführter Bilderstreit, der von Lästerung, dem Transport von Klischees und dem Schüren von Vorurteilen geprägt war.

Weitere Informationen

Kunstsammlungen der Veste Coburg

Öffnungszeiten: täglich 9.30 Uhr – 17 Uhr

Eintritt:
Erwachsene:                                   6 €
Kinder und Jugendliche bis 18:    1 €

Gruppen ab 20 Personen:           5 €

Personen mit Behinderungen:     3 €

Kinder bis 6 Jahre:                        frei

Veste Coburg,
96450 Coburg

Telefon.: 09561-879 0,
Infotel.  : 09561-87900,
Fax: 09561-879 66

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www.kunstsammlungen-coburg.de

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