Der unentbehrliche Schubkarren

"Der unentbehrliche Schubkarren“
Vom Transport, der Dorfkirchweih, dem Schmiermann
und anderem Schabernack


Foto: 2015 © Ulrich Göpfert

Zur Zeit unserer Großeltern war der Schubkarren das meist gebrauchte Fahrzeug im Dorf. Der Bauer und seine Knechte sowie Mägde konnten ohne dieses "Einrad“, das man mit zwei Armstangen und einem Tragband in Bewegung setzte und zu den verschiedensten Zwecken verwendet werden konnte, gar nicht sein.

Befördert wurde alles:
Güter aller Art, auch Tiere und sogar Menschen wurden auf dem Schubkarren befördert. Am meisten wurde der Schubkarren zum Grasholen benötigt. Da fuhr meist die Bäuerin oder Magd, eine Sense aufgebunden, zum Grasholen hinaus zum Anger oder zu den Feldrainen und schnitten sich eine Fuhre. Mit einem Strick wurde die Grasladung auf dem Karren festgehalten und die Sense obenauf in die Grasmasse eingehakt. Heu in kleinen Mengen auf Feldrainen wurde mit dem Schubkarren heimgefahren. Das Aufladen musste verstanden sein, damit das Gefährt beim Fahren in das richtige Gleichgewicht kam. Der Schubkarren wurde dabei rückwärts gezogen, weil man beim Schieben nicht über die getürmte Fracht hinweg hätte schauen können.


Foto: 2015 © Ulrich Göpfert

Anders war es beim Mehl holen in der Mühle. Da wurde der Schubkarren mit ein oder zwei Säcken beladen und vorwärts geschoben. Da hieß es gute Balance halten! Ziegen, die zum Bock in entfernte Ortschaften mußten, und nicht recht laufen wollten, wurden gleichfalls mit der Schubkarre befördert.


Foto: 2015 © Ulrich Göpfert

Der Schubkarren spielte bei der Dorfkichweih eine wichtige Rolle
Natürlich spielte der Schubkarren damals bei der Dorfkichweih eine Rolle. Wenn die Kärwaburschen im Dorf von Haus zu Haus spielten, dann führten sie außer der Gießkanne oft ein angezapftes Faß Bier auf dem Schubkarren mit.


Foto: 2015 © Ulrich Göpfert

Der Hannsnickel, ein Dorforiginal in alter Zeit, war an jeder Kirchweih stockrappelvoll. Auf den Beinen konnte ihn seine Frau, die Babett, nicht nach Hause bringen. Sie borgte sich beim Wirt einen Schubkarren aus, lud die "Bierleiche“ auf und brachte diese ohne große Mühe heim, wo der Hannsnickel seinen Rausch ausschlafen konnte. Am nächsten Morgen hielt ihm seine Babett eine "fröhliche Morgenpredigt“, die er bereits gegen Mittag wieder vergessen hatte, denn sein Weg führte ihn ohne Umweg direkt in das Dorfwirtshaus. Seine Saufkumpane warteten dort schon auf ihn.


Foto: 2015 © Ulrich Göpfert

Aber auch anderen Schabernack trieben die Dorfburschen in früherer Zeit mit dem Schubkarren. So stellten sie ihn öfters in der Nacht aus Übermut auf den Schlot eines Bauernhofes. Hochzeitsgefährte wurden auch durch quer gestellte Schubkarren aufgehalten. Der "Wagner-Paul“, ein Taglöhner der alten Zeit, bereitete es immer ein besonderes Vergnügen, wenn er die zur Kirche fahrende Hochzeitskutsche mit Hilfe eines Schubkarren stoppen konnte. Er hatte seinen Schubkarren umgestülpt, so dass das Rad nach oben stand. Er drehte das Rad und markierte den arbeitenden Scherenschleifer. Der Weg wurde erst freigegeben, wenn der Bräutigam ein Trinkgeld springen ließ.

Manche hatten sich an den Schubkarren so gewöhnt, dass das Sprichwort ging, man begebe sich mit ihm sogar in die Kirche. Tatsächlich ist es vorgekommen, dass sich früher alte Mütterchen und Großväter, die nicht mehr so recht auf den Beinen waren, von ihren erwachsenen Enkeln mit dem Schubkarren zum benachbarten Kirchdorf fahren ließen. Vor dem Kirchdorf freilich stiegen sie ab, damit die Leute des Nachbarortes nicht etwa mit Gespött darüber geredet hätten.

Ein Ereignis für die Kinder und auch für die Erwachsenen weit abgelegener Dörfer war es einst, wenn von Zeit zu Zeit der "Schmiermann“ ins Dorf kam. Der einen Schlapphut tragende, barfuss in Lederpantoffeln humpelnde Alte zog einen mit drei Kübel beladenen Schubkarren hinter sich her und rief: "Schmier koft“! Da kamen die Dorfleute mit Büchsen und Dosen herbei und ließen sich diese mit Schuh- und Wagenschmiere oder auch mit Teer füllen.

Die Schubkarren der alten Zeit haben längst ausgedient. Sie ruhen oft in den Abstellräumen der Scheunen, in der Holzlege oder in einem Schuppen. Einst waren sie unentbehrlich, heute sind sie vergessen, sind "altes Gerümpel“, das in der Versenkung verschwunden ist. Einige haben jedoch Auferstehung gefeiert. Sie stehen, buntbemalt, als "Blumenständer“ im Bauerngarten!

Quellenhinweis: Georg Schwarz

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