Die Oberitalienischen Seen

Die Oberitalienischen Seen
Drei Seen, zwei Länder in Oberitalien

Ein Teil der Oberitalienischen Seen liegt auf schweizerischem Gebiet 

 
Das südalpine Dreiseengebiet hat eine magische Anziehungskraft 

 ....Es ist ein Glück, unter Kastanien zu gehen, sagst du an einem Novembermorgen zu mir, während die gebündelten Maishalme unter den Fenstern leuchten und die Dorffrauen die Tür zum Laden öffnen. Es ist ein Glück, das Leben zu schwänzen, das uns nicht gehört, um dem Rascheln der Blätter zu lauschen, das nur uns gilt.... Sensibel fängt der Tessiner Schriftsteller und intellektuelle "Grenzgänger“ Alberto Nessi (geb. 1940) die Stimmung im oberitalienischen Dreiseengebiet ein. Diesen leuchtenden Hauch von Süden, die mediterrane Leichtigkeit des Lebens, durchzogen von einem Hauch erdenschwerer aber nie deprimierter Melancholie. 


Comer See 
Der Comer See lädt zum inspirierenden Wechselbad zwischen mondäner Eleganz und rauher Bescheidenheit. Der Comer See liegt ausschließlich in Italien, gibt sich zurückhaltend, ruhig und bescheidener als der Luganer See und der Lago Maggiore. Ausladender architektonischer Prunk fehlt auch am 50 km langen, seltsam Y-förmigen Comer See nicht. An manchen Orten steigen die Ufer steil und schroff an wie an einem alpinen Bergsee – und gleichzeitig sprießt im milden mediterranen Klima die barocke Pracht subtropischer Flora. Diese Kombination von landschaftlichen Gegensätzen ist vor allem an der Westküste des Sees umwerfend schön – und es erstaunt niemanden, dass die Reichen und Edlen sich schon im 18. und 19. Jahrhundert zwischen Como und Gravedona die besten Standorte zur Verwirklichung ihrer ästhetischen Träume gesichert haben. Prachtvolle, teilweise gigantische Villen – etwa die weltberühmt Villa d`Este in Cernobbio oder die Villa Carlotta in Tremezzo – legen noch heute davon Zeugnis ab.  

 

Wenn man an den Comer See kommt, sollte man unbedingt der Ortschaft Bellagio einen Besuch abstatten. Die Lage von Belaggio an der Spitze der dreieckigen Halbinsel zwischen den beiden südlichen Ästen des Comer Sees ist wunderschön. Mit seinen schmalen Gässchen und steilen Treppen, den blumenbekränzten Boutiquen und prächtigen Villen hat Bellagio Flair und ist der schmuckvollste Ort am Comer See.  

 

Die Stadt Como liegt direkt am See. Besonders sehenswert ist u. a. neben der Uferpromenade der Dom "Santa Maria Maggiore“. Am besten man setzt sich in eines der Straßencafés auf der Piazza Duomo und betrachtet bei einem Espresso das Ensemble von außen. Man ist geneigt, den Dom zusammen mit dem ehemaligen Gemeindehaus Broletto und dem Stadtturm Torre Communale als Gesamtwerk zu bestaunen, denn die aneinander gereihten Bauwerke wirken wie ein einziges, obwohl sie es nicht sind.  

 

Der Dom gilt als einer der letzten großen Würfe der Spätgotik, die Renaissance ist im Grundriss und in den Dekorationen der Fassade bereits erkennbar. Im Inneren enthält der Sakralbau 500 Jahre alte Wandteppiche sowie Gemälde von Bernardino Luini. 

 

Luganer See 
Die überschäumende Natur ist auch am Luganer See, in Italien Ceresio genannt, vielerorts gezähmt, von Straßen und Häusern zerschnitten, von Lärm beeinträchtigt. Aber die Landschaft um den kleinsten der drei großen Oberitalienischen Seen hat den Zauber von einst keineswegs verloren. Da hat sich zwar die reiche, stolze Stadt Lugano, wo die Rationalität des Finanzplanes an jeder Ecke hervorlugt, in ihrer wunderschönen Bucht ohne ästhetische Rücksichtnahme breiter und breiter gemacht Doch der vielfingrige gewundene Lago di Lugano hat nicht aufgehört, seine märchenhafte Magie des Un-wirklichen auszustrahlen. Wer von einem der phantastischen Aussichtspunkte der Region auf die grüne, vielerorts nur von kleinen Dörfern durchsetzte, fjordähnliche Landschaft blickt, mag die weniger schönen Stunden dieser Welt für eine Weile vergesssen. 

 

Die Stadt Lugano schaffte den Aufschwung zur Finanzmetropole erst nach dem Bau des Dammes von Melide (1847) und der Inbetriebnahme der Gotthard-Bahn (1882). Die Faszination Luganos liegt – auf den ersten Blick zumindest – offen da. Die Lage der Stadt sucht ihresgleichen. Mitunter wird Lugano sogar mit Rio de Janeiro verglichen. Lugano ist der drittwichtigste Finanzplatz der Schweiz. Kein Wunder also, dass in der wunderbaren Stadt am Ceresio auch zwielichtige Finanziers Einzug gehalten haben. Vor allem das schweizerische Bankgeheimnis, aber auch die etwa für Zigarettenschmuggler günstige Gesetzgebung hat aus Lugano einen bevorzugten Standort für kriminelle Finanzhaie gemacht.

Davon merkt man als Besucher allerdings nichts. Die außergewöhnliche Lage und die zahlreichen prunkvollen Villen und Palazzi, verleihen der Stadt eine elegante Grandezza, gegen die selbst Grundstücksspekulation und Baufieber, die die historische Bausubstanz in den letzten 30 Jahren arg angegriffen haben, nicht ankommen.  

 

Bei einem Besuch der Altstadt sollte unbedingt das Kirchlein Santa Maria degli Angioli in Augenschein genommen werden. Dieses Kirchlein glänzt in seinem Inneren mit einem wertvollen Fresko von Bernadino Luini aus dem 16. Jahrhundert.  


Lago Maggiore
Wer den Lago Maggiore über die Alpen kommend, erstmals zu Gesicht bekommt, merkt sofort: Hier beginnt der Süden, das Mittelmeer kann, obschon die Berge mit dem ewigen Schnee noch im Blickwinkel sind, nicht mehr weit sein. Der 66 km lange See wirkt deshalb so anziehend, weil er Gegensätze vereint und sie gleichzeitig auf ein erträgliches Maß abschwächt. Die bewaldeten Bergflanken vor allem auf der westlichen Uferseite mit den bekannten Ferienorten Ascona, Brissago, Cannobio, Pallanza, Stresa und Arona sind streckenweise entstellt durch mitunter burgähnlich eigefriedeten Luxusvillen. Doch die Dorfkerne am Wasser – mit den farbigen Häusern, die sich im See spiegeln, den schmalen Gässchen, den Spezialitätenläden mit den barocken Auslagen – haben fast alle ihr bescheidenes, mediterranes, sanftes Antlitz bewahrt. Bei einem italienischen Cappuccino oder einem erfrischenden Gelato fühlt man sich da in den Ferien, selbst wenn es sich nur um einen Kurzurlaub handelt. Der Langensee, so der kaum noch gebräuchliche deutsche Name, mit einer Fläche von 212 qkm hinter dem Gardasee der zweitgrößte italienische See, gehört nicht ganz zu Italien. Ein kleiner, aber mit den Brissagoinseln, Ascona und Locarno sowie dem mächtigen Zufluss Ticino wichtiger Teil fiel im 16. Jahrhundert an die Schweiz. Am Verbano, wie der Lago Maggiore in Italien genannt wird, treffen sich nicht nur die Schweiz und Italien, sondern auch die italienischen Regionen Piemont (das Westufer) und Lombardei (das Ostufer).   

 
Santa Caterina del Sasso

Direkt am Felsen klebt die Einsiedelei in Leggiuno und bietet einen atemberaubenden Blick über den See. Die Legende erzählt, dass im 12. Jahrhundert ein reicher Seefahrer in einem heftigen Sturm auf dem See beinahe umgekommen war und zum Dank sein Leben fortan als Einsiedler fristete. Während der Pest ließ er eine Kapelle bauen, in der er bestattet und die zum Ziel für Pilger wurde. Später errichteten die Dominikaner ein Kloster.  


Booromäische Inseln

Sie werden zuweilen als Weltwunder bezeichnet: die drei Booromäischen Inseln – benannt nach ihren ehemaligen Besitzern, der einflussreichen Mailänder Familie Borromeo – Isola Bella, Isola Madre und Isola dei Pescatori. Die Inseln können mit dem Schiff von Stresa, Pallanza und Baveno aus besucht werden. Als wahres Wunderwerk gilt die Isola Bella. Obwohl der Palast mit seinem punktvollen Ballsaal und den weitläufigen Freitreppen im 17. Jahrhundert begonnen und erst im 19. Jahrhundert vollendet wurde, wird der Bau als Einheit empfunden. Ein regelrechtes Kunstwerk sind die zu einer Pyramide zulaufenden Terrassengärten. Die größte der drei Inseln ist die Isola Madre, deren Palast Lancilotto Borromeo 1501 zu bauen begann. Hier sind seltene Marionettenfiguren ausgestellt, doch ist es wiederum der Garten mit einer spektakulären Zypresse, der einzigartig ist.  


Die Isola dei Pescatori wäre auch heute noch ein schlichtes Fischerdorf,
hätten nicht die Fischer den zahlreichen Restaurants Platz gemacht 


Es ist empfehlenswert, die Inseln am Rande der Reisezeit zu besuchen,
damit man nicht nur die unzähligen Souvenirläden, sondern auch
die dann etwas abschwellenden Touristenströme übersehen kann 


Locarno  

Locarno – der Name hat über die Grenzen der Schweiz hinaus einen großen Klang. Da erstaunt es, wie klein dieses Locarno in Wirklichkeit ist. Ein Städtchen zum eigenen Bedauern geografisch abgeschnitten von den Impulsen der großen Verkehrsachse zwischen Nord- und Südeuropa, ein Mikrokosmos, in dem jeder jeden kennt. Diese Kleinheit mag man mit Provinzialität gleichsetzen – im Falle von Locarno zählt aber etwas anderes: der Charme des Überschaubaren, der dem Städtchen trotz der internationalen Ambitionen auf dem Tourismusmarkt nicht abhanden gekommen ist. Nie wird es so deutlich wie jedes Jahr Anfang August: Zum internationalen Filmfestival ist Locarno für zehn Tage der Nabel der Filmwelt und es zelebriert diese Aufmerksamkeit mit einer Großzügigkeit, die nur ein Kleinstädtchen zu Stande bringt. 


Madonna del Sasso

Die gelbe Wallfahrtkirche thront 150 Meter wie ein Schutzengel über Locarno. Sie kann zu Fuß auf dem Kreuzweg erreicht werden  wobei die herrliche Aussicht über Stadt und See gleich inbegriffen ist. Das Gotteshaus stammt aus dem 16. Jahrhundert und enthält kunstvolle Malereien sowie lebensgroße Holzfiguren. Wer auf den halbstündigen Treppenaufgang verzichten will oder muss, nimmt die Standseilbahn, die alle 15 Minuten von der Via Ramogna fährt.  

 

Erstaunlicherweise hat sich die Magie des oberitalienischen Seengebiets auch im Zeitalter der Billigflüge nach Übersee nicht überlebt  weil der gebaute Luxus des Geldadels, obschon er seine Patina da und dort verloren hat und traurig vor sich hin modert, auch im 21. Jahrhundert noch viele Träume anregt. Dieser nostalgische Mythos trifft an den Oberitalienischen Seen auf die gelebte Realität der Einheimischen  und deren rauhe Echtheit steht zur polierten Ferienfassade in eindrucksvollem Kontrast. Genau das macht das Gebiet indes erst recht besuchenswert.

Alle Fotos: 2013 © Ulrich Göpfert

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